Herausforderungen und gesellschaftliche Ansprüche an den Wald
Förstern wird nachgesagt, sie hätten das Prinzip der Nachhaltigkeit erfunden. Doch wie soll man heute die Bewirtschaftung des Waldes langfristig planen, wenn sich unsere Umwelt rasch wandelt und zukünftige Entwicklungen sehr ungewiss sind?
Diese Frage stellt Prof. Ulrich Schraml, Waldexperte der Universität Freiburg. Er weist darauf hin, dass es für Waldbesitzer zunehmend schwieriger wird, den vielfältigen gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Naturschutzverbände, Holzindustrie und Brennholzkunden äußern gleichzeitig einen größeren Bedarf an Fläche und Rohstoff. Schraml mahnt an, dass politische Korrekturen überfällig sind, um eine Balance dieser Ziele zu erreichen. Er verweist auf die mehrfach gescheiterte Novellierung des Bundeswaldgesetzes und betont:
Nichtstun hat einen hohen Preis. Denn schon heute bestimmen wir das Gesicht des Waldes für unsere Kinder und Enkelkinder.
Siegfried Behrendt, Zukunftsforscher am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, ergänzt, dass durch die Befragung zentrale Zukunftsfragen, Entwicklungen und Steuerungserfordernisse identifiziert und bewertet werden konnten, denen die Wald- und Forstwirtschaft gegenübersteht.
Die identifizierten Zukunftsfragen wurden auf Konferenzen und Experten-Workshops diskutiert. Auch Schüler und Auszubildende brachten im Rahmen einer Jugendkonferenz ihre Visionen für den Wald ein. Dr. Jesko Hirschfeld, Fachmann für Wasser- und Landmanagement am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, unterstreicht die Bedeutung des Waldes über die Holzproduktion und den Naturschutz hinaus:
Wald ist unverzichtbar für Wasserhaushalt, Kohlenstoffspeicherung und klimatischen Ausgleich – und er bietet Erholungsraum für den Menschen. Waldpolitik geht uns alle an – nicht nur die Forstpolitiker und Waldexperten.
Fehlende Langfristperspektive und Szenarienentwicklung
Die Experten kritisieren insbesondere eine fehlende Langfristperspektive in der deutschen Waldpolitik. Sie fordern die Entscheidungsträger auf, sich mit der Zukunft des Waldes auseinanderzusetzen und eine Waldpolitik jenseits von Ressortdenken und mittelfristigen Teillösungen zu gestalten. Als Grundlage hierfür wurden drei mögliche Entwicklungsszenarien für den Wald bis zum Jahr 2100 erarbeitet.
Beate Schulz-Montag, Zukunftsforscherin bei Z_punkt The Foresight Company, erläutert die Funktion dieser Szenarien:
Szenarien sind keine Prognosen. Aber sie fördern ein zukunftsrobustes Handeln heutiger Akteure, indem sie die langfristigen Auswirkungen heutiger Weichenstellungen sowie die Chancen und Risiken unterschiedlicher Zukunftsstrategien aufzeigen.
Empfehlungen an die Politik
Die Experten richten folgende Empfehlungen an die Politik:
- Die von der Großen Koalition versäumte Novellierung des Bundeswaldgesetzes sollte vom neu gewählten Bundestag zügig wieder aufgenommen werden, um Grundlagen für eine nachhaltige Waldnutzung zu schaffen.
- Der Umgang mit neuen Nutzungsformen wie Kurzumtriebsplantagen und Agroforstsystemen zwischen Land- und Forstwirtschaft muss geregelt werden. Zudem erfordern veränderte Waldeigentumsverhältnisse und Bedürfnisse der Holzindustrie eine Anpassung der gesetzlichen Regelungen.
- Waldpolitik ist als politische Querschnittsaufgabe aktiv zu gestalten. Die Bündelung und Abstimmung der verschiedenen Interessen in einer Gesamtwaldstrategie sollte von der Bundesregierung konsequent fortgesetzt und mit den Ländern abgestimmt werden.
- Der Prozess des Nationalen Waldprogramms sollte durch eine Orientierung auf Zukunftsfragen und eine höhere Verbindlichkeit seiner Ergebnisse wieder belebt werden, um einen fortlaufenden Dialog über die Zukunft der Waldnutzung zu ermöglichen.
Das Projekt „Zukünfte und Visionen Wald 2100“ wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms „Nachhaltige Waldwirtschaft“ gefördert.
Projektpartner im Verbund Waldzukünfte
Zu den Projektpartnern gehören das Institut für Forst- und Umweltpolitik (IFP) an der Universität Freiburg, INFIS – Institut für internationale Sozialforschung e.V. (Projektkoordination), das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), Karl Moser Consulting, die Professur für Umweltethik am Institut für Botanik und Landschaftsökologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald sowie Z_punkt The Foresight Company.
Die Publikation „Waldzukünfte: Herausforderungen für eine zukunftsfähige Waldpolitik in Deutschland“ ist zum Download verfügbar.