Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Das sozialpartnerschaftliche Weiterbildungsangebot für Fachkräfte im Garten- und Landschaftsbau, bekannt unter GaLa-Q, geht nun nach dem Probelauf verschiedener Kurse an 11 ausgewählten Bildungseinrichtungen in die konkrete Umsetzung. Ab dem Frühjahr 2021 dürfen alle bisher beteiligten Bildungseinrichtungen die GaLa-Q-Kurse Vegetationsflächenpflege, Baustellenleitung und Bautechnik nach den bestehenden Bildungsplänen anbieten und unterrichten. Des Weiteren wird das GaLa-Q-Bildungsportfolio aufgrund einer Unternehmensbefragung um einwöchige Kurse zu den Themen Treppen bauen, Wegedecken pflastern und Stauden pflegen für angelernte Beschäftigte ausgebaut.

Blended Learning / Anleitung

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Zertifizierte Mitarbeiter

GaLa-Q ist ein berufsständisches Weiterbildungssystem mit einer absolut bedarfsgerechten Ausgestaltung, das nicht nur die fachlichen Qualifikationen der Mitarbeiter im Blick hat, sondern bei gleichzeitiger Förderung einer hohen Eigenverantwortung sehr wohl auch die Produktivität. Doch das ist noch nicht alles, die Sozialpartner haben bei diesem durch den ESF (Europäischer Sozialfonds für Deutschland) geförderten Fachkräftesicherungsprogramm mit Hilfe von INIFES (Internationales Institut für empirische Sozialökonomie gGmbH) ein Paket geschnürt, das ebenso den Erhalt der Leistungsfähigkeit bei körperlich anstrengenden Arbeiten auf der Baustelle sowie die alternde Belegschaft im Blick hat. Das Wissen zum betrieblichen Gesundheitsmanagement und somit zu den Themen gesundes Führen und altersgerechtes Arbeiten wird zukünftig über Online-Schulungen sowie Betriebsprojekte inklusive Vor-Ort-Workshops angeboten. Hier scheint tatsächlich eine Art „eierlegende Wollmilchsau“ im Fortbildungsbereich gelungen zu sein. Selbst das Thema Digitalisierung findet in Zukunft durch ein eigenes 5-tägiges Kursangebot Berücksichtigung und führt innerbetriebliche Treiber an branchenspezifische Anwendungen digitaler Technik heran.

„Für die bestandene Prüfung am Ende der Kurse bekommen die Teilnehmer in Zukunft ein Zertifikat verliehen, an dem zurzeit mit Hochdruck gearbeitet wird“, erklärt Alexander Kühl, Projektleiter für GaLa-Q von INIFES. Denn neben der Qualitätssicherung in der Weiterbildung obliegt dem GaLa-Q-Ansatz auch die Verantwortung, mit diesem Zertifikat der Branche eine transparente Auskunft über den Bildungsstand der Mitarbeiter zu geben. „Dabei ist es die Aufgabe von INIFES die Ideen, Wünsche und Gedanken des Berufsstandes zu ordnen und sie im Projekt umzusetzen. Diese externe Beratungsleistung pusht den Prozess, alle Partner ziehen an einem Strang und mit dem Kurs-Zertifikat wird dieser Bildungsweg zu einer transparenten und wertigen Fortbildung, denn alles ist ganz eng am Bedarf orientiert“, erklärt Kühl. Viele Vorarbeiter und Baustellenleiter sind schon Ende Dreißig oder Anfang Vierzig, einige davon eventuell sogar nur angelernte Kräfte und werden keine Meister- oder Technikerschule mehr besuchen. Genau an diese Mitarbeiter richtet sich GaLa-Q. „Das ist ein nicht zu unterschätzender und im Sinne der Fachkräftesicherung sogar ein sehr hoher Anteil an Mitarbeitern im Garten- und Landschaftsbau, den die Betriebe nach dieser Fortbildung anders und vor allem mit mehr Verantwortung einsetzen kann“, freut sich Kühl, der berichtet, dass viele Unternehmer klagen, dass sie blutjunge Meister im Betrieb haben, die keine Führungsaufgaben übernehmen möchten. Aus Gesprächen mit Unternehmer*innen weiß Kühl, dass diese meist ein bis zwei Beschäftigte für den GaLa-Q-Weg im Blick haben. In der gegenwärtigen Modellphase wählen die Betriebe die Teilnehmenden aus, doch das sozialpartnerschaftliche Ziel definiert, dass sich zukünftig alle Beschäftigten für diese Weiterbildung selbstständig anmelden können. Nur so kann die Weiterbildungsbeteiligung als Steigbügelhalter der Fachkräftesicherung bedarfsgerecht und auch dauerhaft durch GaLa-Q gesteigert werden und dann wird das System laut Kühl zum „atmenden“ Baukasten.

Paul Saum, Vorsitzender des BGL-Ausschusses Berufsbildung und Mitglied im Steuerkreis GaLa-Q spricht mit großer Begeisterung von diesem Projekt: „Aus meiner Sicht ist dies ein herausragendes Weiterbildungsangebot mit einer Tiefe, wie es bislang in unserer Branche nicht möglich war. Deshalb gelten meine große Dankbarkeit und Anerkennung allen ehren- und hauptamtlichen Vertretern, die hier aktiv und absolut zukunftsorientiert zum Wohle unseres Berufsstandes, aber auch zum Wohle unserer sehr wertvollen und wertgeschätzten Mitarbeiter mitgewirkt haben.“

So sehen GaLa-Q-Prüfungen aus

Nach der Fortbildung geht es aber nicht nur um die Umsetzung des erlernten Wissens, sondern vor allem auch um eine neue berufliche Rolle und somit die Wahrnehmung von Führungsaufgaben. „Die Prüfung besteht deshalb aus der Methode des Fachgesprächs, welchem ein betriebseigenes Projekt in Form einer Baustelle zugrunde liegt“, beschreibt Kühl die Anforderung. Der Prüfling wählt das Projekt selbst aus, dokumentiert dieses so, wie es im Kurs gelehrt wurde, bringt die notwendigen Unterlagen zur Prüfung mit und stellt sich während der Erläuterung in einem 45-minütigen Gespräch den vertiefenden Fragen der Prüfer. „Dabei schwingt die allumfassende Kompetenz, bestehend aus der fachlichen, aber eben auch aus der Führungskompetenz, permanent mit“, erläutert Kühl. Die Erfahrung der Prüfer ist für dieses Gespräch sehr wichtig, denn hier geht es darum, die Fragen so zu stellen, dass sie dem gelehrten Bildungslevel entsprechen. „Es ist eben weder eine Facharbeiterprüfung noch eine Meisterprüfung, sondern genau das Niveau dazwischen“, merkt Kühl an. Großen Wert wird dabei auf den Gebrauch der GaLaBau-typischen Fachsprache sowie das betriebswirtschaftliche Denken in diesem Grenzbereich der Verantwortung gelegt. Das sollten die Prüflinge tatsächlich verinnerlicht haben, lautet Kühls Tipp, der bei allen vier Muster-Prüfungen in insgesamt zwei Bildungseinrichtungen mit vor Ort war. „Viele Bildungseinrichtungen sehen im GaLa-Q-Weiterbildungsangebot einen echten Markt und keinerlei Konkurrenz zu den Meister- und Technikerkursen“, führt Kühl weiter aus.

Digitales Alleinstellungsmerkmal der LVG in Heidelberg

Einen besonderen Weg im Rahmen der GaLa-Q-Weiterbildungen schlägt die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt in Heidelberg (LVG) ein. Sie wird als einzige Bildungseinrichtung die Kurse Vegetationsflächenpflege und Baustellenleitung ab Anfang Februar 2021 in Kombination mit einem Blended-Learning-Konzept anbieten. Digitale Bildungsmethoden sind für die LVG nichts Neues, sondern hier greift man bereits auf langjährige Erfahrung bei verschiedensten Fort- und Weiterbildungsangeboten zurück. Die Idee, diese digitale Selbstlernmethode für die zukünftigen GaLa-Q-Kurse einzusetzen, wurde bereits in der Probephase des Projektes im Jahr 2019 geboren.

Geschichten unterstützen das E-Learning

Die Einbeziehung der Lebens- und vor allem der Arbeitswelt des Lernenden führt zu didaktischen Bildungslösungen, die richtig Spaß machen und immer wieder die Neugierde wecken. Christian Schambach und Susanne Herzhauser, zwei junge Mediendidaktiker der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, mit welcher die LVG bereits seit vielen Jahren kooperiert, kreieren im Moment zusammen mit der fachlichen Unterstützung von Projektleiterin Melanie Selcho, die an der Hochschule in Weihenstephan Triesdorf Landschaftsbau und Management studierte sowie dem Sachgebietsleiter Michael Heck die Themen für diese digitalen Unterrichtsinhalte.

Unser Gehirn liebt Geschichten, denn die kann es sich am besten merken und so hat das Team der LVG den Lernstoff in eine fiktive GaLaBau-Firma mit berufstypischen alltäglichen Vorkommnissen eingebettet. Um jedes Lernfeld rankt sich eine andere kleine Story. So fällt beispielsweise beim auszuführenden Auftrag einer Rasenfläche der Sack mit dem Grassamen beim Aufladen auf den Boden, platzt und gibt seinen Inhalt breitflächig preis. Die Samen sehen nicht alle gleich aus, was die perfekte Überleitung zu den verschiedenen Gräser-Sorten darstellt, die dann mit Bildern sowie kurzen prägnanten Texte erläutert sind. Ganz nebenbei erinnert das Lernprogramm den Mitarbeiter, dass sich dieser Grassamen aufgrund der aufgesogenen Feuchtigkeit nicht mehr verwenden lässt. Beim Nachbestellen wird nun ein genauer Blick auf das Etikett notwendig und erschließt weiteres Fachwissen. Am Ende dieses Kapitels mäht dann der digitale Mäher mittels Computermaus die Halme noch auf die richtige Länge. Der gesamte Stoff erschließt sich sehr abwechslungsreich über Erklärfilme, interaktive Beiträge, fachliche, aber dennoch witzige Spiele, sinnvolle Wiederholungen und Tests, welche das erlernte Wissen prüfen und somit nicht nur den digital affinen Mitarbeitern Spaß machen. Die Anwendungen werden zudem parallel von der Pädagogischen Hochschule im Rahmen eines Forschungsprojektes evaluiert.

Wissenstiefe, die Sinn macht

Für den zweiwöchigen GaLa-Q-Kurs Vegetationsflächenpflege stehen rund 20 Prozent des Wissens digital bereit und die Inhalte zum Baustellenleiter stehen mit einem ähnlichen prozentualen Anteil kurz vor dem Abschluss. „Wir haben die Themen Stauden, Sträucher & Schnitt, Boden & Düngung sowie Rasen mit Fachkollegen ausgewählt, da diese aus unserer Sicht die Kursinhalte mit am wenigsten Diskussionsbedarf sind“, berichtet Schambach. Cedric Riehm und Viktoria Kempf machen zurzeit Ihren Meister an der LVG und testen gemeinsam mit ihrer Klasse immer wieder die Wissenstiefe, die vermittelt wird. Zusammen mit Melanie Selcho beurteilen sie, wie der Gärtneralltag auf den Baustellen tatsächlich aussieht und welche Fachtiefe für die GaLa-Q-Ausbildung Sinn macht. „Das Ziel ist, die Kursinhalte später gut und einfach in die Praxis umsetzen zu können“, erklärt Selcho, die sich hiervon zukünftig durch weniger Schnittstellenprobleme zwischen Büro und Baustelle bessere Baustellenergebnisse erhofft. „Für mich ist die fachlich passende Stofftiefe dann erreicht, wenn der Mitarbeiter seine persönlichen Grenzen und damit einhergehende kritische Baustellensituationen erkennt und Rücksprache hält, bevor das Kind in den Brunnen fällt“, so die erfahrene Bauleiterin, die das Projekt zurzeit noch einen Tag in der Woche betreut. „Im Dezember testen wir alle Themen noch einmal gemeinsam mit der Meisterklasse inklusive digitalem Feedbackbogen“, erläutert Herzhauser, die sich hiervon weitere Anregungen erhofft. Natürlich funktionieren die Inhalte des Blended-Learnings auch auf Tablets und Smartphones. Die beiden Meisterschüler Riehm und Kempf finden dieses Bildungsangebot bereits jetzt absolut empfehlenswert, auch für ungelernte Kollegen, die über langjährige praktische Erfahrungen verfügen.

Vorteile für alle Beteiligten

Christoph Hintze, Schulleiter der LVG, sieht gleich mehrere Vorteile für die Teilnehmer und deren Betriebe durch das ergänzende Blended-Learning Konzept: „In der Regel ist jeder Tag, den der Mitarbeiter im Betrieb ist, ein wertvoller Tag für den Arbeitgeber. Durch unser digitales Lernangebot benötigen wir lediglich vier von ansonsten fünf Präsenztagen pro Woche. Das bedeutet aber nicht, dass diese Lernzeit vom Arbeitnehmer privat aufzuwenden ist, sondern wir stellen uns vor, dass dieser beispielsweise bei einem zweiwöchigen Kurs an rund vier Freitagnachmittagen freigestellt wird, um sich den Stoff während der Arbeitszeit anzueignen.“ Für den Mitarbeiter ist diese Art des Lernens neben der Abwechslung durch die Lehrmethodik auch gleichzeitig ein Heranführen an die Digitalisierung, die auch für den GaLaBau immer wichtiger wird. Die Angst vor Apps oder neuen Tools, wie zum Beispiel dem Schreiben digitaler Tagesberichte, wird rasch abgebaut. Auch hier macht Übung den Meister beziehungsweise den zertifizierten GaLa-Q-Mitarbeiter. „Trotzdem betreten wir mit dieser Bildungsstufe Neuland und sind sehr gespannt, wie unser Angebot von Kursteilnehmern und Betrieben angenommen und bewertet wird“, äußert sich Hintze.

 

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