Fachzeitschrift für den Garten- und Landschaftsbau

Ob Freibad-Liegewiese, Friedhofsfläche oder Uferstreifen - in vielen Städten sind Grünflächen zunehmend unter Druck: Die Einwohnerzahlen in Berlin, München und anderen deutsche Metropolen wachsen weiter, und so werden Grünflächen innerhalb der Stadt und auch an der Peripherie häufig als die Wohnbaufelder von morgen gesehen

Veranstaltung "Grüner wird's nicht" am 1. Juli 2016. (Foto: Britta Deiwick)

Auf einer Tagung am 1. Juli in Berlin forderten rund 150 Landschaftsarchitekten und Stadtplaner ein Umdenken: Grün und Natur in den Städten dürften nicht Resteverwerter der Stadtentwicklung, sondern müssten im Gegenteil deren Taktgeber sein. Das Stadtgrün müsse künftig als grüne Infrastruktur gesehen werden, die in ihrer Bedeutung für die Stadtplanung genauso hoch gewichtet wird wie die graue (Verkehr, Energie etc.) oder auch die soziale Infrastruktur (Schulen, Kindertagesstätten etc.).

Gleichberechtigung gefordert

Die Chancen auf Gleichberechtigung im Kanon der Infrastrukturen stehen offensichtlich nicht schlecht. Denn: „Dem Nutzungsdruck zum Trotz werden Grün und Natur in der Stadt derzeit kommunal- und auch bundespolitisch so ernst genommen wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagt Eike Richter vom Landesverband Berlin/Brandenburg des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla). „Die politische Zielsetzung auf Bundesebene ist klar. Wir brauchen das Grün in der Stadt, und wir wollen den Naturschutz mit der Stadtentwicklung stärker verknüpfen“, so Hagen Eyink, Leiter des Referats „Grün in der Stadt“ beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Mehr als ein neuer Begriff

Grüne Infrastruktur - dem Verband geht es hier offensichtlich nicht nur um eine neue Terminologie, die dem Stadtgrün in einer durchtechnisierten Welt mehr Gehör verschaffen soll. Es geht darum, mit Grün- und Freiräumen neue Funktionen für die Stadt zu erfüllen. Landschaftsarchitektin Antje Backhaus nennt den Schutz vor Wetterextremen als Beispiel. „Durch den Klimawandel werden wir immer häufiger mit Jahrhundertunwettern zu kämpfen haben, auf die unsere Städte nicht vorbereitet sind“, sagt Backhaus. Sie ist unter anderem in Kopenhagen tätig, wo Grün- und Freiflächen seit Kurzem ein so genanntes Starkregen-Management übernehmen: Schulhöfe, Parks, private Hinterhöfe und auch das öffentliche Straßenland wurden gesamtheitlich so geplant und umgestaltet, dass sie große Regenmengen besser auffangen und gezielt ableiten können. „In Kopenhagen spricht man stolz von seinen Regenwäldern.“ Bei einer derartigen grünen Infrastruktur kommt – passend zur technologischen Terminologie – auch vermehrt Technik zum Einsatz, zum Beispiel neue unterirdische Abflusssysteme. Zugleich sind die Flächen so gestaltet, dass sie ästhetische und soziale Funktionen erfüllen. „Sie müssen immer auch Aufenthaltsqualität haben. Bei gutem Wetter sind es attraktive Erholungs- oder Spielflächen,“ fügt Backhaus hinzu.

Erweitertes Wohnzimmer

Ein wichtiger Punkt – denn Grünflächen sind für viele Städter heute das grüne Wohnzimmer: „Wir beobachten, dass sich das private Leben im Sommer zunehmend ins Freie verlagert“, sagt Winfried Becker, Leiter Straßenreinigung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR). Parks und Grünanlagen werden nicht nur zum sonntäglichen Spaziergang, sondern als Feier- und Begegnungsorte genutzt. Hinzu kommen die altbekannten Funktionen: „Stadtgrün sorgt für ein besseres Klima und dient der Biodiversität. Und es ist für die Gesundheit des Menschen unabdingbar“, so Eike Richter vom bdla. Er sieht zudem eine Chance auf Sinneserlebnisse: Wild wachsende Erlebnisräume beispielsweise könnten Kindern eine Naturerfahrung ermöglichen, die in der Stadt sonst oft nicht mehr gegeben ist. Grüne Infrastruktur – idealerweise gemeinsam mit der blauen betrachtet, also Gewässern – ist ein Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, so der Tenor.

Interinstitutionelle Gemeinschaftsaufgabe

Aber: Grünflächen wollen aktiv erhalten werden. In Berlin wird derzeit in mehreren Projekten getestet, wie sich die Aufgaben der Pflege einerseits und der Müllentsorgung und Reinigung andererseits optimal gestalten lassen. „In zwölf Parks und einem Forstrevier testen wir die Aufgabenteilung. Wir übernehmen die Reinigung, die Landschaftsgärtner können sich der anspruchsvollen gärtnerischer Grünpflege widmen. Jeder macht also das, worin er oder sie Profi ist“, so Becker von der BSR. Neben der öffentlichen Hand und öffentlichen Unternehmen wie der BSR könnten auch private Bürger mehr in die Pflege einbezogen werden. Rüdiger Dittmar, Leiter des Amtes für Grünflächen und Gewässer der Stadt Leipzig: „Den Kommunen ist bürgerschaftliches Engagement im Stadtgrün sehr wichtig, allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass die städtischen Pflegekosten hierdurch, wenn überhaupt, nur geringfügig gesenkt werden können.“ Dies sei aber auch nicht das Ziel eines bürgerschaftlichen Engagements, vielmehr kommt es darauf an, dass sich die Bürgerschaft mit ihrem Stadtgrün identifiziert.

„Grüne Infrastruktur muss über die Grenzen von Institutionen hinaus gedacht werden“, fordert Eike Richter vom bdla. Andere Teilnehmer sehen hingegen ein Problem, wenn Teilaufgaben aus der öffentlichen Hoheit herausgelöst werden – vor allem aus ordnungspolitischer Sicht. Auch mit Blick auf das bürgerschaftliche Engagement gebe es Grenzen – wenn bei großen oder komplexen Flächen professionell gemanagte Pflege nötig ist.

Ein Fazit der Tagung: Man brauche Kompromisse bei der Aufgabenverteilung zwischen den unterschiedlichen Akteuren – um die Gunst der Stunde zu nutzen und das Thema grüne Infrastruktur endgültig auf die politische Agenda der Politik zu bringen. „Wir sind seit jeher bemüht, Grünstrukturen zu vernetzen“, resümiert Eyink vom BMUB. „Jetzt sind wir gefordert, Institutionen zu vernetzen. Grüne Infrastruktur ist eine Gemeinschaftsaufgabe.“

 

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