Fachtagung in Augsburg: Schwerpunkte und Teilnehmer
Nach zweijähriger Unterbrechung fanden die Deutschen Baumpflegetage 2022 wieder mit hoher Beteiligung statt. Vom 10. bis 12. Mai kamen in Augsburg 1580 Fachleute und 590 Besucher der Baumpflege-Messe zusammen. Schwerpunkte der dreitägigen Fachtagung waren der Alleen- und Artenschutz sowie die Pflege von Bäumen an Straßen und in urbanen Gebieten.
Im Mittelpunkt standen der Austausch neuester Erkenntnisse und die Diskussion von Lösungsansätzen für klimabedingte Herausforderungen. Darüber hinaus wurden im Kletterforum und im Großen Saal der Messe Augsburg weitere Themen behandelt, darunter die Rolle von Schönheitsidealen in der Baumpflege.
Alleen sind ein essenzieller Bestandteil unserer Kulturlandschaft und waren deshalb ein wichtiger Themenschwerpunkt in diesem Jahr.
Dies betonte Thomas Amtage, der gemeinsam mit Professor Dr. Dirk Dujesiefken Geschäftsführer des Baumpflege-Events ist. Die Wahl der Fachpartner, die Parlamentsgruppe Kulturgut Alleen und die Alleenschutzgemeinschaft (ASG), spiegelte diesen Fokus wider. Cornelia Behm, Vorsitzende der ASG und Mitglied der Parlamentsgruppe, sprach in ihrem Vortrag über den Konflikt zwischen dem Schutz von Alleen und der Verkehrssicherheit.
Als 1995 der Unfall mit Aufprall auf Bäume in die Verkehrsunfallstatistik aufgenommen wurde, war der Baum als Verkehrshindernis ausgemacht. Und noch heute tragen unter anderem die Richtlinie RPS 2009 und die Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume (ESAB) dazu bei, dass Bäume als Gefahrenquelle wahrgenommen werden, anstatt den Blick auf die diversen Unfallursachen zu richten.
ASG und die Parlamentsgruppe Kulturgut Alleen arbeiten mit Politikern, Behörden und Verbänden zusammen, um dieses Dilemma zu lösen. Cornelia Behm erklärte:
Es wird besser, aber es gibt noch viel zu tun! Deshalb haben wir bei den Deutschen Baumpflegetagen die Chance genutzt, Politik und Gesellschaft einmal mehr aufzufordern, den Alleenschwund zu stoppen und sich für ihren Schutz einzusetzen.
Schönheitsideale in der Baumpflege – Eine kritische Betrachtung
Der Eröffnungsvortrag von Dirk Dujesiefken und Mark Bridge im Kletterforum befasste sich mit der Frage nach der Rolle von Schönheitsidealen in der Baumpflege. Dirk Dujesiefken stellte fest:
Das Schönheitsideal in unserer Gesellschaft ist stark geprägt vom Streben nach Symmetrie, Jugendlichkeit und Makellosigkeit. Entsprechend werden zahlreiche Bäume geschnitten. Andererseits finden viele die alten, knorrigen Baumgestalten mit ihren Höhlen, Rissen und Altersspuren besonders schön.
Daraus ergab sich die Frage, welches Produkt Baumpfleger liefern möchten: Sollen sie Altbäume von allem "Unperfekten" befreien oder Schäden und Defekte akzeptieren? Mark Bridge vertrat eine klare Position:
Das Argument, es sei der Wunsch des Kunden, einen Baum aus optischen Gründen komplett zu bereinigen, lasse ich nicht pauschal gelten. Dennoch klettern die Baumpfleger oftmals dem hintersten Totholz hinterher, weil dieses nicht dem gesellschaftlichen Bild eines ´gemachten` Baumes entspricht. Vielleicht sind die Parameter klassischer Schönheit auch in den Köpfen der Baumpfleger verankert. Wir dürfen und sollten mutig sein und im Sinne der Bäume mit diesen Konventionen brechen. Bäume brauchen kein Facelifting!
Dirk Dujesiefken ergänzte, dass die ZTV Baumpflege angepasst wurde, um Ausschreibungen zu ermöglichen, bei denen Totholz in Bäumen belassen oder eingekürzt werden kann, sofern die Verkehrssicherheit nicht gefährdet ist. Die Aufgabe von Baumpflegern sei es, die Anforderungen von Verkehrssicherheit, Arten- und Denkmalschutz sowie Gestaltung in Einklang zu bringen. Der Vortrag löste eine lebhafte Diskussion aus.
Umgang mit abgestorbenen Bäumen – Herausforderungen und Strategien
Ein weiteres aktuelles Thema, das von den Sachverständigen Thomas Amtage und Andreas Detter zusammen mit Carsten Beinhoff von der Berufsgenossenschaft SVLFG behandelt wurde, war die Fällung akut abgestorbener Bäume. Thomas Amtage erklärte:
Die Folgen des Klimawandels treffen die Bäume in der Stadt ebenso wie auf Waldflächen. Durch den Hitze- und Trockenstress können zuvor noch vitale Bäume innerhalb kürzester Zeit absterben und die Verkehrssicherheit erheblich beeinträchtigen.
Carsten Beinhoff wies darauf hin, dass die Entfernung dieser Bäume hohe Anforderungen an die Arbeitssicherheit stellt, da die Arbeit an gänzlich abgestorbenen Bäumen mit einem erhöhten Unfallrisiko verbunden ist. Im Jahr 2021 habe sich die Zahl der durch Schad- und Totholz verursachten Unfälle im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Andreas Detter betonte:
Bei frisch abgestorbenen Bäumen ist es daher erforderlich, aufgrund ihres besonderen Schadbildes eine andere Herangehensweise beim Umgang zu wählen als bei den bisher bekannten Schadsymptomen.
Anschließend erläuterten Amtage, Detter und Beinhoff konkrete Gefahren und Strategien.
Baumpflege-Messe und digitale Angebote – Innovationen und Ausblick
Die Baumpflege-Messe begleitete die Deutschen Baumpflegetage traditionell. 145 Aussteller präsentierten in der Messehalle und im Außengelände ihre Innovationen. Irina Kaths-Knigge von der Geschäftsstelle der Deutschen Baumpflegetage berichtete, dass die Nachfrage im Vergleich zu 2019 gestiegen sei und die Ausstellungsfläche erneut vergrößert wurde.
Einige Vorträge aus dem Kletterforum, die nicht im Jahrbuch der Baumpflege erscheinen, wurden professionell gefilmt und stehen demnächst kostenpflichtig zum Download bereit. Das aktuelle Jahrbuch der Baumpflege, das die Vorträge der Fachtagung im Großen Saal enthält, kann ebenfalls online bestellt werden.
Die nächsten Deutschen Baumpflegetage in Augsburg finden vom 25. bis 27. April 2023 statt.

