Die WorldSkills Special Edition in Estland
Die diesjährigen WorldSkills werden als „Special Edition“ in zehn verschiedenen Ländern ausgetragen, da der ursprüngliche Austragungsort Shanghai abgesagt wurde. Tallinn wurde 2021 zur „Grünen Hauptstadt Europas 2023“ ernannt, was gut zur Disziplin des Garten- und Landschaftsbaus passt.
Der Wettbewerb und die Teilnehmer
Insgesamt nehmen über 100 Wettkämpfer aus 57 Ländern und Regionen an den WorldSkills 2022 teil, verteilt auf 61 Disziplinen. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit 37 Fachkräften in 32 Disziplinen vertreten. Im Skill 37 „Landscape Gardening“ konkurrieren 15 Zweierteams aus 15 Ländern, die von ebenso vielen Experten bewertet werden. Die Teilnehmer gehören jeweils zu den Besten ihres Landes.
WorldSkills bietet Führungskräften aus Industrie und Handwerk sowie Schülern die Möglichkeit, sich über verschiedene Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. In Tallinn steht dabei der Garten- und Landschaftsbau im Fokus. Der Wettbewerb ist für die Öffentlichkeit zugänglich.
Vorbereitung auf die Herausforderung
Die Wettbewerbsaufgabe im Garten- und Landschaftsbau wird seit 2017 von unabhängigen Personen geplant und bleibt bis kurz vor dem Start unbekannt. Zur Vorbereitung erhalten die Teams lediglich ein Testprojekt mit einer Beschreibung und einer Skizze. In diesem Jahr wird die Skizze durch eine Bildergalerie ersetzt, die zu den geplanten Gartenelementen passt.
Die Planungsidee ist naturnah und von der estnischen Küste inspiriert. Elemente wie Trockenmauern aus Kalkstein, Natursteinwege, Kräuterhochbeete, trockenheitstolerante Bepflanzungen, Holzbrücken und ein Pflasterpfad sind Teil der Aufgabe. Johannes Gaugel, GaLaBau-Unternehmer und Experte für das deutsche Team, berichtet:
„Deshalb trainierten Phil-Elias Kornmacher und Erik Stanke in ihrer vorletzten Trainingseinheit vor allem Naturstein- und Holzarbeiten. Dabei standen geschwungene Formen im Fokus.“
Die Liste der benötigten Werkzeuge gibt weitere Hinweise auf die Anforderungen. Die Werkzeugbox mit ihren festgelegten Dimensionen und Inhalten wurde bereits nach Estland versandt. Das sächsische Team wird neben Johannes Gaugel auch von Georg Kahsnitz und dem Natursteinexperten Christian Dietz trainiert.
Gaugel betont die Bedeutung von Zeitmanagement und Problemlösungsstrategien:
„In den ersten beiden Trainingswochen haben wir den Schwerpunkt ganz bewusst auf das Zeitmanagement sowie Problemlösungsstrategien gesetzt. Das Training von Steinarbeiten bei einem konstant hohen Arbeitstempo stand ebenfalls auf unserer To-Do-Liste. Die Schnelligkeit haben Erik und Phil-Elias mittlerweile verinnerlicht.“
Das deutsche Team
Erik Stanke, 21 Jahre alt, ist Fach- und Vorarbeiter bei Schubert & Reimann. Er hat eine Vorliebe für Natursteinarbeiten wie Mauern und Wegebau. Als aktiver Handballer ist er an Leistungsdruck gewöhnt und beschreibt sich als ruhigen Typ.
Phil-Elias Kornmacher, ebenfalls 21 Jahre alt, arbeitet als Fach- und Vorarbeiter bei der Creativ Garten Sachsen GmbH. In seiner Freizeit legt er als DJ auf. Auch er ist Handballer. Beide Teilnehmer äußerten sich zum Testprojekt:
„Das mittlerweile veröffentlichte Testprojekt zum Wettbewerb enthält lauter Aufgaben, die uns recht gut von der Hand gehen könnten.“Sie blicken der fachlichen Herausforderung in Tallinn mit Respekt entgegen. Trotz der Verschiebung des Wettbewerbs und des geänderten Austragungsortes blieb ihre Motivation erhalten. Ende August traf sich die gesamte deutsche Nationalmannschaft zu einer gemeinsamen Vorbereitung in der Nähe von Koblenz. Die letzte Trainingswoche diente dem Feinschliff.
Ablauf des Wettbewerbs
Am Tag vor der Eröffnung des Wettbewerbs werden die Details bekannt gegeben. Johannes Gaugel beschreibt den Ablauf:
„Wir dürfen zusammen mit allen Teilnehmenden unseren Skill-Standort, die Materialien und die Werkzeuge ansehen. Die Aufgabe wird dann den 15 teilnehmenden Teams gemeinsam und zum ersten Mal vorgestellt.“
Während des Wettbewerbs sind die Zeiten für die fachliche Abstimmung zwischen Team und Experte begrenzt: jeweils 15 Minuten morgens, eine Stunde in der Mittagspause und weitere 15 Minuten am Abend.
„Alles weitere müssen die Jungs auf ihrer Baustelle selbst entscheiden“, so Gaugel.
An den Wettbewerbstagen vom 24. bis 27. Oktober müssen Phil-Elias und Erik in 22 Stunden einen kompletten Garten nach einem detaillierten Plan bauen. Das hohe Tempo im Training ist darauf ausgerichtet, dieser Anforderung gerecht zu werden. Gaugel weiß, dass die Konkurrenz stark ist und immer mehr Teams in der Spitze mitspielen. Für den Erfolg sind Konzentration, Nervenstärke, Zeitmanagement, Teamwork und Präzision entscheidend.
„Das berühmte Quäntchen Glück brauchen wir natürlich auch. Die knappe Zeitvorgabe reicht nämlich nur dann für die vorgegebene Aufgabe, wenn alles reibungslos abläuft. Fehler kann sich kein Team leisten.“Bereits nach jedem Wettbewerbstag werden Teile des Gartens bewertet. Dieses modulare System umfasst 50 Prozent subjektive und 50 Prozent objektive Kriterien, wie beispielsweise exakte Vermessungspunkte.
Tallinn als Austragungsort
Tallinn, die Hauptstadt Estlands, ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Nach der Auflösung der UdSSR erfolgte eine Privatisierung nach skandinavischem Vorbild, was ein liberales Wirtschaftsumfeld schuf. Die Stadt ist attraktiv für Unternehmen; so entstand hier beispielsweise die VoIP-Software Skype. Viele nordeuropäische Banken haben sich aufgrund der gut ausgebildeten Arbeitskräfte in Tallinn niedergelassen.
Die mittelalterliche Altstadt Tallinns gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Mit rund 430.000 Einwohnern, bestehend aus Esten, russischsprachigen Bewohnern und Finnen, ist Tallinn die größte Stadt des Landes. Sie liegt am Finnischen Meerbusen der Ostsee, nur 80 Kilometer von Helsinki entfernt. Die Temperaturen im Oktober sind kühl und liegen im einstelligen Bereich.
Berichterstattung
Die Berichterstattung über den Wettbewerb beginnt am 24. Oktober. Täglich werden Fotos, Videos und kurze Kommentare auf der Facebook-Seite der Landschaftsgärtner und dem Instagram-Account veröffentlicht. Das Ausbildungsförderwerk Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. (AuGaLa) finanziert die Teilnahme und stellt eine Internetplattform mit einer ausführlichen Rubrik zur Verfügung, auf der täglich aktuelle Bilder und Informationen zur deutschen Baustelle zu finden sind.
