Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Für eine moderne Landwirtschaft unter Nutzung nachhaltiger Fortschritte sprach sich DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer auf der DLG-Wintertagung in Berlin aus. In seiner Ansprache zur großen Vortragsveranstaltung zeigte sich Bartmer davon überzeugt, dass ein Verzicht auf Fortschritt mit Blick auf die in wenigen Jahren auf zehn Mrd. Menschen angewachsene Weltbevölkerung schuldig machen kann. Eine Welt mit absehbaren Knappheiten werde die Notwendigkeit für Fortschritte bei der Lebensmittelproduktion anders beurteilen als eine Gesellschaft, die ausreichend mit pflanzlichen und tierischen Produkten versorgt ist. Es gelte daher vor allem, Techniken und Technologien einzusetzen, die helfen, knappe Ressourcen vom Wasser bis zur fruchtbaren Agrarfläche effizienter und nachhaltiger zu nutzen.

Wintertagung in Berlin (Foto: DLG)

„Fortschritte für Nachhaltigkeit kann es nur im globalen Kontext geben, sonst würden wir vernachlässigen, dass auch eine die Ökologie präferierende Bodennutzung indirekte Landnutzungsänderungen an anderen Orten der Welt auslösen könnte. Irgendwo muss ja der Weizen wachsen, den wir dann nicht mehr produzieren. Diese Landnutzungsänderungen könnten sensiblere Biotope treffen, als die, die wir hier aufbauen“, betonte der DLG-Präsident vor den rund 800 Besuchern.

Fortschritt ist für Prof. Dr. Klaus Kornwachs vom Büro für Kultur und Technik in Argenbühl ein perspektivischer Begriff. Statt den großen Fortschrittsideen zu huldigen, empfiehlt er, die anderen, kleinen, zahlreichen und wertvollen Schritte zu bedenken. Der Fortschritt sei zu komplex, als dass man ihn ernsthaft überhaupt nur andenken könne. Kornwachs hält daher aufeinander aufbauende Verbesserungen, die bestehendes Unrecht, Unheil, Unvollkommenheit, Mangel, Leid und Machtlosigkeit wenigstens ein bisschen lindern oder beheben helfen, für den geeigneten Weg.

Nach Auffassung von Dr. Andreas Möller, Autor des Buchs „Das Grüne Gewissen – wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“, sind die Deutschen mitnichten Technikfeindlicht. Die Begeisterung sei ungebrochen für das, was man Alltagstechnik nennt, wie zum Beispiel für Smartphones. Hierbei handele es sich um Technik, „die unsere Emotionen anspricht“, so Möller. Hinterfragt würden hingegen all jene Techniken, von denen ein Gefährdungspotenzial ausgeht. So gehöre eine gewisse Form der Technikskepsis oder Gleichgültigkeit gegenüber Naturwissenschaften in Deutschland zum „guten Ton“. Andererseits werde Deutschlands Renommee in der Welt entscheidend von Erfindergeist und Technikbegeisterung geprägt. Sein Fazit lautet: „Man soll sich auf die produktive Kraft des Fortschritts besinnen, anstatt den Status quo zu verteidigen.“

Ansatzpunkte für einen alternativen Fortschritt stellte Johannes Gutmann, Gründer und Inhaber der österreichischen SONNENTOR Kräuterhandelsgesellschaft vor. In seinem überaus engagierten und lebhaften Vortrag zeigte er anhand von fünf Säulen auf, woran der alternative Fortschritt zu messen ist. „Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sowie Transparenz stehen für mein Modell der Gemeinwohlökonomie“, betonte Gutmann. Diese Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich, so der Kräuterspezialist, als ergebnisoffener, partizipativer, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung. Sein Leitmotiv für den Unternehmenserfolg ist das konsequente Vorleben, das Vertrauen und Motivation schaffe. Motivation durch Offenheit für Innovation, Emotion und Werte-Kommunikation führen seiner Meinung nach zur ständigen Verbesserung.

Dr. Léon Broers, Vorstand der KWS Saat AG, hält eine starke wissenschaftliche Landschaft in Deutschland, die Pflanzenwissenschaften auf höchstem Niveau betreibt, für absolut notwendig. Nur so könnten die großen Herausforderungen der Zukunft bewältigt werden. Wie der KWS-Vorstand erklärte, sei eine globale jährliche Produktivitätssteigerung im Ackerbau um mindestens 1,5 % notwendig, um die wachsende Weltbevölkerung dauerhaft ausreichend zu ernähren. Die Fläche, die pro Kopf für den Anbau zur Verfügung steht, sei seit 1950 kontinuierlich geschrumpft und werde im Jahr 2050 nur noch 0,2 ha pro Kopf betragen. 1950 waren es noch 0,5 ha pro Kopf. Daher sieht Broers die gegenwärtige Entwicklung mit Tendenzen zur Überregulierungen kritisch. „Diese führen dazu, dass neue Technologien teuer werden und den Zugang zu genetischen Ressourcen einschränken. Das gelte insbesondere für Europa. Langfristig habe das zur Folge, dass europäische Pflanzenzüchter nicht mehr im globalen Wettbewerb mithalten können. Eine weitere Konsolidierung der Branche sei dann zu erwarten, was den Wettbewerb auf wenige große, nicht unbedingt europäische, Unternehmen reduziere. „Das ist für die Innovation in der deutschen Landwirtschaft keine gute Situation“, mahnte der KWS-Fachmann.

Fortschritt in der Tierhaltung muss den Weg über Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz gehen. Fortschrittstreiber werden die Anforderungen an Tiergesundheit, Tierwohl und transparente Labelproduktion sein. Dies erklärte Prof. Dr. Eberhard Hartung von der Universität Kiel. Tierindividuelle Haltungsbedingungen werden zusätzlichen Managementaufwand erfordern, ermöglichen laut Hartung aber auch ein individuelles Monitoring und verbessern die Früherkennung. Nachhaltige Produktionssysteme aufzubauen, bedeutet für Hartung am Beispiel Tierernährung Nährstoffkreisläufe zu schließen und ganz konkret Verlustflächen zu vermeiden bei der hofeigenen Futterproduktion. Voraussetzung dafür ist die Analyse der Nährstoffflüsse vom Futterrohstoff bis zur Fütterung. Auf der Strecke steckt in der Regel auch ein großes Einspar- und Optimierungspotenzial. Die Ebene der Kommunikation und der Dialog mit den verschiedensten gesellschaftlichen Organisationen und Verbrauchern wird in Zukunft ein noch höheres Maß an Transparenz verlangen, so die Einschätzung von Hartung. Keine Angst vor Transparenz, war deshalb eine der zentralen Aussagen des Wissenschaftlers. Dazu können Informationsangebote, wie der interaktive Stall im Internet, beitragen. Reines Lobbyinteresse wird in Zukunft allerdings nicht ausreichen. Der Dialog muss aber gewollt sein, mahnte Hartung.

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