Messen und Veranstaltungen

Moderne Landwirtschaft: Zwischen Anspruch und kritischer Selbstreflexion

Die DLG-Wintertagung in München beleuchtete die Notwendigkeit einer kritischen Selbstbetrachtung der modernen Landwirtschaft. DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer forderte, Fortschritt durch konsequente Umsetzung von Erkenntnissen zu sichern und gesellschaftliche Wünsche als Herausforderung zu begreifen.

DLG-Wintertagung: Selbstkritik als Wegbereiter für die Zukunft

Die DLG-Wintertagung in München stand im Zeichen einer kritischen Auseinandersetzung mit der modernen Landwirtschaft. DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer betonte die Notwendigkeit einer selbstkritischen Betrachtung der Branche, um Fortschritt als Bedingung für die Zukunft zu sichern.

Bartmer forderte, Veränderungen und Zuspitzungen in den Betrieben mit distanzierter Expertise zu analysieren. Eine kritische Selbstbeurteilung sei ein Zeichen der Stärke und könne die Branche für die Zukunft stärken, wenn Erkenntnisse konsequent umgesetzt werden. Er mahnte, die bestehenden Freiheitsgrade zu nutzen und gesellschaftliche Wünsche als Herausforderung für den Ideenreichtum zu begreifen. Es sei fatal, Moderne in der Landwirtschaft ohne selbstkritische Reflexion ihrer Wirkungen zu propagieren. Für Diskussionen seien praxistaugliche Indikatoren als Grundlage für eine aussagekräftige Beschreibung der Situation in der Landwirtschaft hilfreich, wobei ökonomische Zwänge und der internationale Wettbewerb nicht ausgeklammert werden dürften.

Anpassungsbedarf bei Umweltstandards und Innovationen

Prof. Dr. Friedhelm Taube von der Christian-Albrechts-Universität Kiel sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Umsetzung von Umweltstandards. Er plädierte dafür, lange verschleppte Anpassungen zeitnah vorzunehmen, um überzogene politische Maßnahmen für Landwirte zu vermeiden. Die Erfahrungen aus Dänemark mit ökonomisch schädlichen Extremlösungen sollten als Lehre dienen.

Taube zeigte sich überzeugt, dass der Großteil der deutschen Landwirte gut aufgestellt ist und gemeinsam mit Beratung und Forschung Wege zur Bewältigung der Herausforderungen aufzeigen kann. Er betonte, dass die Landwirtschaft in Deutschland konkurrenzfähig bleibe, wenn sie sich notwendigen Innovationen stelle. Zukünftig seien vermehrt Innovationen gefragt, die der zeitnahen Erfüllung von Umweltzielen dienen.

Der Kieler Wissenschaftler forderte die Landwirte zudem auf, ihre Fruchtfolgegestaltung zu überdenken. Das Muster Raps-Weizen-Weizen sei nicht mehr ausreichend, um den N-Saldo von maximal +50 kg N/ha ab 2018 einzuhalten. Er empfahl den Einsatz von Hafer, Mais oder Körnerleguminosen oder den temporären Flächentausch zwischen Futterbau- und Marktfruchtbetrieben. Dies hätte den positiven Nebeneffekt, Resistenzprobleme beim Herbizideinsatz zu reduzieren.

Leistungen und Schwächen der modernen Landwirtschaft

Unternehmensberater Karl Heinz Mann von der Ländlichen Betriebsgründungs- und Beratungsgesellschaft in Göttingen analysierte die Leistungen der modernen Landwirtschaft. Dazu zählten wettbewerbsfähige Unternehmen, steigende Naturalleistungen, hohe Arbeitsproduktivität, verbesserte Haltungsbedingungen in der Tierhaltung sowie hochwertige und preiswerte Lebensmittel.

Gleichwohl identifizierte Mann auch Schwächen. Hierzu gehören die zunehmende Beeinträchtigung der Biodiversität durch die Großflächenlandwirtschaft, Bodenverdichtung durch Großmaschinen, regional auftretende Maismonokulturen, Überdüngung in viehintensiven Gebieten und Bodenerosion bei Wegfall von Glyphosat in der Mulchsaat. Im Bereich der Tierhaltung nannte er Tierkonzentration, Fragen der Haltung (Antibiotikaeinsatz) und haltungsbedingte Eingriffe (Enthornung, Ringelschwanz, Kastration) als Schwachpunkte.

Als Lösungsansätze schlug Mann die Vernetzung der Landschaft durch ökologische Ausgleichsflächen, gemeinsame Bewirtschaftungseinheiten für moderne und umweltschonende Technik sowie „smarte“ Technik mit selbstfahrenden Maschinen vor. Letztere könnten langfristig den Verzicht auf Großmaschinen und große Parzellen ermöglichen. Landwirtschaftliche Tierhalter müssten sich zudem mit einer differenzierten Anpassung an die Anforderungen der Konsumenten auseinandersetzen. Er hielt eine allmähliche Verlagerung der Tierhaltung in Ackerbauregionen oder eine Erhöhung der Nährstoffkonzentration und Transportwürdigkeit für notwendig. Sein Fazit lautete: „Nur eine moderne Landwirtschaft ist Ressourcen sparend.“

Kommunikation und emotionale Aspekte in der öffentlichen Wahrnehmung

Martin Wimmer, ein bayerischer Ferkelerzeuger, betonte die Notwendigkeit, dass die Tierhaltung und die gesamte Landwirtschaft die Kompetenzhoheit für ihre Produkte zurückgewinnen müssen. Die Branche solle die Mehrheit der Gesellschaft über Innovationskraft, hohe Qualitätsstandards und Leistungen informieren und begeistern. Dies sei entscheidend, um dem Druck von NGOs und Interessengemeinschaften mit verzerrten Bildern zu begegnen und politischen Populismus zu stoppen. Jeder Landwirt sei in der Pflicht, seinen Beitrag zu leisten, um eine nachhaltige, ressourcenschonende und wirtschaftlich erfolgreiche Landwirtschaft in Deutschland zu sichern.

Jens Lönneker, Geschäftsführer von Rheingold Salon, ergänzte, dass rein rationale Argumente der Landwirtschaft nicht ausreichen. Die öffentliche Meinung könne nur beeinflusst werden, wenn für die Produktionsmethoden eine attraktive emotionale Begründung entwickelt wird. Eine aktuelle Gesellschaftsstudie zeige, dass der Kampf um die öffentliche Meinung letztlich auf emotionalem Terrain zu gewinnen sei. In öffentlichen Diskursen würden zunehmend Formen des Erlebens und Verhaltens aus dem privaten und emotionalen Raum akzeptiert, die „irrationale“ Aspekte beinhalten. Diese „Psychologisierung des Öffentlichen“ führe dazu, dass unterschiedliche und widersprüchliche Auffassungen nebeneinander bestehen können.

Lönneker führte weiter aus, dass durch die Emotionalisierung der Meinungsbildung die Glaubwürdigkeit von Personen und Personengruppen steige, die als emotional authentisch erlebt werden – wie „Betroffene“, aber auch NGO-Vertreter und unabhängige Experten. Die Vertrauenswerte klassischer Meinungsbildner aus Politik und Wirtschaft seien dagegen deutlich niedriger, da von ihnen „mehr Gefühle“ erwartet würden, während ihnen eher taktische Äußerungen unterstellt würden.

15.01.2016

Zurück