Herausforderungen und „Arbeitskräfte-Vakuum“ im Bauhauptgewerbe
Die deutsche Bauwirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen, die von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) als drohendes „Burnout“ beschrieben werden. Insbesondere der Wohnungsbau, der Neubau, Umbau sowie klima- und seniorengerechte Sanierungen umfasst, stellt ein umfangreiches Programm dar, das mit den vorhandenen Kapazitäten kaum zu bewältigen ist.
Ein zentrales Problem ist das „Arbeitskräfte-Vakuum“ in nahezu allen Betrieben. Fachkräfte werden dringend gesucht, was die Umsetzung von Wohnungsbauprojekten, Klimaschutzmaßnahmen und die Senkung von Mieten erschwert.
In nahezu allen Betrieben der Bauwirtschaft gibt es ein ‚Arbeitskräfte-Vakuum‘. Bauarbeiter werden händeringend gesucht. Das Nadelöhr für mehr Wohnraum, für besseren Klimaschutz und sinkende Mieten sind die Fachleute auf dem Bau.
Dies betont Carsten Burckhardt, Bundesvorstandsmitglied der IG BAU und zuständig für Bauwirtschaft und Handwerkspolitik. Er kritisiert, dass viele Baufirmen trotz steigender Gewinne in den letzten Jahren versäumt hätten, die Attraktivität der Branche zu steigern. Diese Versäumnisse rächen sich nun, da die Arbeitskräfteknappheit zu einem Risiko für den Bau und die politischen Ziele im Wohnungsbau und Klimaschutz wird.
Dramatischer Anstieg offener Stellen im Bauhauptgewerbe
Aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) belegen die Entwicklung: Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnete die Bauwirtschaft bundesweit 191.000 offene Stellen. Dies entspricht fast einer Vervierfachung seit 2010, als 52.000 Baubeschäftigte fehlten. Im Vergleich dazu hat sich die Zahl offener Stellen in der Gesamtwirtschaft im selben Zeitraum verdoppelt.
Es ist bezeichnend und besorgniserregend, dass es den Firmen der Bauwirtschaft so schwerfällt, nötiges Personal zu finden und langfristig zu halten.
Burckhardt hebt hervor, dass die Branche nach zehn Boom-Jahren wirtschaftlich gut dasteht. Das Statistische Bundesamt meldete für das erste Quartal 2022 ein Umsatzwachstum im Bauhauptgewerbe von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Hausgemachte Probleme und Lohnpolitik in der Baubranche
Die größten Herausforderungen für Bauunternehmen sind laut Burckhardt nicht primär steigende Materialpreise oder Energiekosten, da diese an die Kunden weitergegeben werden können. Vielmehr sieht er „hausgemachte Probleme“:
Die eigentlichen Probleme sind allerdings hausgemacht. Über Jahre hinweg haben die Unternehmen der Bauwirtschaft, vor allem im Handwerk, die Einkommen ihrer Beschäftigten gedrückt. Sie haben sich kaum darum gekümmert, dass Tarifverträge eingehalten werden. Viele sind aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten. Dann haben sich die Firmen bei den Preisen gegenseitig unterboten und einen Dumping-Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen.
Besonders Betriebe im Bauhandwerk leiden unter der Abwanderung von Fachkräften. Nur vier von zehn Berufsstartern sind fünf Jahre nach der Gesellenprüfung noch im Bau tätig; ein Großteil wechselt in die Industrie.
Attraktivere Arbeitsbedingungen als Lösung für den Fachkräftemangel
Die IG BAU fordert bessere Arbeitsbedingungen, um Fachkräfte zu halten. In der Industrie fänden Beschäftigte klimatisierte Werkhallen und planbare Arbeitszeiten, während Bauberufe oft harte Arbeit bei Wind und Wetter, viele Überstunden und lange Pendelzeiten bedeuten.
Es ist klar, dass Bauberufe körperlich fordern und Baustellen wechseln. Aber Fachkräfte wird auf Dauer nur halten, wer gute Löhne und Gehälter zahlt. Wer familienfreundliche Arbeitszeiten bietet. Und wer die Arbeit auf mehr Schultern verteilt.
Burckhardt betont, dass dies nicht nur in der Industrie, sondern auch im Handwerk umgesetzt werden müsse.
Nachwuchsstrategie statt reiner Zuwanderung im Bauhauptgewerbe
Die Gewerkschaft warnt davor, ausschließlich auf Zuwanderung aus Drittstaaten zu setzen. Obwohl der Bau mittelfristig auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sei, erfordere der enorme Bedarf an Wohnungen, Infrastrukturinstandhaltung und klimagerechten Gebäudesanierungen langfristige Planungen und eine Nachwuchsstrategie, die bereits in den Schulen ansetzt. Ohne einheimische Beschäftigte sei dies nicht zu bewältigen.
Das Verhalten der Arbeitgeber, die Branchenmindestlöhne für obsolet zu erklären und eine Schlichtung scheitern zu lassen, wird als „kamikazehafte Irrfahrt“ kritisiert. Dies führe dazu, dass Bauleute legal mit dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 9,82 Euro pro Stunde abgespeist werden könnten, was insbesondere entsandte Beschäftigte aus dem Ausland betreffe.
Wer so kurzsichtig handele, setze die Zukunft der Branche und die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel – und das in einer Zeit, in der qualifizierte Handwerker dringender gebraucht würden denn je.
Die IG BAU will sicherstellen, dass ausländische und einheimische Beschäftigte nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Früher hieß es: Das Handwerk hat goldenen Boden. Damit das wieder gilt, müssen die Arbeitgeber auf dem Bau ihre Hausaufgaben machen.
Burckhardt bekräftigt, dass die Gewerkschaft die Arbeitgeber unterstützen werde, denen an der Zukunft der Branche gelegen sei.
