Hintergründe der Nahrungskrise
Die Vereinten Nationen richten in dieser Woche eine Großkonferenz aus, um die aktuelle Nahrungskrise zu thematisieren. Vom 3. bis 5. Mai versammeln sich Staatenvertreter bei der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO in Rom. Prof. Dr. Manfred Zeller, Agrar- und Entwicklungsexperte der Universität Hohenheim, beleuchtet die vielschichtigen Ursachen und mögliche Lösungsansätze.
Differenzierte Betrachtung der Ursachen
Die aktuelle Nahrungskrise ist laut Prof. Dr. Zeller nicht allein auf den Boom der Biokraftstoffe zurückzuführen. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln übersteigt das Angebot bereits seit acht Jahren, was die Bezeichnung "Krise" rechtfertigt. Der extreme Preisanstieg seit 2006 sei jedoch durch zusätzliche, kurzfristig wirkende Faktoren bedingt.
Die Biokraftstoffe tragen ohne Zweifel zur Preishausse bei, sind aber nur einer von vielen Faktoren. Dementsprechend müssen auch die Lösungsansätze differenziert ausfallen.
Langfristige Ursachen für höhere Agrarproduktpreise sind das Bevölkerungswachstum und die steigende Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten, insbesondere in Indien und China, bedingt durch wachsende Einkommen. Für die Erzeugung eines Kilogramms Geflügelfleisch werden beispielsweise sieben Kilogramm Getreide benötigt. Gleichzeitig sind die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen in Asien kaum noch ausdehnbar, und Wasser wird zunehmend zum begrenzenden Faktor.
Kurzfristig kommen Spekulationsblasen und Ernteausfälle, wie die durch Dürre in Australien im letzten Jahr, hinzu. Ein erheblicher Anteil des Preisanstiegs ist zudem auf den Wertverfall des US-Dollars zurückzuführen, da Agrarpreise international in dieser Währung bewertet werden.
Die Rolle der Biokraftstoffe
Die Preise für Energie und Nahrungsmittel hängen zunehmend voneinander ab. Steigende Energiepreise verteuern Produktionsmittel wie Dünger und Treibstoff, was die Kosten für die landwirtschaftliche Produktion und den Transport von Nahrungsmitteln erhöht. Der Biokraftstoff-Boom, ausgelöst durch hohe Erdölpreise und verstärkt durch Steuerbefreiungen, Beimischungszwang und Subventionen in der EU und den USA, verschärft diese Entwicklung.
Die Entwicklung zur Nahrungsmittelkrise war nicht unvorhersehbar. Bereits seit Anfang der 1990er-Jahre gab es Warnungen vor unzureichenden Investitionen in die nachhaltige Steigerung der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion.
Der Biokraftstoff-Boom ist sowohl politisch als auch marktwirtschaftlich motiviert. In der EU und den USA führten politische Maßnahmen wie Steuerbefreiungen und Subventionen dazu, dass Agrarproduktion vom Nahrungsmittel- in den Energiesektor umgeleitet wird. Deutschland und Frankreich sind führend bei Biodiesel aus Raps. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 5,6 Millionen Tonnen produziert, wobei eine Verdopplung in drei Jahren erwartet wird.
Bioethanol ist mit 47.156 Millionen Tonnen Jahresproduktion noch bedeutender. 70 Prozent davon werden in den USA und Brasilien aus Mais und Zuckerrohr hergestellt. Obwohl die USA letztes Jahr eine Rekordmaisernte verzeichneten, floss ein Drittel in die Ethanolproduktion. In Europa sind Frankreich und Deutschland die treibenden Kräfte. In kostengünstiger produzierenden Entwicklungsländern wie Brasilien ist der Boom allein durch den hohen Ölpreis begründet. Allerdings könnte der Biokraftstoffboom in Brasilien indirekt die Abholzung der Tropenwälder im Amazonas vorantreiben.
Nachhaltigkeit und Effizienz als Schlüssel
Die Hauptargumente für Biokraftstoffe sind die Sicherstellung der Energieversorgung, die Erschließung neuer Einkommensquellen für die Landwirtschaft und der Ersatz fossiler Energieträger zur Eindämmung des Klimawandels. Letzteres muss jedoch genau betrachtet werden. Wenn Wälder für den Anbau gerodet werden, entstehen mehr Treibhausgase als durch fossile Treibstoffe. Auch der Soja-Anbau für Biodiesel kann unter bestimmten Bedingungen klimawirksame Treibhausgase freisetzen, was die Ökobilanz verschlechtert.
Die derzeitige Produktion von Biodiesel aus Raps in Deutschland und Frankreich weist hohe Kosten zur Vermeidung von Treibhausgasen auf und ist aus umweltökonomischer Sicht fragwürdig.
Nein, ganz und gar nicht. Bioenergie muss aber nachhaltig sein. Weizen und Mais zu verwenden ist sicherlich Unsinn. In der Forschung setzen wir auf Bioenergie der 2. Generation: Anstelle von Nahrungspflanzen finden hier Neben- und Abfallprodukte aus Land- und Forstwirtschaft Verwendung.
Eine weitere Alternative sind Energiepflanzen, die auf für die Nahrungsmittelproduktion ungeeigneten Standorten gedeihen können, wie beispielsweise Jatropha. Zudem muss Bioenergie effizienter genutzt werden. Schätzungen zufolge kann die erste Generation der Biokraftstoffe bis 2050 nur 11 Prozent des weltweiten Treibstoffbedarfs decken, ohne Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kosten. Die Universität Hohenheim weiht eine Forschungsanlage ein, die sich mit effizienter Nutzung und neuen Bioenergieträgern befasst.
Breite Lösungsansätze sind gefragt
Die anstehende Großkonferenz in Rom behandelt die Nahrungskrise in Verbindung mit der Energiekrise und dem Klimawandel. Dieser Ansatz ist sinnvoll, da sich diese Themen gegenseitig beeinflussen. Entsprechend breit müssen die Lösungsansätze sein. Im Hinblick auf den Klimawandel liegt das größte Potenzial im Energiesparen durch höhere Energieeffizienz. Eine Besteuerung von Energie oder der entstehenden Verschmutzung ist ebenfalls sinnvoll. Für die Abkehr vom Erdöl müssen alle regenerativen Energien umfassend gefördert werden. Bioenergie und Biokraftstoffe sind ein wichtiger, aber nicht der einzige Baustein.
Im Kampf gegen Hunger und Armut müssen folgende Mechanismen akzeptiert werden: Nahrungsmittel- und Energiepreise sind untrennbar miteinander verbunden, und Energiepreise werden weiter steigen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN erwartet eine Stabilisierung der Agrarpreise auf dem derzeit hohen Niveau. Da die global begrenzte Anbaufläche zunehmend ausgereizt ist, bleibt nur die Steigerung der Produktivität der Felder. Dies erfordert massive Investitionen in Agrarforschung sowie die Verbreitung und Anwendung neuer, an die jeweiligen Standortbedingungen angepasster Technologien.
Um Hunger und Armut wirksam zu bekämpfen, sind gezielte Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Entwicklungsländern notwendig. Der Großteil der Armen und Hungernden lebt in ländlichen Regionen und ist von der Landwirtschaft als Haupteinkommensquelle abhängig.
Handlungsbedarf und Innovation
Die Situation ist nicht aussichtslos. Es muss erkannt werden, dass die Nachfrage nach Agrarprodukten weltweit weiter steigen wird, und entsprechend gehandelt werden. Der aktuelle Bericht der Weltbank kritisiert, dass nationale und internationale Förderorganisationen die weltweite Agrar- und Ernährungsforschung sowie Investitionen zur Förderung der landwirtschaftlichen Entwicklung vernachlässigt haben, insbesondere in Entwicklungsländern und Afrika.
Ein neuer, längst überfälliger Schub für Innovation und Forschung im Agrarbereich sowie massive Investitionen in eine nachhaltige landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung sind erforderlich. Dies soll insbesondere Kleinbauern und der armen ländlichen Bevölkerung zugutekommen.
Zur Person
Prof. Dr. Manfred Zeller ist Inhaber des Lehrstuhls für Entwicklungstheorie und -politik für den ländlichen Raum an der Universität Hohenheim. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte umfassen Studien in über zehn Entwicklungsländern in Afrika, Asien und Lateinamerika zu Themen wie Ernährungssicherung, Boden- und landwirtschaftliche Kreditmärkte sowie Wachstums-, Verteilungs- und Umweltwirkungen landwirtschaftlicher Technologien. Seine jüngste Publikation, "Biofuel boom or doom?: Opportunities and constraints for biofuels in developing countries", erscheint in der Zeitschrift Quarterly Journal of International Agriculture.
Agrarforschung in Hohenheim
Die Fakultät Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim konzentriert sich auf globale Ernährungssicherung, Qualität und Sicherheit in der Food Chain, nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie, die Anpassung landwirtschaftlicher Produktionssysteme an die Folgen des globalen Wandels (insbesondere Klimaveränderungen und Wasserverfügbarkeit) sowie die Nutzung genomischer Diversität in der landwirtschaftlichen Produktion. An der Fakultät lehren und forschen 49 Professorinnen und Professoren, unterstützt von 480 Mitarbeitern, davon 220 im wissenschaftlichen Dienst. Derzeit werden rund 1.700 Studierende in drei Bachelor-Studiengängen, zehn Master-Programmen und einem Promotionsstudiengang sowie etwa 350 Doktorandinnen und Doktoranden ausgebildet.