Warum Gerechtigkeit im Naturschutz unerlässlich ist
Der moderne Naturschutz muss sich verstärkt mit Gerechtigkeitsfragen auseinandersetzen, sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene. Dies betrifft insbesondere die Abwägung des Naturschutzes mit unterschiedlichen Nutzungsinteressen an der Natur.
Konflikte zwischen Landwirtschaft und Naturschutz, zwischen Naturerleben und Schutzgebieten oder zwischen dem Schutz der biologischen Vielfalt und dem Ausbau erneuerbarer Energien werfen Fragen nach einer gerechten Abwägung von Interessen und einem Ausgleich für Einschränkungen auf. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) initiierte eine Fachtagung, um diese Konflikte kommunikativ zu bearbeiten.
Ich bin davon überzeugt, dass die notwendigen Auseinandersetzungen besser zu führen sind, wenn man die moralische Empörung und das verletzte Gerechtigkeitsempfinden sowohl der Naturnutzer als auch der Naturschützer hinter vielen Naturschutzkonflikten in Deutschland wirklich ernst nimmt.
Dies betonte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. Sie hob hervor, dass das Thema Gerechtigkeit im Naturschutz, obwohl von immenser Bedeutung, bisher zu selten offen angesprochen wird.
Facetten der Gerechtigkeit im Naturschutz
Das Thema Gerechtigkeit im Naturschutz umfasst verschiedene Aspekte:
- Verteilungsgerechtigkeit: Fragen nach einem gerechten Zugang zu Natur und natürlichen Ressourcen.
- Verfahrensgerechtigkeit: Eine gerechte Beteiligung an Planungs- und Entscheidungsprozessen.
- Zukunftsgerechtigkeit: Die Einbeziehung von Chancen und Handlungsmöglichkeiten für künftige Generationen.
Auch internationale Gerechtigkeitsfragen waren Bestandteil der Tagung. Prominente Redner wie Prof. Dr. Klaus Töpfer und Prof. em. Hans-Jörg Sandkühler beleuchteten Fragen der internationalen Gerechtigkeit, der Menschenwürde und der Rechte künftiger Generationen.
Globale Herausforderungen und ethische Prinzipien
Nach Ansicht der Präsidentin überschreitet die Inanspruchnahme von Naturgütern und biologischer Vielfalt ökologische wie soziale Grenzen weltweit.
Nach wie vor steht eine Antwort auf das globale Gerechtigkeitsproblem aus, wie mit den weltweit begrenzten und weiterhin sinkenden natürlichen Ressourcen umzugehen ist, damit heutigen wie auch künftigen Generationen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht werden kann.
Diese Aussage machte Jessel auf der Fachtagung, die als Plattform für den Austausch zwischen Naturschutzpraxis, Wissenschaft und Politik diente. Die Arbeit des BfN zu ethischen Fragen im Naturschutz bildet den Hintergrund der Tagung. Die Beantwortung von Gerechtigkeitsfragen gehört zu den wichtigsten Aufgaben der nationalen und internationalen Naturschutzpolitik.
Ohne Bezug auf das ethische Prinzip der Gerechtigkeit bleibt die bisher überwiegend ökologisch und ökonomisch geprägte Kommunikation über die Bedeutung der Natur und biologischen Vielfalt oft ohne Konsequenzen. Diese Einseitigkeit verschleiert unausgesprochene Wertekonflikte und die Komplexität von Konfliktlagen.
Wenn Einzelne zugunsten der Allgemeinheit auf die Verwirklichung anerkennungswürdiger Interessen verzichten sollen, stellt sich die Frage nach dem Ausgleich: Die Frage, wie Naturschutzlasten und Naturschutznutzen in der Gesellschaft gerecht geteilt werden können, wird damit zu einer Schlüsselfrage des Naturschutzes.
Dies erläuterte Dr. Uta Eser, Ethikerin, in ihrem Vortrag.
Fokus der Tagung
Die Veranstaltung konzentrierte sich auf Gerechtigkeitsfragen im nationalen Kontext, insbesondere auf die Spannungsfelder "Naturschutz und Energiewende" sowie "Naturschutz und Landwirtschaft". Die internationale Ebene bildete einen weiteren Schwerpunkt. Hier wurden die Rolle und Wirkung nationaler Naturschutzakteure auf internationaler Ebene sowie die Auswirkungen des Tourismus und Konsumverhaltens von Menschen in Industrienationen auf Natur und Menschen in anderen Ländern diskutiert und in Arbeitsrunden reflektiert.
Weitere Informationen zum Programm der Tagung sowie die Ergebnisse eines initialen BfN-Expertenworkshops "Gerechtigkeitsargumente – Chancen und Herausforderungen für die Naturschutzkommunikation" sind online verfügbar.
Eine umfassende BfN-Studie zum Thema ist ab Mitte Mai 2013 unter dem Titel "Gerechtigkeitsfragen im Naturschutz. Was sie bedeuten und warum Sie wichtig sind" in der Schriftenreihe Naturschutz und Biologische Vielfalt, Heft 130, über den Landwirtschaftsverlag erhältlich.