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Von Möhrenbeet bis Festungswald: Eine neue Perspektive auf die Festung Königstein

Die Festung Königstein präsentiert eine Sonderausstellung, die sich erstmals umfassend der gärtnerischen, forst- und landwirtschaftlichen Nutzung ihrer Freiflächen widmet. Die Schau beleuchtet auch die militärisch motivierte Begrünung sowie Orte der Ruhe und historische Begräbnisstätten der Festungsbewohner.

Gärtnerische und forstwirtschaftliche Nutzung der Festungsflächen

Die Grundlage der Ausstellung bildet die einjährige Forschungsarbeit der Dresdner Gartenhistorikerin Dr. Stefanie Krihning. Sie untersuchte hierfür Archivmaterialien auf der Festung selbst, im Hauptstaatsarchiv Dresden und im Landesamt für Denkmalpflege. Dabei wertete die Landschaftsarchitektin, die über den Großen Garten in Dresden promovierte, eine Vielzahl von Plänen, Dokumenten, Fotos, Grafiken und Gemälden aus, darunter auch Canalettos fünf Veduten vom Königstein.

Im Auftrag des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement erarbeitete Stefanie Krihning eine denkmalpflegerische Zielstellung für die Außenanlagen der Festung. Ihre Recherchen förderten erstaunliche und teils skurrile Details zutage. Sie berichtet von Zier- und Gemüsegärten, von Tierhaltung wie Ziegen, Hühnern und Bienen, von Blumendiebstählen sowie von Plätzen, die Festungsgärtnern oder sächsischen Königen gewidmet waren. Auch der Festungswald und der Friedhof wurden detailliert untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass manche bisher als Wildwuchs angesehene Bäume und Sträucher tatsächlich der natürlichen Tarnung von Geschützen oder Festungswällen dienten.

Einblicke in die grüne Geschichte der Festung

Die Ausstellung ist zweigeteilt: Auf dem Festungsplateau verteilen sich fünfzehn sogenannte „Lieblingsplätze“, die durch Informationstafeln die Geschichten hinter besonderen Orten erzählen. Einer dieser Plätze ist „Zobels Eck“, benannt nach dem Artilleristen Johann Christian Zobel, der um 1750 während seiner Wachdienste an diesem exponierten Felsvorsprung strickte.

In der Magdalenenburg können Besucher in einem von Hans Dieter Schaal gestalteten Schauraum tiefer in die „grüne Geschichte“ der Festung eintauchen. Neben Texten, Bildern und Dokumenten sind historische Gartenwerkzeuge aus der Sammlung des Dresdner Künstlers Einhart Grotegut zu sehen, die eigens für die Ausstellung restauriert wurden. Darunter befinden sich auch heute eher unbekannte Geräte wie ein Wurzelzieher, dessen Funktionsweise in einer filmischen Dokumentation erläutert wird.

Selbstversorgung und militärische Tarnung

Die Selbstversorgung spielte auf der Festung Königstein stets eine wichtige Rolle. Erste Soldatengärten sind um 1700 an der Alten Kaserne nachgewiesen. Mit dem Anstieg der Festungsbewohner auf etwa 1500 bis zum Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurden selbst ungeeignet erscheinende Flächen bewirtschaftet, teilweise durch Terrassierung felsiger Bereiche bei den Kasematten. Obwohl Eisenbahn und Dampfschiff die Versorgung später verbesserten, blieb der Eigenanbau, der auch eine Abwechslung vom militärischen Alltag bot, bedeutsam. Der Kommandant unterhielt sogar einen heute verschwundenen Weinberg.

In den Jahren 1870/71 schütteten hauptsächlich französische Kriegsgefangene Erde auf Festungsflächen an, um für den Fall einer Belagerung gerüstet zu sein. Die entstandenen Gärten wurden von den Bewohnern als „Jardingärten“ bezeichnet. Nach 1945 lagen die meisten dieser Flächen brach. Heute werden die Gärten der Kaserne B noch von Bewohnern genutzt, und die Festung selbst betreibt einen Nutzgarten am Schatzhaus. Da Ackerbau auf dem felsigen Untergrund des Königsteins unmöglich war, war die Versorgung mit Feldfrüchten überlebenswichtig. Dies zeigte sich besonders in den Hungerjahren 1771/72, woraufhin Festungskommandant Reichsgraf Friedrich Christoph zu Solms und Tecklenburg ab 1778 Ödland im sogenannten Rayon, dem im Kriegsfall freizuhaltenden Schussfeld, erschließen ließ.

Felsige Flächen dienten als Weideland, zwei Teiche sicherten die Wasserversorgung, und Waldflächen lieferten Brenn- und Bauholz. Graf zu Solms ließ zudem Wege auf der Festung mit Obstbäumen bepflanzen. Neben den Nutzgärten dienten Zier- und Lustgärten mit Lauben, Gewächshäusern und exotischen Vögeln wie Pfauen bereits ab 1700 der Unterhaltung hoher Gäste und als Statussymbol. Der Kommandantengarten wird noch heute als Ziergarten gepflegt.

Bis 1955, als die Festung zum Museum wurde, waren militärische Bereiche wie Pulvermagazine und Batteriewälle für die Öffentlichkeit unzugänglich. Um diese vor feindlichen Blicken zu schützen, wurden dichte Hecken und Baumreihen angelegt, beispielsweise nach der „Technischen Vorschrift A27“ von 1905, die „Maßnahmen gegen die Erkennbarkeit von Befestigungsanlagen“ vorsah. Festungsingenieure stabilisierten die Erdwälle mithilfe von Rasensoden. Bei drohender Belagerung wurde Holz aus der Umgebung gesammelt, um Schutzdächer und Barrikaden zu zimmern sowie Faschinen und Schanzkörbe zu flechten.

Eine Besonderheit der Festung Königstein ist der eigene Wald innerhalb der Befestigung, der stets unangetastet blieb. Schon in der Renaissance setzten sich die sächsischen Kurfürsten für seinen Erhalt ein. Ein artenreicher und altersgemischter Baumbestand schützte den Standort und lieferte Holz für verschiedene Zwecke, darunter der mittlerweile verschwundene Faulbaum, dessen Holzkohle zur Schießpulverherstellung diente.

Interaktive Angebote und persönliche Geschichten

Im 19. Jahrhundert wurde der Wald von den Bewohnern als Park genutzt und beherbergte einen Konzert-Pavillon, einen Tennisplatz sowie eine katholische Kapelle. Besucher können heute in einer Fühlstation die Schießbeere, wie der Faulbaum auch genannt wird, und elf weitere Holzarten ertasten, die einst in dem heutigen Buchen-Mischwald vorkamen.

Weitere interaktive Angebote, betreut von Museumspädagogin Dr. Maria Pretzschner, umfassen eine Duftstation. Diese erinnert an die florale Leidenschaft des Gefangenen Peter Aloysius Marquis d’Agdollo, der über zwanzig Jahre auf dem Königstein verbrachte. Er kultivierte in seinem Gärtchen beim späteren Exerzierplatz etwa 500 Nelken. Nach seinem Tod im Jahr 1800 fand sich auf der Festung kein Käufer für diese Sammlung.

Die Ausstellung erzählt auch die Geschichte des Lieblingsplatzes von Kommandant Heinrich Adolph von Boblick, der sich mit seinem Räderstuhl gern in der Nähe der Garnisonskirche aufhielt. Am „Zobels Eck“ können sich Besucher mit einer lebensgroßen Figur des strickenden Soldaten Zobel fotografieren lassen.

Die Sonderausstellung ist vom 30. April bis 31. Oktober 2022 zu sehen.

28.04.2022

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