Herausforderungen durch Klimawandel und Flächenversiegelung
Die Nutzung von Regenwasser statt dessen Ableitung in die Kanalisation ist ein zentrales Thema, das am 22. März 2023 von Fachleuten diskutiert wurde. Hintergrund sind zunehmende Wetterextreme wie trockene Sommer und Starkregenereignisse, die auch das Dresdner Elbtal betreffen.
Der Deutsche Wetterdienst verzeichnet für den Raum Dresden, einem der trockeneren Gebiete Ostdeutschlands, Niederschläge, die oft unter dem langjährigen Durchschnitt von 1961 bis 1990 liegen. Prognosen deuten auf eine Zunahme trockener Tage bis Ende des Jahrhunderts hin. Gleichzeitig wird erwartet, dass Niederschläge im Sommer häufiger als Starkregen auftreten. Die seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen um 1,5 Grad gestiegene Temperatur hat in Sachsen bereits zu einem Rückgang der Niederschlagsmenge um elf Prozent geführt.
Sinkende Grundwasserpegel und versiegelte Flächen
Wolfgang Socher, Umweltamtsleiter, betonte, dass die Stadt Dresden bereits Maßnahmen ergreift, wie die Festsetzung von Dach- und Fassadenbegrünung in Bauleitplänen und die Berücksichtigung von Hochwasser- und Starkregenrisiken. Die Richtlinie „Dresden baut grün“ hat zur Entstehung vieler begrünter Dächer geführt, beispielsweise am Gymnasium Pieschen. Diese Richtlinie gilt jedoch nur für kommunale Gebäude.
„Wassersensibel zu bauen ist noch die Ausnahme“, erklärte er.
Der Klimawandel hat an 81 Prozent der Dresdner Messstellen zu einem Absinken des Grundwasserstands um bis zu einen Meter geführt. Daher sei es entscheidend, den Grundsatz „Kein Regentropfen in den Kanal“ stärker umzusetzen.
Dr. Stefan Trülzsch, Teamleiter für Generelle Planung bei der Stadtentwässerung und Leiter der Arbeitsgruppe „Schwammstadt Dresden“, wies darauf hin, dass die versiegelten Flächen in Dresden zwischen 2012 und 2022 um 1,5 Millionen auf 19,3 Millionen Quadratmeter angewachsen sind. Dies entspricht einer Fläche von 210 Fußballfeldern. Er betonte die Notwendigkeit eines Umdenkens, um Regenwasser bereits auf den Grundstücken zurückzuhalten. Ein Pilotprojekt am Roten Graben in Langebrück sieht ein Rückhaltebecken und eine Filteranlage zur Regenwasserreinigung vor.
„Wie kann der Spagat zwischen den Extremen gelingen?“, sagte er mit Blick auf Hitzesommer und Überflutungen. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zur wassersensiblen Stadt.“
Die Arbeitsgruppe wird bis Jahresende konkrete Ziele erarbeiten, die ab Anfang 2024 umgesetzt werden sollen.
Praxisbeispiele für Regenwassermanagement
Gymnasium Linkselbisch Ost (LeO), Dresden
Christina Holstein von der STESAD stellte die Pläne für das Gymnasium Linkselbisch Ost (LeO) vor. Ab Anfang des kommenden Jahres soll an der Bodenbacher Straße ein Neubau entstehen. Die 4.500 Quadratmeter große Dachfläche wird mit Sträuchern, Büschen, Rasen und Pflanzen begrünt. Zusätzlich sind Fassadenbegrünungen mit Rank- und Kletterpflanzen sowie die Begrünung des Pausenhofs vorgesehen. Tiefbeete und Mulden sollen Wasser bei Starkregen zurückhalten. Regenversickerungssysteme mit Rigolen sind auf Freiflächen und unter Bäumen am Weg zur Winterbergstraße geplant.
„Das Ziel ist es, das gesamte Regenwasser auf dem Grundstück zurückzuhalten“, sagte Christina Holstein.
Wohngebiet in Leipzig
Dr. Ganbaatar Khurelbaatar vom Helmholtz-Umweltforschungszentrum in Leipzig präsentierte ein blau-grünes Großprojekt in einem 25 Hektar großen Wohngebiet nahe des Leipziger Hauptbahnhofs. Dort entstehen Wohnhäuser, zwei Schulen und zwei Kindergärten für 3.000 Bewohner. Das Konzept sieht vor, dass Regenwasser nicht in den Kanal abgeleitet, sondern vor Ort genutzt wird. Ziel ist es, selbst einen 100-jährlichen Starkregen zurückzuhalten und versickern zu lassen. Hierfür sind Gründächer und Rigolensysteme vorgesehen. Die Zusammenarbeit mit Investoren sei entscheidend, um solche Lösungen auch in bestehenden Gebäuden umzusetzen.
„BlueGreen Streets“ in Hamburg
Dr. Michael Richter von der HafenCity Universität Hamburg stellte das Verbundprojekt „BlueGreen Streets“ vor, das die Gestaltung wassersensibler Straßenräume zum Ziel hat. Regenwasser soll an Straßen zurückgehalten und versickert werden, um das Umfeld attraktiver zu gestalten. Dies erfordert die Umgestaltung von Parkflächen zugunsten von Grünanlagen mit Versickerungssystemen.
„Wir brauchen Platz. Der muss Pkws genommen werden, sonst funktioniert es nicht“, erklärte Michael Richter.
Pilotprojekte für klimafreundliche Straßengestaltung gibt es in Berlin, Leipzig, Hamburg und weiteren Städten. In Hamburg-Altona wurde die Königstraße von vier auf zwei Fahrspuren reduziert, um Grünstreifen anzulegen. Ein Beispiel ist das Versickerungssystem einer Baumgrube, das 1.000 Liter Regenwasser fasst.
Forschung und Entwicklung in Pillnitz
Tom Kirsten vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Pillnitz berichtete über Forschungsprojekte zu Regenwasserlösungen. Es werden 36 Baumrigolen in verschiedenen Bauweisen getestet. Zudem gibt es Sickerringe mit Pflanzen wie Rettich, die bis zu zwei Meter tiefe Wurzeln haben, sowie Regengärten mit Mulden aus normalem Boden oder Sand. Verdunstungsbeete mit 1,7 Meter hohem Schilf sind ebenfalls angelegt.
Auch Versickerungsanlagen für Sportplätze werden erprobt. Bei den Baumrigolen werden Bodenfeuchtigkeit, Baumwachstum, Baumgesundheit sowie die Versickerungs- und Verdunstungsmenge des Regenwassers gemessen. Der Versuch ist auf 15 Jahre angelegt, erste Ergebnisse werden nach drei bis vier Jahren erwartet.
Fazit: Handlungsbedarf im Regenwassermanagement
Ralf Strothteicher, Geschäftsführer der Stadtentwässerung Dresden, fasste die Debatte zusammen:
„Wir haben kein Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren, sondern müssen schnell handeln.“
Die Arbeitsgruppe „Schwammstadt Dresden“ wird sich in Kürze erneut treffen, um die Fortschritte auf dem Weg zur wassersensiblen Stadt zu besprechen.

