Naturschutz

Europäische Bürgerinitiative fordert Pestizidausstieg und Förderung nachhaltiger Landwirtschaft

Eine europäische Bürgerinitiative fordert den Ausstieg aus gefährlichen Pestiziden bis 2035 und die Unterstützung von Landwirten bei der Umstellung auf umweltfreundliche Methoden. Die EU-Kommission prüft die Initiative, die eine Million Unterschriften sammeln will.

Hintergrund und Kernforderungen der Initiative

Wissenschaftliche Erkenntnisse weisen auf die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktion hin, um den Kollaps der Ökosysteme abzuwenden. Ein Viertel der europäischen Wildtiere ist vom Aussterben bedroht, und die Bestände von Feldvögeln haben sich in den letzten Jahrzehnten halbiert. Viele Bienenarten und andere bestäubende Insekten sind ebenfalls vom Aussterben bedroht. Gleichzeitig mussten zwischen 2005 und 2016 rund vier Millionen kleinbäuerliche Betriebe schließen, während die Anzahl größerer Betriebe zunimmt.

Die EBI „Save bees and farmers“ knüpft an bestehende Bürgerbewegungen in Europa an, die eine andere Form der Landwirtschaft fordern. Sie richtet sich an die EU-Kommission und fordert gesetzliche Maßnahmen in drei Kernbereichen:

  1. Einen Ausstieg aus dem Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide bis 2035. Dies soll durch eine Reduzierung der Verwendung solcher Mittel um 80 Prozent bis 2030 eingeleitet werden, beginnend mit den gefährlichsten Wirkstoffen.
  2. Die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme in landwirtschaftlich genutzten Gebieten, um die Landwirtschaft zu einer treibenden Kraft für die Erholung der Biodiversität zu machen.
  3. Die Unterstützung von Landwirten bei der Umstellung durch eine reformierte Landwirtschaftspolitik, die kleinteilige, vielfältige und nachhaltige Landwirtschaft priorisiert. Zudem sollen der Ausbau agrarökologischer Praktiken und des ökologischen Landbaus, unabhängige Weiterbildung für und durch Landwirte sowie Forschung zu pestizid- und gentechnikfreiem Anbau gefördert werden.

Stimmen zur Initiative

Die Europäische Bürgerinitiative wird von zivilgesellschaftlichen Akteuren aus ganz Europa getragen, darunter Umweltschutzorganisationen, Imkerverbände, Verbraucherschutzorganisationen und Bürgerinitiativen. Zu den unterstützenden Organisationen gehören PAN Europe, Friends of the Earth Europe, das Umweltinstitut München, die Aurelia Stiftung, Générations Futures und GLOBAL2000.

Wir sehen uns einem bisher unvorstellbaren Schwund von Naturräumen und Artenvielfalt gegenüber. Wir brauchen diese Bürgerinitiative, um den europäischen Entscheidungsträger*innen zu zeigen, dass sie viel mutigere Schritte unternehmen müssen: Sie müssen endlich eine europäische Landwirtschaft schaffen, die kleinbäuerliche Strukturen stärkt und den Schutz unserer Natur garantiert.

Adrian Bebb vom europäischen Netzwerk Friends of the Earth Europe betont die Notwendigkeit mutigerer Schritte in der europäischen Landwirtschaftspolitik.

Die industrielle Landwirtschaft ist das Epizentrum des ökologischen Erdbebens, das uns erschüttert. Die Wissenschaft lässt keinen Zweifel daran, dass wir in der Landwirtschaftspolitik einen ganz grundlegenden Systemwandel benötigen, um Bienen und Bauern zu retten. Unsere Bürgerinitiative wird ein Weckruf an die Politik, endlich die Interessen der Bevölkerung über die der Agrarkonzerne zu stellen.

Karl Bär vom Umweltinstitut München sieht in der industriellen Landwirtschaft die Ursache für ökologische Probleme und fordert einen Systemwandel.

Die Menschen erwarten von uns Landwirtinnen und Landwirten, dass wir verantwortungsbewusst mit der Natur umgehen. Wir haben uns der Bürgerinitiative angeschlossen, weil wir zeigen wollen, dass eine pestizidfreie Landwirtschaft möglich und nötig ist. Es steht nicht nur die Existenz von uns Bio-Landwirtinnen und -Landwirten auf dem Spiel, sondern auch die Artenvielfalt und die Gesundheit unserer Mitmenschen. Gemeinsam können wir eine gesündere und lebenswertere Zukunft für uns alle schaffen.

Annemarie Gluderer, Bio-Landwirtin aus Südtirol, hebt die Verantwortung der Landwirte hervor und betont die Machbarkeit einer pestizidfreien Landwirtschaft.

Die industrielle Landwirtschaft basiert auf lebensfeindlichen Monokulturen und dem intensiven Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden. Diese belasten nicht nur unser Essen und unsere Umwelt, sondern sind eine der Hauptursachen für den Rückgang der Artenvielfalt. Ein System aufrechtzuerhalten, das uns und unserer Umwelt stetig Schaden zufügt, macht keinen Sinn: Wir müssen endlich raus aus der Pestizidanwendung und den Planeten und unsere Gesundheit wieder ins Zentrum der EU-Agrarpolitik rücken.

Martin Dermine vom europäischen Pesticide Action Network (PAN) kritisiert Monokulturen und den intensiven Pestizideinsatz als Hauptursachen für den Rückgang der Artenvielfalt.

Die zunehmend mangelnde, einseitige und pestizidbelastete Nahrungsgrundlage bestäubender Insekten bedroht Imkerinnen und Imker existenziell. Neben Bienen leiden ausgerechnet die vielfältigen bäuerlichen Betriebe unter der industriell ausgerichteten EU-Agrarpolitik. Bienensterben und Höfesterben haben dieselbe Ursache. Bienen und Bauern brauchen einen ambitionierten, aber realistischen Systemwandel, der nur mit einem konsequenten Ausstieg aus der Nutzung synthetischer Pestizide möglich ist.

Thomas Radetzki, Imkermeister und Vorstand der Aurelia Stiftung, sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Bienenpopulationen und dem Höfesterben, beides bedingt durch die aktuelle Agrarpolitik.

31.07.2019

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