Friedhöfe neu denken: Von Orten des Abschieds zu Kraftorten der Gemeinschaft
Matthias Horx fasst die zentrale Erkenntnis zusammen: „Der Friedhof ist ein Ort der Zukunft. Hier verbindet sich der Abschied mit dem Neuen, das Innehalten mit dem Neuanfang.“ Er betont, dass Friedhöfe „Kraftorte“ sein können und wieder werden sollten, indem ihre Gestaltung stärker die Psychologie der Trauer berücksichtigt. Die Expertenrunde, darunter Anna-Nicole Heinrich (Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands), Bürgermeisterin Karin Gansloser, die Steinmetzinnen Luisa Lüttig und Melanie Seidl sowie Bestatter-Meisterin Emily Maichle, plädiert dafür, Friedhöfe als Räume des Abschiednehmens und der Gemeinschaft neu zu denken.
Karin Gansloser, Bürgermeisterin aus Schlat, formuliert ihre Vorstellung prägnant: „Wir sollten den Friedhof wie ein offenes Bürgerhaus zum Wohlfühlen sehen und gestalten – und ihn den Menschen als ein gemeinsam zu nutzendes Gemeindehaus ohne Konsumzwang, jedoch mit vielen privaten Räumen anbieten.“ Sie setzt diese Idee bereits in der Neukonzeption ihres örtlichen Friedhofs um.
Therapeutische Wirkung und gesellschaftlicher Nutzen
Die interdisziplinäre Runde wurde durch Fachbeiträge aus Psychologie, Zukunftsforschung und Landschaftsarchitektur ergänzt. Prof. Dr. Dr. Michael Lehofer, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, unterstreicht die therapeutische Wirkung von Friedhöfen. Sie könnten als heilende Räume wirken, die Hinterbliebenen helfen, ihren Verlust zu verarbeiten und neuen Lebensmut zu schöpfen. Er ist überzeugt, dass Kommunen und Kirchen so ihrer Fürsorgeverantwortung besser gerecht werden könnten.
Günter Czasny, Sprecher der Initiative „Raum für Trauer“, sieht im Friedhof eine „Caring Infrastructure“ (fürsorgliche Infrastruktur). Er betont: „Wenn wir gemeinsam die Friedhöfe menschenzugewandt in die Zukunft entwickeln, werden diese innerhalb der Stadtentwicklung ein Raum für die persönliche Trauer und ein Begegnungsort, der das soziale Füreinander, das gesellschaftliche Miteinander und den Zusammenhalt der Menschen in den Kommunen und Gemeinden fördern und stärken kann.“ In Zeiten zunehmender Einsamkeit könnten Friedhöfe zu einem neuen sozialen Kern der Kommunen werden.
Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt
Die Diskussion zeigte, dass die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen müssen. Max Geiger, Soziologe, fordert, Friedhöfe als „place to be“ zu institutionalisieren, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Er sieht Individual- und Sozialräume als achtsame Angebote, die den Menschen zugewandt sind. Dabei sei kein einheitlicher Plan nötig, da jeder Friedhof seine eigene Charakteristik habe. Oft reichten kleine, bewusste Veränderungen, um sie zu wertvollen und niedrigschwellig zugänglichen Kraftorten zu machen.
Domenik Heinen, Kognitionswissenschaftler, schlägt sogar ein „Re-labeling“ vor, um die Neuausrichtung des Friedhofs zu verdeutlichen. Er überlegt, ob „Resonanzräume“ ein passenderer Begriff sein könnten, um den Friedhof als positiv erlebbaren Ort, auch für Kinder, zu etablieren.
Anna-Nicole Heinrich betont die Rolle der evangelischen Kirche bei der Gestaltung dieser Orte: „Friedhöfe sind nicht nur Ruheplatz für die Toten, sondern auch wichtig für uns Lebende – als Orte, Abschied zu nehmen, Erinnerung zu teilen, Geschichten zu erzählen und Leben zu feiern.“
Herausforderungen und Chancen
Johannes Heiser, Friedhofsgärtner, kritisiert bestehende Angebote, die Trauernde emotional „verkrüppeln“ könnten. Emily Maichle, Bestattermeisterin, sieht den Friedhof als Spannungsfeld zwischen privaten Beisetzungsorten und öffentlichem Raum. Sie fordert eine sensible Verknüpfung der analogen und digitalen Welt, um den Friedhof zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags zu machen, ohne seine primäre Funktion als Ort der Trauer zu vergessen.
Lara Schink, Friedhofsverwalterin, hebt das Potenzial von Friedhöfen als vielfältige Räume hervor, die der Stadtgesellschaft dienen und Natur- sowie Kulturraum sind. Sie ist überzeugt, dass sie, gut gestaltet und für das Leben geöffnet, einen unglaublichen Mehrwert bieten können, wenn ihre Ruhe und Intimität als Beisetzungsort gewahrt bleiben. Dafür sei die Unterstützung von Politik und Stadtverwaltung unerlässlich.
Melanie Seidl, Steinmetz-Europameisterin und Fachlehrerin, betont die Bedeutung von Ritualen und Symbolen. Das Grab sei ein Ort der Erinnerung, an dem Trauer erlebt und verarbeitet werden kann. Sie sieht es als ihre Aufgabe, Kindern und Jugendlichen den Umgang mit Trauer, Friedhofskultur und Tod zu vermitteln, um das Tabu zu brechen und den Friedhof nicht negativ zu behaften.
Peter Lendrates, Theologe, fordert, Friedhöfe aus der Perspektive der Nutzer zu betrachten und auf die Bedürfnisse der Trauernden einzugehen, um sie in ihrem Trauerprozess zu begleiten. Luisa Lüttig, Steinmetzmeisterin, sieht im Friedhof einen Spiegel der Gesellschaft. Sie plädiert dafür, kontrovers zu diskutieren und mit konstruktiven Vorschlägen die Zukunft zu gestalten, denn der Friedhof könne mehr sein als nur ein „schönes Endlager“.
Die jungen Experten sind sich einig: Der Friedhof der Zukunft muss ein Ort sein, der die Menschen in ihrer Trauer begleitet, Gemeinschaft fördert und neuen Lebensmut spendet.
