Folgen für Material- und Warenströme
Ein mehrtägiger Bahnstreik, der den Schienengüterverkehr (SGV) betrifft, kann gravierende Auswirkungen auf Material- und Warenströme haben. Insbesondere Just-in-Time produzierende Industriebetriebe sind davon betroffen.
Gundula Ullah, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME), wies darauf hin, dass die Stilllegung des Schienengüterverkehrs vom 21. bis 25. August weitreichendere Folgen haben dürfte als frühere, kürzere Streiks. Bereits die COVID-19-Pandemie und die Flutkatastrophe hatten zu Beeinträchtigungen in den Lieferketten geführt.
Die Ausweitung des Streiks setzt diese Lieferketten zusätzlich unter Druck. Während der Stillstand des Personenverkehrs vor allem Reisende betrifft, leiden Industriebetriebe, insbesondere im Automotive-Sektor, unter dem ruhenden Schienengüterverkehr. Diese Unternehmen sind auf eine kontinuierliche Belieferung mit Rohstoffen und Produktionsmaterial angewiesen.
Der BME setzt sich für umweltfreundliche Alternativen zum Straßengüterverkehr ein, um die Nachhaltigkeit im Schienenverkehr zu fördern und Klimaschutzziele zu erreichen. Ein langanhaltender Bahnstreik stellt in diesem Kontext einen Rückschlag für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft dar.
Angesichts der ohnehin schon angespannten Situation in den Lieferketten appellieren wir an beide Verhandlungsseiten, die Tarifauseinandersetzung möglichst schnell zu beenden. Mit Blick auf die Verantwortung für die reibungslose Güterversorgung von Wirtschaft und Gesellschaft sollte es für DB und GDL jetzt darum gehen, umsichtige Entscheidungen zu treffen.
Das Verarbeitende Gewerbe ist auf eine lückenlose Versorgung mit Rohstoffen, Vorprodukten und Produktionsmaterial angewiesen. Carsten Knauer, BME-Leiter Sektion Logistik/SCM, betonte, dass der fünftägige Stillstand des Schienengüterverkehrs rohstoffabhängige Branchen wie die Stahl- und Chemieindustrie sowie den Bau- und Agrarsektor besonders treffen wird. Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge können die durch den Streik entstehenden Schäden für Unternehmen pro Tag bis zu 100 Millionen Euro betragen.
Der Wettbewerb der Deutschen Bahn mit anderen Verkehrsträgern ist intensiv. Knauer gab zu bedenken, dass der Streik das Vertrauen von Verladern und Spediteuren in den Schienengüterverkehr massiv beschädigen könnte. Ein mehrtägiger Bahnstreik stellt auch die Krisenabwehr in Unternehmen vor große Herausforderungen. Die kurze Zeitspanne zwischen Ankündigung und Durchführung des Streiks lässt Einkauf, Logistik und Supply Chain Management wenig Spielraum für die Suche nach Ersatzverkehrsträgern. Zudem wird Logistikdienstleistern die Möglichkeit genommen, Kunden über drohende Lieferausfälle zu informieren und Alternativen vorzuschlagen.
Knauer zeigte sich überzeugt, dass Einkäufer und Logistiker durch frühere Krisen gelernt haben, Lieferketten wetterfest zu machen. Der aktuelle Streik stelle jedoch eine neue Qualität dar. Während zeitlich eng befristete Streiktage von Unternehmen verkraftet werden konnten, sei die Situation bei fünf Streiktagen anders.
