Projektstart für den Erhalt seltener Waldlebensräume
In Saarbrücken wurde ein Projekt zum Schutz und zur Entwicklung von Alt- und Totholz in Wäldern initiiert. Ziel ist es, diesen Lebensraum für seltene Arten zu erhalten. Über einen Zeitraum von sechs Jahren werden Experten gemeinsam mit privaten und öffentlichen Forstbetrieben Strategien und Managementkonzepte erarbeiten. Diese sollen die Integration von Alt- und Totholz in die bestehende Waldbewirtschaftung ermöglichen.
Das Bundesumweltministerium (BMU) stellt für dieses Vorhaben aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt rund 1,4 Millionen Euro bereit. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) begleitet das Naturschutzprojekt des NABU Saarland fachlich als Bewilligungsbehörde. Zusammen mit Fördermitteln des saarländischen Umweltministeriums und Eigenmitteln des NABU beläuft sich das Gesamtbudget für das „Totholzprojekt“ auf nahezu 1,9 Millionen Euro.
Bedeutung alter Buchenwälder und Totholz
Bundesumweltminister Peter Altmaier betonte die Bedeutung des Projekts:
Mit diesem Projekt tragen wir dazu bei, Wälder als eine Schatztruhe der Natur zu bewahren und zu schützen. Die Bedeutung unserer Buchenwälder zeigt sich daran, dass im Jahre 2011 fünf deutsche Buchenwaldgebiete mit herausragenden alten Waldbeständen in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurden. Einer nachhaltigen und an Naturschutzaspekten orientierten Forstwirtschaft kommt somit eine entscheidende Rolle zu.
Prof. Beate Jessel, Präsidentin des BfN, hob die naturschutzfachliche Relevanz hervor:
Aus Naturschutzsicht besonders wichtig ist der Erhalt der wertvollen älteren Buchenwälder von über 160 Jahren. Denn die Alters- und Zerfallsphasen alter Bäume bieten ganz spezielle Strukturen und Lebensräume, auf die viele seltene und in ihrem Bestand gefährdete Arten (u.a. Holz bewohnende Insekten, Pilze und Flechten bzw. sog. Urwaldreliktarten) angewiesen sind. Nur noch auf insgesamt weniger als 0,3 Prozent der Fläche Deutschlands sind aber diese älteren Buchenwälder noch vorhanden, da die Buche relativ „frühzeitig“, d. h. im Alter von 120 bis 140 Jahren geerntet wird. Totholz ist ein Paradies für die biologische Vielfalt. Umso wichtiger ist es, dass sich Initiativen und Projekte wie das vorgestellte eingehend mit dem Thema Totholz beschäftigen, angepasste Bewirtschaftungsstrategien für die Waldwirtschaft entwickeln und sie einer breiten Öffentlichkeit näherbringen.
In der modernen Forstwirtschaft wird der natürliche Alterungs- und Zerfallsprozess von Wäldern oft vernachlässigt, da Bäume in der Regel geerntet werden, wenn sie wirtschaftlich am attraktivsten sind. Dies führt dazu, dass alte und totholzreiche Wälder mit ihren spezifischen Lebensgemeinschaften selten geworden sind.
Projektziele und Maßnahmen
Das Projekt trägt den Titel „Entwicklung und Förderung von Alt- und Totholzbiozönosen durch eine nachhaltige Bewirtschaftungsstrategie in saarländischen Forstbetrieben“. Basierend auf aktuellen Erfassungsdaten zu Vegetation, Tierarten und Pilzen in ausgewählten Buchenwaldbeständen des Saarlandes sollen im Rahmen des „Totholzprojekts“ die verbleibenden Populationen der Alt- und Totholzbiozönosen identifiziert, vernetzt und so erhalten oder verbreitet werden.
Dafür ist die kontinuierliche Entwicklung und der Erhalt ausreichender Altholzstrukturen auf ganzer Fläche erforderlich. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Überleben stark bedrohter Urwaldreliktarten. Im Projektverlauf sollen zudem Handlungsempfehlungen zu Arbeitssicherheit und Verkehrssicherung im Wirtschaftswald erarbeitet werden. Diese sollen Waldbesitzern und Forstbetrieben durch Praxisleitfäden zur konkreten Anwendung dienen.
Öffentlichkeitsarbeit und Informationszentrum
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts ist die umfassende Information der Öffentlichkeit. Alle relevanten Akteure aus Politik, Forstwirtschaft, Forschung und Bevölkerung werden durch Diskussionsforen, Fachexkursionen, Publikationen und Ausstellungen eingebunden. Als zentrale Kommunikationsplattform ist der Bau eines Informationszentrums geplant. Dort sollen die Projektergebnisse repräsentativ und nachhaltig einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und kommuniziert werden.
Hintergrund: Totholz als Lebensraum
Obwohl die Bezeichnung „Totholz“ anderes vermuten lässt, stellt Alt- und Totholz einen Lebensraum von hoher struktureller Vielfalt dar. Es bietet zahlreichen Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause, darunter Insekten, Spinnen, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere wie Fledermäuse. Der wahre ökologische Wert eines Baumes entfaltet sich, wenn er sein natürliches Alter erreicht und zu einem Baumveteranen gereift ist, was bei einer Buche etwa 300 Jahre dauern kann. Diese ökologisch entscheidende Lebensphase fehlt jedoch in den Wirtschaftswäldern nahezu vollständig.