Die Grüne Stadt

Stadtgrün im Klimawandel: Herausforderungen und Zukunftsstrategien

Deutsche Großstädte stehen vor großen Herausforderungen durch den Klimawandel, der das Stadtgrün stark beeinflusst. Experten diskutieren Strategien, um Bäume und Grünflächen an neue Bedingungen anzupassen und ihre positiven Effekte zu erhalten.

Bedeutung des Stadtgrüns und erste Anzeichen des Wandels

Deutsche Großstädte präsentieren sich oft als „Grüne Städte“, wobei Bäume eine zentrale Rolle spielen. Ihre positiven Effekte auf Gesundheit, Wohlbefinden, Naturerleben und Stadtklima sind unbestritten. Bürgerbefragungen, wie die jüngst von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) veröffentlichte, unterstreichen den hohen Stellenwert öffentlichen Grüns für die Lebensqualität in urbanen Räumen.

Dabei sind die Lebensbedingungen für Pflanzen in der Stadt bereits erschwert. Sie leiden unter höherem Stress als ihre Artgenossen in Wäldern oder freien Landschaften. Fachleute beschäftigen sich intensiv mit diesen Themen, während die breite Öffentlichkeit die Problematik kaum wahrnimmt.

Bäume der Zukunft

Der Klimawandel hat erhebliche Auswirkungen auf die Pflanzenbestände in Städten und Gemeinden und damit auch auf die Baumschulbranche. Ein Alleebaum benötigt mehrere Jahre, um die notwendige Größe und Stabilität für den Einsatz am Straßenrand oder im innerstädtischen Bereich zu erreichen. Was in acht oder zehn Jahren gepflanzt werden soll, muss daher bereits heute vermehrt werden. Baumschulen arbeiten seit Jahren vorausschauend an neuen Gehölzsortimenten.

Bundesweit wurden mit Unterstützung des Bund deutscher Baumschulen e.V. (BdB) Vergleichspflanzungen angelegt. Dort werden gleiche Baumarten nach abgestimmten Kriterien bewertet. Dr. Mirko Hobert, Leiter des Kompetenzzentrums Garten- und Landschaftsbau in Quedlinburg, äußert sich zur Zusammenarbeit im Projekt „Klima und Baumsortimente der Zukunft“:

Die Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) beobachtet schon seit einigen Jahren das vorhandene Stadtgrün und gibt regelmäßig Empfehlungslisten heraus. In unseren Baumsichtungen werden auch neue Arten und Sorten geprüft, inwieweit sie sich unter den veränderten Klimabedingungen besser eignen. Dies erfolgt in enger Abstimmung zwischen den acht beteiligten Kompetenzzentren und auch in Zusammenarbeit mit den Experten aus der Baumschulwirtschaft.

Deutliche Veränderungen

Anzeichen für den Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Pflanzenwelt sind bereits erkennbar. Jüngere Untersuchungen aus Dresden zeigen, dass der Laubaustrieb in den letzten 50 Jahren sechs Tage früher und der Laubfall fünf Tage später erfolgten. Ein früherer Austrieb wird problematisch, wenn Spätfröste die jungen Triebe schädigen, deren Häufigkeit zugenommen hat.

Markus Guhl, Hauptgeschäftsführer des BdB und Vorstandsmitglied der Stiftung DIE GRÜNE STADT, warnt:

Insgesamt steigende Durchschnittstemperaturen, aber auch die veränderte Niederschlagsmenge und -verteilung und nicht zuletzt das verstärkte Auftreten neuer Krankheiten und Schädlinge sind Entwicklungen, die Politik und Verwaltung, aber auch Unternehmen und Bürger ernst nehmen müssen.

Klimatologen stellen fest, dass es nicht nur eine einfache Verschiebung der Durchschnittstemperaturen von Süden nach Norden gibt, sondern dass lokal und regional unterschiedliche Klimaereignisse auftreten.

Beispielsweise führen häufigere Starkregen in Verbindung mit der hohen Versiegelung von Flächen für Straßen- und Wegebau zu vermehrten Überschwemmungen und Schäden in Städten und Gemeinden. Gravierende Probleme und Pflanzenausfälle entstehen auch durch mehrwöchige Trockenperioden im Sommer. Helmut Selders, Präsident des BdB, betont:

Das Wassermanagement wird in den Kommunen ein zentrales Thema. Als Gegenpol zu der dichten Bebauung sind mehr grüne Ausgleichsflächen in Städten notwendig, die als temporäre Speicher für Überschusswasser und als Versickerungsflächen zur Verfügung stehen. Außerdem sind solche Grünflächen auch als Lebensraum für Tiere und Pflanzen und als Erholungsräume für Städtebewohner wichtig.

Konsequenzen für die Stadtplanung

Professor Dr. Hartmut Balder von der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin befürchtet einen Qualitätsverlust im öffentlichen Grün:

Trotz der hohen Erwartungen an die Wirkung von Pflanzen in Städten bleibt in Zeiten knapper Haushaltsmittel das Stadtgrün oftmals sich selbst überlassen. Dabei stellen sich viele Fragen neu, die nach wissenschaftlich fundierten Antworten rufen. Zum Beispiel verändern neue Krankheiten und Schädlinge das Arten- und Sortenspektrum im öffentlichen Grün massiv.

Karl-Friedrich Ley, Vorsitzender des Fachgremiums Produktion und Umwelt im BdB, sieht Städte und Baumschulen vor einer großen Aufgabe:

Das bisherige Sortiment wird nicht völlig verschwinden, so sind beispielsweise Platanen und Linden auch in Zukunft wichtige Baumarten in den Städten, aber mehr und mehr bewähren sich auch Gehölze aus anderen Regionen. Gesucht sind vor allem Gehölzarten, die eine hohe Trockenheitsresistenz und große Temperaturtoleranz besitzen. Auch neue Baumformen stehen in Prüfung, für schwierige Standorte eignen sich oft schmalkronige Bäume, zumal sie wenig Pflegeaufwand benötigen.

Der Dresdner Forstbotanik-Professor Dr. Andreas Roloff untersucht seit Jahren in Zusammenarbeit mit dem BdB die Eignung von Stadtbäumen. Roloff erklärt:

Die Auswahlfaktoren für die Baumartenwahl sind je nach Standort und Zielstellung unterschiedlich. Selbstverständlich sind ästhetische und gestalterische Aspekte nach wie vor wichtig, aber mehr und mehr werden auch gezielt Baumarten wegen ihrer positiven Wirkung als Luftreiniger oder Schallschlucker eingesetzt und erfreulicherweise fragt man heute verstärkt nach den Ansprüchen bzw. Toleranzen der Baumart an den Standort.

Grüne Aussichten

Die Planung zukünftiger Städte erfordert Weitsicht, da Entscheidungszyklen oft Legislaturperioden überdauern und Grünflächen Zeit zur Entwicklung benötigen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. BdB-Präsident Helmut Selders fasst zusammen:

Der Klimawandel und die von der Politik forcierte innerstädtische bauliche Verdichtung zwingen die Städte dazu, eine planvolle grüne Stadtentwicklung voranzutreiben. Damit die Kommunen diese gewaltige Herausforderung stemmen können, brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung des Bundes, der Länder und der Gemeinden in einer ´Nationalen Strategie zur grünen Stadtentwicklung`.

30.10.2013

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