Globale Perspektiven auf Agrarmärkte und Produktivität
Prof. Harald von Witzke von der Humboldt-Universität Berlin beleuchtete in seinem Vortrag die Herausforderungen wachsender Regionen im internationalen Kontext. Er prognostiziert für die kommenden zwei Jahrzehnte deutlich höhere Agrarpreise und spricht vom Ende der landwirtschaftlichen Tretmühle. Diese war zwischen 1870 und 2000 wirksam, gekennzeichnet durch ein stärkeres Wachstum des weltweiten Nahrungsmittelangebots als der Nachfrage, was zu sinkenden Preisen führte.
Die aktuelle Situation hat sich gewandelt: Ein anhaltendes Bevölkerungswachstum, das in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts stärker ausfallen wird als je zuvor, sowie steigende Pro-Kopf-Einkommen in Entwicklungsländern lassen die Nachfrage stärker steigen als das Angebot. Da die Flächen begrenzt sind, muss Produktionswachstum vorrangig durch eine Steigerung der Flächenproduktivität erzielt werden.
Produktivitätsfortschritte und ihre Folgen
Die Produktivitätsfortschritte sind jedoch rückläufig. Steigende Agrarpreise führen zu höheren Futtermittelpreisen und damit zu steigenden Kosten für Tierhalter. Diese Kosten werden zeitverzögert an die Konsumenten weitergegeben. Von Witzke betont, dass Produktivitätssteigerung der Schlüssel zur Verringerung von Hunger, zur Verlangsamung des Klimawandels und zur Erhaltung natürlicher Lebensräume ist.
Weil die Europäische Gemeinschaft (EU) aber dieses Produktivitätswachstum vernachlässigt hat, ist sie weltgrößter Nettoimporteur von Agrarprodukten geworden, noch vor den USA und China. Diese Nettoimporte entsprechen einem Import von 35 Mio. ha virtuellen Ackerlands und damit einer Fläche so groß wie Deutschland. Vor diesem Hintergrund bezeichnet von Witzke den Kommissionsvorschlag zum "Greening" als anachronistisch.
Knappheit als Arbeitsauftrag
Silvia Breher, Geschäftsführerin des Kreislandvolkverbands Vechta, sprach über die Entwicklung des Landkreises Vechta zur Boomregion. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Südoldenburg aufgrund karger Sandböden eine arme Region, was zu Auswanderung und Arbeitsmigration führte. Die Anbindung an das Eisenbahnnetz ermöglichte den Transport von Getreide aus Seehäfen und den Export von Schlachttieren, was den Startschuss für die Veredelung im Oldenburger Münsterland gab.
Der Faktor Bodenknappheit war in der Region stets präsent und zeigt sich heute in hohen Preisen: Der durchschnittliche Kaufpreis für landwirtschaftliche Flächen lag 2011 bei 48.000 Euro pro Hektar, mit Höchstgeboten von bis zu 100.000 Euro pro Hektar. Neuverpachtungen liegen bei 1.500 Euro pro Hektar oder darüber. Diese Situation wirkt als Innovationsmotor. Trotz einer Verdopplung der Schweinezahlen auf knapp 1,5 Millionen Tiere in den letzten 25 Jahren und hohen Tierzahlen pro Hektar ist die Akzeptanz in der Bevölkerung weiterhin gut. Bürgerinitiativen bei Stallbauvorhaben sind bislang unbekannt. Die Erkenntnis, dass die Veredelungswirtschaft ein wichtiges Wirtschaftsstandbein der Region ist, ist tief verankert. Zudem besteht ein guter Dialog mit den Kommunen bei Bauvorhaben.
Oftmals sind es Falsch- oder Fehlinformationen, die man in einem offenen Dialog ausräumen und so eine eventuelle Verunsicherung der Anwohner ausräumen kann.
Flächenoptimierung und Güllemanagement
Steuerberater Johannes Fortmann erläuterte in seinem Vortrag "Flächenoptimierung am Schreibtisch" die steuerlichen Folgen gewerblicher Tierhaltung. Überschreitet ein Schweinemastbetrieb die Vieheinheitengrenze und fällt in die Regelbesteuerung, entsteht ein Steuernachteil von über 4 Euro pro Mastschwein. Lösungen könnten die Teilung des Unternehmens in mehrere selbstständige Betriebe oder die Gründung einer Tierhaltungskooperation mit einem Ackerbaubetrieb sein, der fehlende Vieheinheiten bereitstellen kann. Diese Lösungen sind jedoch mit zusätzlichen Kosten und höherem Managementaufwand verbunden, was den Pauschalierungsvorteil beeinflusst und zur Verteuerung des Produktionsfaktors Boden beiträgt.
Heinz-Hermann Wilkens von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen wies auf den zusätzlichen Druck durch Gärreste aus Biogasanlagen auf den Flächenmarkt hin. Das Problem ist nicht der Nährstoffanfall an sich (117 kg N pro Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Niedersachsen), sondern dessen Verteilung. Wilkens empfiehlt, die Transportwürdigkeit von Gülle durch neue Techniken der Separierung zu verbessern und ein Logistiksystem für den Transport von Gülle und Gärresten in Bedarfsregionen zu entwickeln.
Praktiker Ludger Deters, Produktionsleiter Ackerbau auf dem Betrieb Teepker, schilderte den Umgang mit Pachten jenseits der 1.000-Euro-Marke im Emsland. Neuverpachtungen erfolgen dort zunehmend über Makler, der persönliche Bezug zum Verpächter geht verloren. Flächengröße, Zuschnitt und Bodenqualität spielen kaum noch eine Rolle, und kurze Laufzeiten von bis zu fünf Jahren schaffen wenig Planungssicherheit. Dies führt dazu, dass Grenzkosten der Pacht immer mehr zu Durchschnittskosten werden, bei steigenden Pachtanteilen. Dies erfordert einen intensiven Ackerbau, bei dem Fehler vermieden werden müssen. Der Betrieb Teepker setzt neben der optimalen Ausnutzung der Vieheinheiten durch Betriebsteilungen auf Kooperationen mit anderen Landwirten und eine Spezialisierungsstrategie. Neue Betriebszweige werden nur mit tragfähiger Betriebsgröße etabliert, und der Weg der Intensivierung soll konsequent fortgesetzt werden.
Die Jahrestagung schloss mit Besichtigungen von Praxisbetrieben in der Region, darunter die Teichwirtschaft Ahlhorn, der Milchviehbetrieb Kriesmann, der Beerenobsthof Moormann und der Hof Teepker.