Naturschutz

Nachhaltige Landnutzung in Südostasien: Zwölf Jahre Forschung und Praxistransfer

Die Universität Hohenheim erforschte zwölf Jahre lang nachhaltige Landnutzung in Südostasien. Die Ergebnisse werden auf einer Konferenz vorgestellt und in sechs Transferprojekten in Thailand und Vietnam praktisch umgesetzt, um Armut und Umweltzerstörung zu bekämpfen.

Forschungsergebnisse und Praxistransfer in Südostasien

Die Universität Hohenheim hat über zwölf Jahre hinweg im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 564 (SFB 564) den Zusammenhang von Armut und Umweltzerstörung in Südostasien erforscht. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden auf einer internationalen Konferenz in Stuttgart vorgestellt, die den offiziellen Abschluss des SFB markiert.

Parallel zum Abschluss des Forschungsprojekts beginnt der Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis. Der SFB hat sechs Transferprojekte initiiert, um den Kreislauf aus Armut und der Zerstörung empfindlicher Ökosysteme zu durchbrechen. Diese Projekte wurden in den Bergregionen Thailands und Vietnams entwickelt.

Die Bergregionen Thailands und Vietnams sind durch fragile Umweltbedingungen sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme gekennzeichnet. Bevölkerungswachstum und Umsiedlungen führen dazu, dass selbst karge Berghänge intensiv landwirtschaftlich genutzt werden. Dies betrifft insbesondere Menschen, die abseits wirtschaftlicher Boomregionen leben und eingeschränkten Zugang zu Bildung, Finanzmitteln und politischer Teilhabe haben.

Politische Veränderungen, Globalisierung und ein hohes Bevölkerungswachstum führen zu einer Abkehr von angepassten landwirtschaftlichen Methoden. Dies hat dramatische Erosion zur Folge. Der Anbau neuer Produkte wie Mais und Gemüse erhöht den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden. Die Auswirkungen reichen bis ins Flachland, wo abgeschwemmte Erde Fischteiche zerstört und die Lebensdauer von Wasserkraftwerken verkürzt. Pestizide reichern sich in Reisfeldern und im Grundwasser an. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die Lebensgrundlagen der Bergvölker zu verbessern und gleichzeitig die natürlichen Umweltressourcen zu schützen.

Detaillierte Analyse statt schneller Patentrezepte

Vor zwölf Jahren startete die Universität Hohenheim den Sonderforschungsbereich „Nachhaltige Landnutzung und ländliche Entwicklung in den Bergregionen Südostasiens“ (SFB 564). Ziel war es, ein multinationales Netzwerk aufzubauen, das über 130 Forscher von sieben Wissenschaftseinrichtungen aus Deutschland, Vietnam und Thailand umfasste. Der SFB vereinte Experten aus Bodenkunde, Agrar-, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften mit Ökonomen, Sozialwissenschaftlern und Computermodellierern.

Im Rahmen des SFB wurden über 90 Nachwuchswissenschaftler ausgebildet und mehr als 180 internationale Publikationen zu spezifischen Problemen veröffentlicht. Es entstanden mehrere Universitätspartnerschaften und gemeinsame Studienangebote. Aufgrund des Erfolges verlängerte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Förderung bis zur maximalen Dauer.

Modellcharakter für viele Länder

Die Abschlusskonferenz des SFB richtet sich nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch an politische Entscheidungsträger und Wirtschaftsvertreter der beteiligten Länder. Zudem nehmen Forscher aus China, Lateinamerika und Afrika teil, um Erfahrungen auszutauschen. Von Beginn an standen die Beteiligung der lokalen Bevölkerung und ein globaler Blickwinkel im Fokus der Forschung.

Abschluss als Auftakt: Wissenschaft übergibt an die Praxis

Der Boden ist bereitet: Begleitend zur Forschung haben wir von Anfang an Wissens- und Innovationstransfer betrieben. Jetzt ist es an der Zeit, mit aller Kraft die praktische Umsetzung zur forcieren.

Dies erklärte Prof. Dr. Karl Stahr, Sprecher des SFB, im Vorfeld der Konferenz. Die DFG unterstützt diese Transferprojekte bis 2014, um Forschungsergebnisse für den praktischen Einsatz aufzubereiten. Drei Beispiele verdeutlichen diesen Ansatz: die Entwicklung vom Obstbauern zum verarbeitenden Unternehmer, der Marktdurchbruch traditioneller Schweinerassen in der kleinbäuerlichen Fleischproduktion und die Nutzung von Computermodellen zur Abschätzung wirtschaftlicher und ökologischer Folgen von Innovationen.

Beispiel für Transfer 1: Vom Obstbauern zum Unternehmer

Obstbauern in Thailand litten unter kurzen Saisons, Preiseinbrüchen durch Importe, saisonaler Überproduktion sowie Herausforderungen bei Ernte und Transport empfindlicher Ware. Litschi-Bäume wurden zunehmend durch Gemüsefelder ersetzt, was Erosion und Pestizideinsatz erhöhte. Der SFB entwickelte interdisziplinäre Ansätze, um die Qualität von Litschis zu untersuchen, Erntemethoden außerhalb der Hauptsaison zu erforschen und Marktstudien zu Verbraucherpräferenzen, Absatzchancen für pestizidfreie Premium-Früchte sowie Exportmöglichkeiten von zertifizierten Früchten in die EU durchzuführen.

Angepasste Technik ermöglicht den Landwirten einen sparsamen Wasserverbrauch und zusätzliche Wertschöpfung durch die Produktion von Trockenfrüchten und Marmeladen. In Zusammenarbeit mit Modelldörfern entstanden erste genossenschaftliche Produktionssysteme mit autarker Vermarktung direkt an Großhändler.

Beispiel für Transfer 2: Traditionelle Bergschweine als Verkaufsschlager

In Vietnam ist das Qualitätsbewusstsein der Verbraucher hoch, ebenso wie die Nachfrage nach Schweinefleisch. Das Land hat sich vom Fleischexporteur zum Importeur entwickelt, was neue Chancen für Kleinbauern und deren traditionelle Rassen bietet. Diese Schweine sind genügsam und produzieren eine spezifische, gefragte Fleischqualität. Der SFB entwickelte zusammen mit lokalen Landwirten ein Zuchtprogramm zur Erhaltung alter Rassen, basierend auf eigenen Marktstudien.

In Gruppendiskussionen wurden neue Vermarktungsstrategien entwickelt, die die gesamte Produktionskette von Kleinbauern in Kooperativen über zertifizierte Produktion bis hin zu Schlachthäusern und Städten umfassen. Als Vorbild diente dabei die Produktionsgenossenschaft des Schwäbisch-Hällischen Landschweins.

Beispiel für Transfer 3: Computermodell erlaubt Folgenabschätzung

Ein Verbund von Computermodellen, der ein virtuelles Abbild der Bergregionen schafft, ist ein zentrales Ergebnis der Forschung. Dieses Modell berücksichtigt natürliche Gegebenheiten, Pflanzenwachstum und den Faktor Mensch. Ziel ist es, die Auswirkungen von Innovationen und politischen Maßnahmen auf die Einkommenssituation der Bergvölker und die natürlichen Ressourcen der Bergregionen abzuschätzen. Das Modell umfasst beispielsweise Bodenart, Bodenfruchtbarkeit, Topographie und Wettergeschehen.

Diese Basis wird durch verschiedene Pflanzenarten und deren Wachstum in Abhängigkeit von natürlichen Faktoren ergänzt. Das menschliche Verhalten wurde durch Sozialforscher in Interviews und Beobachtungen erfasst und in das Computermodell integriert. Dadurch kann das Modell die Interaktion zwischen Natur und unternehmerischem Handeln beschreiben. Es ermöglicht Aussagen darüber, wie Landwirte ihr Land, Arbeitskraft, Nutztiere und Finanzen einsetzen – beispielsweise, wie sie ihr Land durch Brache pflegen oder pflügen, Erntereste abbrennen, düngen oder Bodenschutzmaßnahmen anwenden, abhängig von wirtschaftlichen Überlegungen.

Als Rahmenbedingungen lassen sich Preisentwicklungen, politische Entscheidungen, Kreditzugänge und weitere Faktoren simulieren, um deren Folgen für Mensch und Umwelt zu bewerten. Das Transferprojekt zielt darauf ab, dieses Modell zu einem Prototyp für die politische Planung weiterzuentwickeln.

Universität will Netzwerk am Leben erhalten

Der Sonderforschungsbereich 564 ist eine Erfolgsgeschichte, zu denen ich allen Beteiligten nur gratulieren kann. Die hochkarätigen Forschungsarbeiten, die hohe Interdisziplinarität und die gut eingespielte internationale Zusammenarbeit machen den SFB zu einem Juwel in der Krone der Universität.

Dies bekräftigte Prof. Dr. Stephan Dabbert, Rektor der Universität Hohenheim. Die Universitätsleitung sei besonders stolz auf die laufenden Transferprojekte, die viele Forschungsergebnisse weiterführen, sowie auf das aktive Netzwerk, das über Thailand und Vietnam hinausreicht.

Der Sonderforschungsbereich bescherte uns ein Netzwerk kluger Köpfe und persönlicher Kontakte über Fach- und Ländergrenzen hinweg. Dies ist ein hohes Gut für die Forschung, das wir auch in Zukunft pflegen sollten.

Das Netzwerk hat tiefere Wurzeln als die zwölf Jahre des SFB 564. Prof. Dr. Franz Heidhues, Gründer und erster Sprecher des SFB, erinnerte daran, dass die Problemanalyse bereits Mitte der 90er Jahre begann. Die Notwendigkeit, eine umfassende Problemlage mit den Ansätzen verschiedener Disziplinen zu behandeln, wurde früh erkannt. Diesem Ansatz habe der Erfolg Recht gegeben, so auch das Resümee seines Nachfolgers und aktuellen SFB-Sprechers, Prof. Dr. Karl Stahr.

16.04.2012

Zurück