Schwammstadt, Wasser

Dezentrale Wasserwiederverwendung als Baustein kommunaler Resilienz

02.02.2026

Die kommunale Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung sind Teil der kritischen Infrastruktur: Sie sichern grundlegende Leistungen der Daseinsvorsorge und müssen auch bei Störungen verlässlich funktionieren. (1) Im KRITIS-Sektor Wasser zählen dazu u. a. Trinkwasserversorgung (Gewinnung, Aufbereitung, Verteilung) sowie Abwasserbeseitigung, Abwasserbehandlung, Siedlungsentwässerung und die Steuerung und Überwachung dieser Systeme. (2)

Parallel rücken physische und digitale Risiken stärker in den Fokus. Die EU hat hierzu Mindestanforderungen und Aufsicht zur Stärkung der Resilienz kritischer Einrichtungen festgelegt; in Deutschland wird der Schutz kritischer Infrastruktur ebenfalls weiter verschärft. (3) (4)

In der Energieversorgung gilt Resilienz seit Jahren als Leitprinzip (Redundanz, Inselbetrieb, dezentrale Einspeiser). Für die Wasserwirtschaft gilt derselbe Grundsatz: Je stärker die Abhängigkeit von wenigen zentralen Knoten, desto höher die Systemverwundbarkeit – und desto wichtiger werden Ergänzungen, die Lasten verteilen und lokale Reserven schaffen.

Zentral vs. dezentral: Wettbewerb in der Gebührenlogik – Ergänzung in der Systemlogik

Dezentrale Regenwassernutzung und Wasserwiederverwendung wurden lange vor allem als Konkurrenz zur zentralen Infrastruktur wahrgenommen: Wenn Gebäudeeigentümer weniger Trinkwasser beziehen und weniger Abwasser einleiten, sinken Volumina – während Netze, Anlagen und Personal überwiegend fixkostengetrieben sind. In kommunalen Gebühren- und Entgeltstrukturen kann das zu Spannungen führen, weil sinkende Mengen nicht automatisch sinkende Kosten bedeuten. Ähnlich wie bei Stromnetzen ist es hilfreich, nicht nur „verkaufte Menge“ zu betrachten, sondern bereitgestellte Systemdienstleistungen: Entlastung in Spitzen, zusätzliche Reserve, Schadensvermeidung und Aufschub von Ausbauinvestitionen. In der Systemlogik sind dezentrale Lösungen aber kein „Ersatz“ der Daseinsvorsorge, sondern ein zusätzlicher Leistungsbaustein:

  • Zentral: hohe Qualitätssicherung, Skaleneffekte, einheitliche Betriebsführung, Versorgung für alle
  • Dezentral: lokale Pufferspeicher, Reduktion von Spitzenlasten, zusätzliche Wasserquelle für definierte Nutzungen (z. B. WC, Bewässerung, Reinigung)

Sicherheits- und Krisenbezug: Dezentrale Systeme als Redundanz gegen Ausfälle

Die sicherheitspolitische Lage in Europa – einschließlich des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine – hat die Diskussion um Schutz und Funktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen deutlich beschleunigt. (5) Für Kommunen bedeutet das: Neben Klimaanpassung und Wirtschaftlichkeit gewinnt die Frage an Gewicht, wie schnell Versorgung und Entsorgung nach Störungen stabilisiert werden können – und wie stark einzelne Ausfälle „durchschlagen“. Dezentrale Systeme tragen hierzu bei, wenn sie planerisch und betrieblich korrekt eingebunden sind. Sie ersetzen dabei nicht die kommunale Verantwortung für Versorgungssicherheit, sondern erweitern das Instrumentarium – ähnlich wie Notstrom, Redundanzpumpwerke oder zusätzliche Speichervolumina:

  • Risikostreuung: Mehrere lokale Einheiten reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen zentralen Komponenten.
  • Notbetriebsfähigkeit für Teilfunktionen: Nicht-trinkwasserrelevante Anwendungen können lokal abgesichert werden (z. B. Betriebswasser, Bewässerung, WC-Spülung).
  • Betriebliche Transparenz: Mess- und Überwachungskonzepte unterstützen den sicheren Betrieb – insbesondere dort, wo Wasserqualität und Hygieneanforderungen definiert einzuhalten sind.

Regenwassermanagement und Schwammstadt: Entlastung statt Ausbau

Neben dem Sicherheitsaspekt bleiben Starkregen, Überlastung der Entwässerung und urbane Hitze als Risiken auf kommunaler Ebene. Dezentrales Regenwassermanagement (Retention, Versickerung, Nutzung) wirkt dort, wo die Belastung entsteht – auf dem Grundstück und im Quartier.
Schwammstadt-Ansätze zielen darauf ab, Regenwasser zurückzuhalten, zu verdunsten und gezielt zu versickern; das kann Abflussspitzen reduzieren, Stoffeinträge mindern und die Grundwasserneubildung unterstützen – und gleichzeitig durch zusätzliche Verdunstung zur Kühlung im Stadtklima beitragen. (6) Der klassische Netzausbau (größere Kanäle, Rückhaltebecken) löst Symptome „stromabwärts“. Dezentrale Maßnahmen setzen „stromaufwärts“ an und können – je nach örtlicher Situation – Ausbau verschieben, verkleinern oder gezielter machen. In vielen Kommunen entsteht daraus eine praktikable Kombination: zentrale Infrastruktur bleibt Rückgrat, dezentrale Maßnahmen werden systematisch als zweite Ebene implementiert.

Von der Konkurrenz zur Kooperation: Umsetzungsmodelle für Kommunen

Damit dezentrale Lösungen kommunal tragfähig werden, braucht es klare Rollen und verlässliche Betriebsmodelle. Bewährt haben sich insbesondere:

  1. Quartierslösungen statt Einzelanlagen (Skalierung, einheitlicher Betrieb)
  2. Betreiber-/Contracting-Modelle (Wartung, Monitoring, Verantwortlichkeiten geregelt)
  3. Anreizsysteme im Regenwasserbereich (z. B. über Retentions- bzw. Abflusswirkung) – immer im Rahmen der lokalen Satzung und Gebührenkalkulation
  4. Pilotprogramme mit messbaren Zielgrößen (Entlastungswirkung, Volumen, Betriebserfahrungen)

Dezentrale Wasserwiederverwendung und Regenwassermanagement sind somit kein Gegenentwurf zur kommunalen Infrastruktur, sondern eine notwendige, resilienzorientierte Ergänzung – technisch, organisatorisch und zunehmend auch strategisch. Ein Beispiel für eine integrative Gesamtlösung stellt hier das Aachener Forschungs- und Entwicklungsbündnis AIX-Net-WWR da (7).

Literaturverzeichnis

  1. Bundesamt für Verfassungsschutz. Kritische Infrastrukturen (KRITIS). [Online] 2026. [Zitat vom: 5. Januar 2026.] www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/glossareintraege/DE/K/kritische-infrastrukturen-kritis.html.
  2. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. KRITIS-Sektor Wasser. [Online] [Zitat vom: 5. Januar 2026.] www.bsi.bund.de/dok/sektor-wasser.
  3. Europäische Union.Richtlinie (EU) 2022/2557 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 14. Dezember 2022 über die Resilienz kritischer Einrichtungen und zur Aufhebung der Richtlinie 2008/114/EG des Rates. data.europa.eu/eli/dir/2022/2557/oj : Europäisches Parlament und europäischer Rat, 2022.
  4. DVGW. Schutz der Kritischen Infrastruktur bleibt wichtige Aufgabe der Wasserversorgung in Deutschland. [Online] 17. September 2024. [Zitat vom: 5. Januar 2026.] www.dvgw.de/der-dvgw/aktuelles/presse/presseinformationen/dvgw-presseinformation-vom-17092024-schutz-kritische-infrastruktur-wasserversorgung.
  5. Wacket, Marcus. Germany approves new rules to protect critical infrastructure. [Online] Reuters, 10. September 2025. [Zitat vom: 5. Januar 2026.] www.reuters.com/sustainability/land-use-biodiversity/germany-approves-new-rules-protect-critical-infrastructure-2025-09-10/.
  6. Junge DWA. Infostainable #2 Thema: Schwammstadt. Circle für Nachhaltige Wasserwirtschaft der JDWA.
  7. AIX-Net-WWR. [Online] www.aix-net-wwr.com/de/home.
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