Auszeichnung für Artenschutz und kulturhistorische Bedeutung
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat die Kopfweidenalleen in Weiden als „Projekt des Monats Juli“ ausgezeichnet. Damit würdigt die Organisation das Engagement der Stadt Weiden für den Erhalt dieser kulturhistorisch bedeutsamen Naturmonumente, die als Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten dienen.
Die über drei Kilometer langen Weidenalleen ziehen sich durch die Stadt und bieten Vögeln, Insekten, Reptilien sowie verschiedenen Pflanzen und Pilzen einen vielfältigen Lebensraum. Nach dem Ende der wirtschaftlichen Nutzung hat die Stadtgärtnerei die Pflege und den notwendigen Schnitt der Bäume übernommen. Auch abgestorbene Weiden werden ersetzt.
„Der Erhalt der Artenvielfalt ist eng mit der Pflege unserer Kulturlandschaft und alter Nutzungsformen verbunden“, erklärte Uwe Friedel, Projektmanager „Kommunaler Umweltschutz“ bei der Deutschen Umwelthilfe, anlässlich der Preisübergabe.
Friedel betonte, dass kulturhistorische und ökologische Werte oft gegenüber wirtschaftlichen Interessen zurückstehen, da sie keinen unmittelbaren Ertrag liefern. Er hob hervor, dass die Stadt Weiden rechtzeitig die Bedeutung ihrer Kopfweidenalleen erkannt habe.
Die Weide zählt zu den artenreichsten Baumarten Mitteleuropas. An einem alten Exemplar können etwa 200 Arten gefunden werden, darunter Ameisen, Spinnen, Blatt- und Schlupfwespen, Käfer und Schmetterlinge, die an Rinde und im Totholz Schutz und Nahrung finden. Bienen und Hummeln profitieren von den früh blühenden Kätzchen. Vögel wie Spechte, Steinkauz, Gartenrotschwanz und Kleiber nutzen die Spalten und Winkel der Bäume zum Nisten. Fledermäuse, Baummarder, Eichhörnchen und Mäuse finden in den Weiden Verstecke und ein reiches Nahrungsangebot. Auch spezialisierte Pilze siedeln sich im weichen Holz an und zersetzen es, wodurch andere Pflanzen wie Bittersüßer Nachtschatten, Schwarzer Holunder und Großes Schöllkraut Substrat zum Wurzeln finden.
Oberbürgermeister Kurt Seggewiß zeigte sich erfreut über die Auszeichnung der „grünen Lebensadern der Stadt“. Er hob die Bedeutung der Weidenalleen für das Stadtbild hervor und erinnerte an ihre frühere wirtschaftliche Rolle.
„Wir wollten deshalb unbedingt verhindern, dass irgendwann nur noch die Abbildung im Stadtwappen an die Weiden erinnert. Die Kopfweide ist die ideale Botschafterin einer nachhaltigen Stadtentwicklung, da sie kulturhistorisch für eine Verbindung von ökonomischem, sozialem und ökologischem Nutzen steht. Gleichzeitig sind die Alleen eine hervorragende Gelegenheit für uns, die Natur erlebbar mitten in die Stadt zu holen“, so Seggewiß.
Die Weidenalleen entstanden in früheren Jahrhunderten entlang häufig genutzter Pfade, wie dem Kirchsteig, der noch heute die östlichen Ortsteile mit der historischen Altstadt verbindet. Die Bäume spendeten Schatten und lieferten mit ihren schnellwachsenden, biegsamen Zweigen einen begehrten Rohstoff. Durch das regelmäßige Köpfen – das Abschneiden der Kronenäste – entstand die charakteristische Form der Kopfweiden. Die Weidenruten wurden vor allem für die Korbmacherei, aber auch für den Hausbau, die Herstellung von Arbeitsgeräten, zur Uferbefestigung oder für Flechtzäune genutzt.
Nachdem die wirtschaftliche Nutzung entfallen war, bestand die Gefahr, dass die ungeschnittenen Bäume kopflastig werden und auseinanderbrechen. Dennoch sind die Kopfweiden aus dem Stadtbild Weidens nicht wegzudenken. Trotz des damit verbundenen Zeit- und Kostenaufwands werden die Bruch- und Silberweiden von der Stadtgärtnerei kontrolliert, gepflegt und regelmäßig geschnitten. Lücken in den Alleen werden durch Neupflanzungen aus eigener Anzucht geschlossen. Die Pflege und Neuanlage erfolgt ausschließlich durch Mitarbeiter der Stadtgärtnerei, unter denen sich mittlerweile Spezialisten für Kopfweiden entwickelt haben.
Obwohl die Weidenruten keinen wirtschaftlichen Ertrag mehr bringen, finden sie reißenden Absatz in Schulen und Kindertagesstätten, wo sie für naturpädagogische Projekte wie Weidenhütten und lebende Zäune genutzt werden. Aus Naturschutzsicht ist insbesondere der ökologische Wert der alten Bäume hervorzuheben.
„In den Alleen können die Weiden in allen verschiedenen Stadien von Aufwuchs und Zerfall unmittelbar erlebt, angefasst und sogar erklettert werden“, betonte Martin Scheidler, Naturschutzreferent der Stadt. „Die Kopfweiden zeigen beispielhaft, wie auch das langsame Vergehen zum natürlichen Lebenszyklus von Bäumen gehört, und dass ein alter Baum gerade durch seine Knorrigkeit und seinen Strukturreichtum im letzten Lebensabschnitt einen besonders reichhaltigen Lebensraum bildet.“
Der Erhalt langsam zusammenbrechender, alter und oft hohler Bäume wurde von den Bürgern zunächst kontrovers diskutiert. Eine umfassende Aufklärungsarbeit, einschließlich der Integration des Themas Kopfweiden in einen Stadtökologischen Lehrpfad, führte jedoch zu einem breiten Verständnis. Der Erhalt der alten Kopfweiden hat sich etabliert, und auch andere alte Bäume in Parks und Grünanlagen werden fachgerecht saniert und erhalten. Seit 1993 verfügt die Stadt Weiden i. d. OPf. über eine Baumschutzsatzung zum Erhalt von Laub- und heimischen Nadelbäumen mit einem bestimmten Stammumfang.
Das Projekt „Grün in der Stadt“ der Deutschen Umwelthilfe e.V. wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gefördert. Kooperationspartner sind der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), das COmpetence NeTwork URban ECology (CONTUREC), der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) und der Deutsche Städtetag (DST).
Die DUH zeichnet im Jahr 2008 monatlich ein Projekt aus, das ökologisches Grünflächenmanagement beispielhaft umsetzt. Bewerbungen konnten bis Mitte des Jahres 2008 bei der DUH eingereicht werden.