Hitzewellen und ihre Auswirkungen auf die Energieinfrastruktur
Hitzewellen, wie sie im Juni und Juli 2025 auftraten, belasten nicht nur Mensch und Natur, sondern auch die europäische Energieversorgung. Diese Entwicklungen finden in einem ohnehin umkämpften Markt statt. Thomas Schoy, Mitinhaber und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Privates Institut, betont die Notwendigkeit eines gesteigerten Vertrauens in erneuerbare Energien.
Im Juni sanken die Strompreise an der Strombörse EEX im Day Ahead zunächst auf ein Jahrestief. Anschließend drehten Hitze, Trockenheit und geopolitische Spannungen diesen Trend. Französische und Schweizer Atomkraftwerke gerieten ebenfalls unter Druck. Der französische Energieversorger EDF musste Reaktoren an Rhône und Garonne drosseln oder abschalten, um eine Überhitzung der Flüsse zu vermeiden. Dieses Vorgehen könnte sich aufgrund der anhaltenden Erderwärmung in den Sommermonaten zur Regel entwickeln.
Hochrisikotechnologie und geopolitische Abhängigkeiten
Bereits zu Beginn des Sommers erreichten die Temperaturen in weiten Teilen Europas ungewöhnlich hohe Werte. In Spanien und Italien führte der steigende Kühlbedarf zu einem erheblichen Mehrverbrauch an Strom. Schoy erklärt, dass Hitzewellen die Versorgungslage zusätzlich belasten, insbesondere in Regionen mit hohem Klimatisierungsbedarf. Konventionelle Kraftwerke benötigen große Mengen Wasser zur Kühlung, was in Dürreperioden zu Problemen führt.
Atomkraft wird oft als CO2-arme Lösung betrachtet, bleibt jedoch eine Hochrisikotechnologie. Sie ist anfällig für Erdbeben, Unfälle, Sabotage oder militärische Angriffe. Hinzu kommen geopolitische Abhängigkeiten: Uranimporte stammen vorrangig aus Russland, Kasachstan und dem Niger, Länder mit fragiler Stabilität. Die angestrebte Unabhängigkeit von Energieimporten erscheint in diesem Kontext paradox.
Preisschwankungen als neue Realität
Parallel zur Wettersituation gerieten die Energiemärkte durch geopolitische Spannungen unter Druck. Ein militärischer Schlagabtausch zwischen Israel und dem Iran sowie eine Intervention der USA führten zu einem Anstieg der geopolitischen Risikoprämien für Öl und Gas. Obwohl sich die Lage entspannte, waren die Auswirkungen auf die Energiepreise spürbar. Schoy merkt an, dass solche Entwicklungen sich sofort auf die Börsen auswirken, besonders bei Rohstoffen, die stark vom internationalen Handel abhängen.
Am Gasmarkt stiegen die Preise in der ersten Junihälfte kontinuierlich an. Dennoch konnten die Speicherstände weiter aufgebaut werden: Von 41,12 Prozent Anfang Juni 2025 stiegen die Füllstände auf 50,66 Prozent zum Monatsende. Schoy ordnet ein, dass die Marktmechanismen trotz globaler Spannungen grundsätzlich funktionieren, jedoch sei das Niveau im Vergleich zum Vorjahr deutlich niedriger.
Staatliche Beihilfen und neue Klimaziele
Vor diesem Hintergrund verabschiedete die Europäische Kommission im Juni einen befristeten Beihilferahmen. Mitgliedstaaten dürfen nun bis zu 50 Prozent der Stromkosten energieintensiver Industrien subventionieren. Diese Maßnahme ist auf drei Jahre begrenzt und läuft spätestens 2030 aus. Ziel ist es, Produktionsverlagerungen zu vermeiden und kritische Industrien in Europa zu halten. Schoy beurteilt dies als Balanceakt zwischen Klimazielen und industrieller Wettbewerbsfähigkeit.
Die Europäische Kommission bezeichnet die Maßnahme als temporäre Unterstützung, bis die Energiewende voranschreitet und die Strompreise durch den Ausbau erneuerbarer Energien und Netzinfrastrukturen wieder auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau sinken. Unternehmen erhalten die Hilfen nur, wenn sie gleichzeitig in eine klimafreundlichere Wirtschaftsweise investieren. Dies soll verhindern, dass Subventionen ohne Gegenleistung in Unternehmensgewinne fließen oder notwendige Transformationsschritte verzögern.
Ausblick: Handelspolitik im Fokus
Für die kommenden Wochen erwartet Schoy eine besondere Aufmerksamkeit für die internationalen Handelsbeziehungen. Die USA haben die Frist für Verhandlungen über neue Zölle auf den 1. August verschoben. Schoy warnt, dass eine Umsetzung von Strafzöllen den Wettbewerb um amerikanisches Flüssiggas verschärfen könnte, was Folgen für Europa hätte. Der Energiemarkt bleibt fragil. Wetterextreme, geopolitische Risiken und politische Regulierungsmaßnahmen bilden ein komplexes Spannungsfeld, das jederzeit neue Preissprünge oder Engpässe auslösen kann.
Schoy empfiehlt Marktakteuren, Flexibilität und Resilienz in den Vordergrund zu stellen.
2025 wird kein Jahr der Entspannung, sondern eines, in dem schnelle Reaktionen und robuste Strategien entscheidend sein werden. Was endlich bei allen Beteiligten durchdringen muss: Die Erneuerbaren sind bereits die Lösung, wenn ihnen denn endlich mehr zugetraut werden würde. Sie könnten längst wettbewerbsfähig sein und ohne Subventionen funktionieren. Das zeigt: Wir brauchen die Erneuerbaren mehr denn je.
