Hintergrund und Forderungen der Wissenschaftler
Mehr als 3.600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler üben erneut scharfe Kritik an den Plänen der Europäischen Union für die künftige Agrarpolitik. Ein am Montag in der Fachzeitschrift „People and Nature“ veröffentlichter Appell, der von 21 führenden Forschenden aus Ökologie, Ökonomie und Agrarwissenschaften initiiert wurde, fordert, dass die EU-Agrarpolitik (GAP) das Artensterben, die Klimakrise und die Verschlechterung der Böden nicht länger fördern dürfe.
Zur Bewältigung der Umweltprobleme in Agrarlandschaften schlagen die Wissenschaftler einen Zehn-Punkte-Plan vor. Dieser sieht vor, naturschädliche Subventionen zu streichen und umweltfreundliche Praktiken deutlich besser zu honorieren. Zudem sollen mindestens zehn Prozent der Agrarfläche wieder als Rückzugs- und Lebensraum für Tiere und Pflanzen dienen, analog zur Situation vor 2008.
Politischer Kontext der Veröffentlichung
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist bewusst gewählt, da die EU-Staats- und Regierungschefs aktuell den Haushalt für die Jahre 2021 bis 2027 verhandeln, in dem der Agrarhaushalt den größten Einzelposten darstellt.
Eine umweltschädliche Agrarpolitik können wir uns nicht mehr leisten. Unsere Steuergelder müssen jetzt in echte Zukunftsinvestitionen fließen. Sie müssen gebunden werden an einen grundlegenden Wandel der Landwirtschaft und an wirksamen Klimaschutz. Passiert das nicht, gibt es für die milliardenschweren Agrar-Subventionen keine Rechtfertigung mehr.
Dies erklärt NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger. Er betont, dass der Brexit ein erhebliches Loch in den EU-Haushalt reiße, was die ökologisch und ökonomisch kluge Investition der verbleibenden Mittel umso wichtiger mache. Sollten Investitionen in den notwendigen Wandel ausbleiben, sei es besser, das Agrarbudget zu kürzen und Gelder in andere Zukunftsprogramme umzulencken. Die EU habe jedoch noch die Möglichkeit, die Landwirtschaft auf einen klima- und naturverträglichen Kurs zu bringen.
Der vorgelegte Zehn-Punkte-Plan biete hierfür einen konkreten Fahrplan, der mehr Raum für die Natur und eine gezielte Förderung der Leistungen der Landwirte für Natur und Gesellschaft vorsehe.
Kritikpunkte der Wissenschaftler
In ihrer Fachpublikation kritisieren die Wissenschaftler unter anderem die geplante Fortführung der flächenbezogenen Direktzahlungen, Kürzungen bei Programmen zur Entwicklung ländlicher Räume sowie Defizite beim Klimaschutz.
Besorgt zeigen sie sich zudem über die geplante große Flexibilität für die Mitgliedstaaten bei der nationalen Umsetzung der EU-Agrarpolitik. Die Erfahrungen der Vergangenheit hätten gezeigt, dass viele Staaten solche Spielräume nur wenig ambitioniert nutzen. Die Veröffentlichung mit dem Titel „Action needed for the EU Common Agricultural Policy to address sustainability challenges“ erscheint im Fachmagazin „People and Nature“, dessen Beiträge einem wissenschaftlichen Begutachtungsverfahren (Peer Review) unterzogen werden. Das Papier wird von mehr als 3.600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten unterstützt.
