Fußball als Sinnstifter in der Erinnerungskultur
Mäsing betont, dass eine Pauschalisierung des Glaubens an ein Leben nach dem Tod bei Fußballfans nicht möglich sei. Jedoch hätten insbesondere Hardcore-Fans eine intensive Beziehung zu Themen wie Erinnerung, Tradition und Vergangenheit, die eng mit Tod und Sterben verbunden sind. Der Übergang vom Fußballstadion zum Friedhof sei daher nur auf den ersten Blick ungewöhnlich.
Der Profifußball biete seinen Anhängern ein immenses Sinnstiftungspotenzial und habe in dieser Hinsicht Funktionen übernommen, die früher Kirchen innehatten. Fußballvereine, deren Geschichte oft bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, verbinden Generationen durch eine reiche Erinnerungskultur. Diese umfasst Gedächtnisorte wie Stadien, Gedenkstätten wie Vereinsmuseen sowie kleinere Memorabilia wie Eintrittskarten oder Sammelbilder von Spielern.
In diesem Zusammenhang stelle sich neben der Frage nach der Vergangenheit und den Traditionen des Vereins auch die nach verstorbenen Mitgliedern, Spielern und Vereinsrepräsentanten. Als Beispiel nennt Mäsing den Kult um Fritz Walter in Kaiserslautern.
Heimatbezug und die Bedeutung von Erinnerungsorten
Der enge Bezug zu einem Verein impliziert meist eine starke Affinität zur Heimatstadt des Klubs. Ein HSV-Fanfriedhof in größerer geografischer Entfernung von Hamburg sei daher unwahrscheinlich, da es dort naturgemäß weniger Fans des Vereins gebe. Mäsing weist darauf hin, dass Fans oft den Wunsch äußern, ihre Gräber so auszurichten, dass sie in Richtung des Vereinsstadions blicken. Dies zeige einen sakral-räumlichen Bezug, vergleichbar mit der Ausrichtung muslimischer Toter nach Mekka.
Praktiken wie die Verstreuung von Totenasche auf dem Spielfeldrasen in England und Holland, die Einrichtung von Grünflächen als "Gardens of Remembrance" an englischen Stadien und nun Friedhofsanlagen wie in Hamburg verdeutlichen den ausgeprägten Sinn von Fußballfans für Erinnerungsorte. Diese Orte sollten möglichst nah an den Stätten ihrer Lebensinhalte liegen.
Ästhetik und Moral der Friedhofsgestaltung
Die Gestaltung des Friedhofsareals als Fußballplatz sei ästhetisch und moralisch vertretbar, auch wenn sie manchen seltsam erscheinen mag. Mäsing betont, dass der Friedhof ein Ort für Menschen sei und die Friedhofskultur zunehmend differenzierter werde, analog zur multikulturellen Entwicklung der Gesellschaft.
Meines Erachtens ist es eine gute Sache, den Menschen ein "zu Hause" auch im Tod zu geben, mit all ihren Vorlieben, Besonderheiten und Kulturen. Viele sind mit Leib und Seele Fan ihres Fußballvereins und diese Hingabe wollen sie auch im Tod zeigen. Unsere Friedhöfe sind doch das, was wir aus ihnen machen. Friedhöfe müssen Raum für Individualität geben.
Wenn Friedhöfe groß genug sind, können unterschiedliche Areale verschiedene Bedürfnisse befriedigen. Projekte wie der HSV-Friedhof tragen zur Erhaltung des Friedhofs als wichtiges Kulturgut bei. Wenn Friedhöfe diese Individualität nicht bieten, sei es nicht verwunderlich, wenn Menschen andere Orte für ihre letzte Ruhe wählen.
Offenheit der Friedhofskultur
Mäsing befürwortet eine noch größere Offenheit der Friedhofskultur. Er plädiert dafür, dass auch andere Fangruppen, wie Punk- oder Heavy-Metal-Fans, bei entsprechendem Bedarf Fan-Friedhöfe mit ihrer spezifischen Ästhetik einrichten dürfen.
Ist der Bedarf da, müssen die Menschen den Friedhof zu ihrem Friedhof machen. Der Friedhof ist kein Museum, sondern in seiner Entwicklung immer in Bewegung, denn er ist ein Bestandteil unserer Gesellschaftskultur.
Solche besonderen Friedhofsbereiche appellieren an die Toleranz der Menschen. Der Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur begrüßt eine lebendige Friedhofskultur, die dem Prinzip "Leben und Leben lassen" folgt.