Herausforderungen und Lösungsansätze im kommunalen Bereich
Lokale Starkregenereignisse sind aufgrund ihrer räumlichen und zeitlichen Unvorhersehbarkeit schwer zu prognostizieren. Dies erschwert die Vorsorge erheblich. Das von der DBU mit knapp 210.000 Euro geförderte Projekt „MURIEL“ (Multifunktionale urbane Retentionsräume: von der Idee zur Realisierung) zielt darauf ab, Kommunen für die Vorsorge gegen Sturzfluten zu rüsten. Beteiligt sind die Firma MUST Städtebau (Köln), das Fachgebiet Siedlungswasserwirtschaft der Technischen Universität Kaiserslautern, das Forschungsinstitut gaiac (Aachen), die Beratenden Ingenieure Dahlem (Darmstadt) und die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (Hennef).
Im Rahmen von MURIEL sollen ausgewählte kommunale Verkehrs- und Freiflächen multifunktional für gezielte Überflutungen gestaltet werden, um ausreichend große Rückhaltflächen für Extremniederschläge zu schaffen. Beispielkommunen sind Karlsruhe, Köln und Wesseling. Bereits das Projekt „KLimaAnpassungsStrategie“ (KLAS) in Bremen (2012–2014), gefördert vom Bundesumweltministerium, lieferte erste Ansätze zur Verbesserung des Risikomanagements bei öffentlichen Planungsverfahren durch Niederschlagsabflussanalysen.
Neue Methodiken und Simulationstools für die Praxis
Aufbauend auf diesen Grundlagen entwickelt die Dr. Pecher AG (Erkrath) eine neue Methodik, um stadtgebietsweite Analyseergebnisse, unter anderem basierend auf Geographischen Informationssystemen, für städtische Planungsprozesse bereitzustellen. Die Firma CADFEM aus Grafing arbeitet mit DBU-Unterstützung (211.000 Euro) an einem neuen dreidimensionalen Simulationsverfahren. Dieses praxistaugliche Werkzeug soll vor Starkregenereignissen detaillierte Szenarien berechnen, Entscheidungshilfen für Abwehrmaßnahmen liefern und neues Wissen für zukünftige Prognosen generieren.
„Das Vorhaben besitzt besondere Relevanz im Hinblick auf Überflutungssimulationen in städtischen Gebieten. Mit Blick auf das Vermeiden enormer Schäden in der Umwelt, an Bausubstanzen und von Gesundheitsgefahren stellt es eine signifikante Erweiterung der Möglichkeiten des Hochwasser-Risikomanagements im städtischen Raum dar“, so Dr. Bottermann.
Natürlicher Hochwasserschutz im Fokus
Die DBU begrüßt die Entscheidung der Bundesregierung, 300 Millionen Euro für den Hochwasserschutz bereitzustellen, und befürwortet den Wandel weg vom reinen Deichbau hin zum natürlichen Hochwasserschutz. Eine alleinige Erhöhung der Deiche ist laut Bottermann nicht ausreichend, da dies die Fließgeschwindigkeit des Wassers in den Unterläufen erhöht und die zerstörerische Wirkung verstärkt.
Die Struktur vieler Flüsse in Deutschland ist durch Landwirtschaft, Schifffahrt, Wasserkraftnutzung und Bebauung stark beeinträchtigt. Mehr als die Hälfte aller Bäche und Flüsse sind stark oder vollständig verändert, begradigt und durch Wehranlagen unterbrochen. Dies hat fatale Folgen bei Hochwasserkatastrophen und für die aquatischen Lebensräume. Die DBU sieht daher dringenden Handlungsbedarf im Hochwasser- und Naturschutz.
Bottermann betont die Notwendigkeit, land- und forstwirtschaftliche Flächennutzung, Flächeninanspruchnahme durch Besiedlung und den Erhalt der Biodiversität als zusammenhängendes Problem zu betrachten. Sektorale Lösungsansätze seien nicht zielführend.
Modellprojekte zur Revitalisierung und Renaturierung
Die DBU fördert nationale und internationale Projekte, beispielsweise an der Donau, wo trotz des Verlusts großflächiger Auenlebensräume noch ursprüngliche Feuchtlebensräume existieren. Modellhafte Projekte wie eine Deichrückverlegung an der Mittleren Oder in Polen zeigen, dass die Revitalisierung von Auen und die Renaturierung von Fließgewässersystemen wertvolle Lebensräume erhalten und wiederherstellen können. Gleichzeitig schützen diese Maßnahmen vorbeugend vor Hochwasser.
Ein weiteres Instrument ist der Wiederanschluss von Altarmen. Ein aktuelles Renaturierungsprojekt in Mannheim, das die DBU mit 225.000 Euro fördert, sieht den Wiederanschluss des sogenannten Schlauchgrabens, eines ehemaligen Seitenarms des Rheins, vor. Dies soll auch Amphibien wie Fröschen, Kröten und Molchen einen erweiterten Lebensraum bieten.
Technischer Objektschutz für den Akutfall
Während der natürliche Hochwasserschutz präventiv wirkt, ist im akuten Fall von Hochwasser weiterhin technischer Hochwasserschutz erforderlich. Die Firma Aquaburg aus Münster hat mit DBU-Unterstützung die AquaWand entwickelt, einen intelligenten Objektschutz, der innerhalb von 15 Minuten aufgebaut werden kann. Diese widerstandsfähige Schutzwand aus Kunststoffplane und Stahlseilnetz wird unsichtbar unter einer Abdeckung in einer Bodenrinne installiert und kann bei drohendem Hochwasser schnell und sicher aufgestellt werden.
Das System wurde von der TU Hamburg-Harburg nach internationalen Prüfstandards zertifiziert. Weitere Vorteile sind die Anerkennung durch Schadensversicherungsgesellschaften und ein geringer Wartungsaufwand.
