Wiederentdeckung einer historischen Apfelsorte
Die Sorte wurde wiederentdeckt, nachdem Hobby-Pomologen einen alten Baum in Altbach identifizierten. Dr. Robert Gliniars, Kustos der Hohenheimer Gärten, betont die Bedeutung dieser Rückkehr:
Der Hohenheimer Rieslingapfel wurde vor 150 Jahren an der damaligen Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim gezüchtet. Die Sorte galt als verschollen, und dass sie heute wieder zu uns ins Landesarboretum zurückkehrt, freut uns sehr. Das ist vor allem der Spürnase der Sortenfahnder zu verdanken und dem Engagement der Streuobstfachstelle.
Rudolf Brenkel, Ehrenvorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Altbach, wusste von einem ungewöhnlichen Altbaum auf einer Streuobstwiese bei Altbach. Der Großvater der Besitzerin war Baumwart in Hohenheim und aktiv in der Veredelung tätig. Brenkel zeigte den Baum Eckart Fritz, einem Pomologen und Sortenspezialisten, der den Rieslingapfel erkannte. Die volle Bedeutung der Entdeckung wurde Brenkel erst durch den Kontakt mit Lucas Pacholet im Jahr 2019 bewusst.
Lucas Pacholet, Absolvent der Universität Hohenheim und Lehramtsstudent, engagiert sich in seiner Freizeit für Streuobstwiesen und die Suche nach verschollenen Obstsorten. Er hebt hervor, dass alte Sorten oft robuster und weniger anfällig für Krankheiten sind und zudem ein Kulturgut mit Geschichte darstellen.
Historische Bedeutung und Erhaltungsmaßnahmen
Der Hohenheimer Rieslingapfel wurde erstmals 1874 in der „Rheinischen Gartenschrift“ erwähnt und 1880 in den „Pomologischen Monatsheften“ detaillierter beschrieben. Der Wein aus diesen Äpfeln erinnerte in Farbe, Geschmack und Feuer an den aus Rieslingtrauben gewonnenen Wein, was Garteninspektor Schüle in Hohenheim zur Namensgebung inspirierte.
Zur Rettung dieser Sorte nahmen Brenkel und Pacholet Kontakt mit Jochen Berger von der Streuobstfachstelle der Stadt Stuttgart auf. Berger erklärt, dass Hohenheim vor 150 Jahren ein Zentrum für Sortenzüchtungen war, von wo aus diese in Süddeutschland verbreitet wurden. Heute seien lokale Sorten oft nur noch als einzelne Bäume zu finden. Die Stadt Stuttgart unterstützt den Erhalt dieser Sorten, da die Altbäume sukzessive absterben.
Für den Erhalt des Rieslingapfels im Streuobstanbau wurden Auftragsveredelungen mit Reisern des Altbaumes veranlasst. Streuobstwiesen sind nicht nur ein prägendes Kulturgut, sondern auch artenreiche Lebensräume in Mitteleuropa.
Genetische Vielfalt und Zukunft der Sorte
Dr. Gliniars betont, dass die Bewahrung der genetischen Vielfalt eine zentrale Aufgabe der Hohenheimer Gärten ist. Alte Sorten bergen ein genetisches Potenzial, das für die Züchtung neuer, resistenterer Sorten von Interesse sein könnte.
Die Rettung des Hohenheimer Rieslingapfels erfolgte rechtzeitig, da der alte Baum in Altbach bereits stark geschädigt ist, obwohl er noch Früchte trägt. Mit den beiden Bäumen in Hohenheim und weiteren Exemplaren im Freilichtmuseum Beuren, Altbach und Wiesbaden gilt die Sorte als gesichert. Pacholet plant zudem, einen weiteren Rieslingapfelbaum auf seiner Streuobstwiese zu pflanzen.
Hintergrund: Hohenheimer Gärten
Die Hohenheimer Gärten sind eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität Hohenheim. Sie umfassen vier Gartenteile und widmen sich dem Erhalt der pflanzlichen Biodiversität. In den Gärten werden rund 600 Pflanzenarten kultiviert. Das Landesarboretum Baden-Württemberg, bestehend aus dem Exotischen Garten und dem Landschaftsgarten, beherbergt etwa 2.500 Gehölzarten. Der Hohenheimer Schlosspark beherbergt rund 360 Gehölzarten. Über 200 wild vorkommende Tier- und Pflanzenarten wurden erfasst, was der Universität Hohenheim im Juli 2023 den Titel „artenreichster Campus Europas“ einbrachte.
Hintergrund: Streuobstfachstelle der Landeshauptstadt Stuttgart
Die Streuobstfachstelle ist Teil des Amts für Umweltschutz der Stadt Stuttgart. Sie informiert über Streuobst, berät zu Pflegemaßnahmen und bietet über den städtischen Naturschutzfonds Fördermöglichkeiten von der Pflanzung bis zum Obstbaumschnitt.

