Von der Schmiede zum Spezialtraktoren-Hersteller
Giovanni Carraro wurde 1890 in Campodarsego bei Padua als zweites Kind von Giuseppe und Marina Carraro geboren. Mit elf Jahren begann er in der Werkstatt seines Vaters zu arbeiten. Dort fertigten die Brüder Giovanni und Domenico („Nei“) Pflüge, Schaufeln, Gabeln und weitere landwirtschaftliche Geräte und machten sich als kräftige, erfinderische Schmiede einen Namen. Giovanni besuchte zusätzlich Abendkurse in Padua, lernte Zeichnen und Grundlagen der Mechanik und investierte eigenes Geld in Eisen und Werkzeug, um an einer „multifunktionalen Maschine“ zu arbeiten.
1910 stellte er sein Gerät auf der Landwirtschaftlichen Industriemesse in Padua aus und erhielt mit 19 Jahren eine Medaille sowie das „Diplom zur Ermutigung und ehrenhaften Erwähnung“. Campodarsego blieb sein Lebensmittelpunkt; später war er sogar Bürgermeister. In der Familie wuchs die nächste Generation früh in die Werkstatt hinein – darunter Antonio Carraro, geboren 1932.
Antonio Carraro und der Multifunktionstraktor
Nach den Unterbrechungen während der Weltkriege nahm die Firma ihre Tätigkeit wieder auf. Im Jahrzehnt nach 1945 wollte Antonio eine Maschine bauen, die es damals noch nicht gab: einen multifunktionalen Traktor in kompakter Bauweise. In der Werkstatt von Giovanni wurde die Firma „Antonio Carraro di Giovanni“ gegründet. Anfangs kamen 18-PS-Motoren zum Einsatz, später wurden die Antriebe Jahr für Jahr stärker und technisch ausgefeilter.
Die Traktoren sollten Landwirten technische Lösungen für spezialisierte Landwirtschaft bieten – auch unter extremen Bedingungen – sowie für Grünpflege und Kommunaldienst. Antonio Carraro wurde in Italien zur Nr. 1 und laut Text weltweit führende Marke für kompakte Allradtraktoren mit 20 bis 100 PS (gemäß Zulassungsangaben des Transportministeriums).
Innovation, Forschung und Systeme
1973 gründete Antonio Carraro ein Forschungs- und Studienzentrum. In dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit den Universitäten Padua, Bologna, Berlin (Humboldt) und Sydney. Genannt werden außerdem Entwicklungen wie die Einführung des KAIZEN-Modells (von Porsche Consulting aus Stuttgart) und die Beratungsfirma ACBylean (seit 2007) mit Kaizen-Kursen und logistischen Reorganisationsprojekten.
Zu den genannten technischen Lösungen und Baureihen gehören:
- RGS™ Rev-Guide System: Fahrerstand lässt sich in wenigen Sekunden um 180° wenden, Arbeiten in zwei Fahrtrichtungen mit Anbaugeräten.
- ACTIO™: Integraler Schwingrahmen für Traktoren mit überhängendem Motor.
- Biogas-Traktor: Forschung in Zusammenarbeit mit der Universität Padua (Prof. De Zanche).
- VIMAC: Hydrogetriebe für kommunale Anwendungen.
- ACTIF™: flexibler Fahrzeugrahmen für Straßen- und Grünflächenpflege.
- Protector: druckbeaufschlagte Kabine „Super Low Profile“ (h 1749 cm) mit computergesteuerter Druckbeaufschlagung.
Als Beispiel für neue Technik wird 2010 der Mach 4 genannt: ein knickgelenkter Traktor mit vier Raupen, umkehrbarem Fahrerstand und 87 PS.
Zahlen und Struktur 2010
Für 2010 werden folgende Kennzahlen genannt: In Italien liegt AC bei 10 Prozent im Gesamtsektor der Traktoren und bei 20 Prozent im Segment der kompakten Traktoren. In Europa ist AC mit 15 Prozent zweiter Hersteller im Segment der kompakten Traktoren. Die Jahresproduktion beträgt 5.000 Traktoren, die Werkfläche umfasst 120.000 m² (davon 40.000 m² Produktionslinien). Das Personal: 400 Beschäftigte, darunter 35 in R&D, finanziert mit einem jährlichen Budget von 8 Prozent des Umsatzes. Der Umsatz 2008 wird mit 78 Mio. Euro angegeben.
Weltweit werden sechs Zweigniederlassungen genannt: Barcelona, Taren Point (Australien), Napa (Kalifornien), Santiago (Chile), Lognes (Frankreich) sowie ACAnadolu in Istanbul. Die Hauptniederlassung bleibt vollständig in Campodarsego und vereint Verwaltung, Vertrieb, Produktion sowie Forschung und Entwicklung.
Historische Etappen und Modellnamen
Die Serienfertigung von Sämaschinen ab 1925, die erste automatische Sämaschine 1951, den „Universal“ (1956) sowie den Prototyp „Carraro 23“ (1958). 1959 entstanden zwei Firmenlinien: Carraro Spa (Achsenfertigung) und Antonio Carraro Spa (kompakte Allradtraktoren). Wichtige Modellnamen sind „Scarabeo“ (1960), „Tigre“ (ab 1964), „Supertigre 635“ (1969), „Tigrone 740“ (1972) sowie spätere Serien wie „Serie 22“ (1990), „Ergit“ (ab 2000), „Tigrone“ (2005) und „Ergit 100“ (2009). 2010 wurde das 100-jährige Firmenjubiläum in Bologna am ersten Abend der Eima-Messe gefeiert.
Einsatzbereiche und Modellreihen
Antonio Carraro ordnet die Maschinen drei Modellreihen zu: „Tractor People“ für spezialisierte Landwirtschaft (Wein, Obst, Treibhäuser, Baumschulen, Reihenkulturen), „GROUNDCARE“ für Kommune und Grünpflege sowie „DOLCE VITA“ als Grundausführung der mittleren Leistungsklasse für Hobbylandwirte. Genannt werden zudem Einsatzfelder wie Obstplantagen, Treibhäuser, Weideland, Baustellen, Straßen und Sportanlagen.
