Bedeutung und Schutz der Streuobstwiesen in Europa
Am Freitag, den 30. April, wird erstmals der europaweite „Tag der Streuobstwiese“ begangen. Der NABU beteiligt sich als nationaler Partner von BirdLife International an dieser Initiative. Dr. Markus Rösler, Sprecher des NABU-Bundesfachausschusses Streuobst, bezeichnet die vielfältigen, hochstämmigen Streuobstwiesen als „Schatzkammern für Natur und Mensch“. Diese prägen zahlreiche Landschaften von der Normandie und Bretagne bis zum rumänischen Siebenbürgen.
Deutschland verfügt nach Angaben des NABU mit rund 250.000 bis 300.000 Hektar über die größten Streuobstbestände Europas.
Über 5.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sowie über 6.000 Obstsorten gibt es allein in Deutschland. Das sind Hotspots der Biologischen Vielfalt, für die wir besondere Verantwortung besitzen.
Mit Blick auf den Obstanbau fordert EU-Naturschutzexperte Dr. Raphael Weyland im Namen von BirdLife Europe eine Neuausrichtung der Agrarpolitik.
Wenn wir das Insektensterben und den Artenschwund stoppen wollen, müssen wir EU-Gelder viel zielgerichteter einsetzen. Im Obstbau bedeutet das weg von Halb- oder Niederstammplantagen und hin zu den hochstämmigen Streuobstwiesen, die für den Naturschutz eine herausragende Rolle spielen.
Weyland fordert zudem einen qualifizierten Schutzstatus in den europäischen Ländern.
Das Insektenschutzgesetz in Deutschland ist hierbei leider ein Negativ-Beispiel. Denn über eine sogenannte Länderöffnungsklausel bleiben die teils unsinnigen und viel zu schwachen Schutzregelungen der Bundesländer in Kraft, obwohl im Bundesnaturschutzgesetz etwas anderes steht.
Rösler und Weyland sprechen sich für eine europaweite Imagekampagne für Hochstamm-Obstbäume und deren Produkte aus.
In keinem Land Europas und auch in keinem der 16 deutschen Bundesländer ist es gelungen, den Rückgang der Streuobstwiesen um rund 80 Prozent seit den 1950er Jahren zu stoppen. Das ist ein Armutszeugnis für die Politik und einer der Gründe für das Insekten- und Artensterben.
Die Experten fordern eine umfassende Streuobst-Konzeption, die Schutz, Aus- und Fortbildung, Information und Förderung stärkt. Frankreich, die Schweiz, Österreich und Deutschland sind hierbei von besonderer Bedeutung, da sie über die Hälfte der europäischen Streuobstbestände beherbergen. Deutschland, insbesondere mit seinen Streuobstwiesen im Vorland der Schwäbischen Alb, trägt die größte Verantwortung.
Da genügt es nicht, Streuobstwiesen als Kulturerbe auszuzeichnen, es müssen auch Gelder fließen, sonst wird der größte Teil unserer Streuobstbestände verschwinden, der sowieso zunehmend unter Mistelbefall und Trockenstress leidet.
An die Verbraucher appellieren Rösler und Weyland, für hochwertige Streuobstprodukte wie Apfelsaft, Birnenschaumwein und Kirschbrand einen angemessenen Preis zu zahlen.
Nicht nur die Kaffeebauern in Nicaragua oder unsere Milchbauern, sondern auch unsere Streuobst-Bewirtschafter benötigen faire Bezahlung für ihre Arbeit.
Der NABU sieht einen positiven Trend in den über 100 mobilen Keltereien, die größtenteils in den letzten 20 Jahren entstanden sind. Diese Unternehmen pressen gemeinsam mit kleinen Keltereien rund 50 Millionen Liter Saft, überwiegend aus Streuobst.
Zukünftig wird der „Tag der Streuobstwiese“ jeweils am letzten Freitag im April stattfinden. Zu dieser Jahreszeit stehen in vielen bedeutenden Streuobst-Regionen Europas, darunter die Bretagne, Normandie, Luxemburg, Schwaben, die Schweiz, Österreich und Slowenien, die Obstbäume in voller Blüte.