Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Das ganze Jahr hindurch - auch im Winter - erntet Gemüsegärtner Florian Demling nahezu alle Gemüsearten vom Dach. Der studierte Gartenbauingenieur produziert Nahrungsmittel wie Kohl und Kräuter, Radieschen und Rote Bete, Tomaten, Salate, Paprika, Zucchini, und Zwiebeln auf den Dächern der Abteilung Landespflege an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG).

Gartenbauingenieur Florian Demling erntet Mangold, Thymian und Steckrüben im November vom dünnschichtigen Gemüsedach. (Foto: Meike Maser-Plag/LWG)

Gemüse auf dem Dach - geht das überhaupt?

Auf 200 Quadratmetern entwickelte Demling ein neues Anbausystem für Gemüse mit dünnschichtigen Dachbegrünungen auf Leichtdächern. Was auf solch extremen Standorten möglich ist, hat in dieser Form bisher noch keiner untersucht. Statt herkömmlicher Dachbegrünungen mit wasserspeichernden Pflanzen, zum Beispiel den sogenannten Sukkulenten, pflanzt Demling verschiedenste Gemüsearten auf ein System aus Wurzelschutz, Schutzvlies sowie eine acht Zentimeter dünne, handelsübliche Kulturerde, ein sogenanntes Dachsubstrat. Viele Gemüsearten brauchen eine fest eingebaute, computergesteuerte, automatische Bewässerung mit Düngung über Tropfschläuche. Dafür brauchen die Dachflächen bis zu 150 Kilogramm Tragfähigkeit pro Quadratmeter.

Gemüsedach - Wir wissen, dass es geht und wir wissen, wie es geht

Inzwischen haben die Landespfleger zwei Jahre geforscht und zwei Vegetationsperioden hindurch geerntet. Seit April 2014 werden die Versuche durchgeführt. „Inzwischen wissen wir, dass der Gemüsebau auf dem Dünnschicht-Dach funktioniert und dass er gut funktioniert“, erläutert Florian Demling. Mit Gemüse auf flachgeneigten Dächern könnten große Flächenreserven wirtschaftlich genutzt werden.

Kulturwechsel: Gemüse statt Sukkulenten

Die Nahrungsmittelproduktion mit der Dünnschichtkultur auf dem Dach ist sowohl für Gartenbauer als auch für private Bauherren eine Alternative zum altbekannten Garagen-Gründach. Auch andere überbaute, öffentliche und private Gebäude sowie Flächen in Städten, Ballungsräumen und Gewerbegebieten sind geeignet. Mit seinem geringen Gewicht und seinem leichten Aufbau ist der Gemüsegarten für bis zu 15 Grad flachgeneigte Dächer statisch meist machbar.

Flächen-Entsiegelung, Wärmedämmung, Klimavorteile, kurze Wege

Die neue Variante der Dachbegrünung bringt größeren Nutzen. Flächen werden entsiegelt. Mit kurzen Wegen und kleinen Transportkosten dient das Gemüsedach der regionalen Erzeugung von Lebensmitteln für den Eigen- und Fremdbedarf und erfreut Augen und Gaumen. Gemüsedächer und Gemüse auf zuvor ungenutzten Brachen bringen gebäude- und stadtklimatische Vorteile, was auch Kommunen, Architekten und Städteplaner interessieren dürfte.

Pflege und Pflanzenschutz: Keine Schnecken, kein Hacken, kaum Beikräuter

Für Gärtnerbetriebe eröffnet sich eine neue Möglichkeit zur Sortimentserweiterung durch eine neue Marktnische. Der Aufwand für Pflege und Pflanzenschutz ist klein. „Wir haben keine Schnecken und Hacken ist auch kaum nötig“, berichtet der Gartenbauer. „Im ersten Jahr gab es kaum Beikräuter und wenige tierische Schädlinge.“ Im Optimalfall beschränkt sich die Pflege auf die Bodenvorbereitung, das Säen oder Einsetzen der Jungpflanzen, regelmäßige Kontrollgänge und natürlich die Ernte.

Aktiver Umwelt- und Ressourcenschutz

Durch die automatische Bewässerung oder die Nutzung eines geschlossenen Systems bleiben Dünger und Wasser dort, wo sie hingehören oder werden wiederverwertet. Das Ablaufwasser kann gesammelt und in einem Kreislauf aufbereitet und recycelt werden. Florian Demling findet: „Die Aufwertung der Flächen und der sparsame Ressourcen-Einsatz von Dünger- und Wasser durch die Ökologische Wirtschaftsweise ist aktiver Umwelt- und Ressourcenschutz, durch den wir jeden Tag im Jahr frisches Gemüse ernten.“

 

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