Studie des IÖR zu Ackerflächen in Schutzgebieten
Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) beleuchtet die räumliche Überschneidung von Ackerflächen und Schutzgebieten in Deutschland. Die Untersuchung, die in der Fachzeitschrift „Naturschutz und Landschaftsplanung“ veröffentlicht wurde, liefert wichtige Daten für die Diskussion um den Insektenschutz und die Belastung von Schutzgebieten durch Pestizide.
Die Analyse zeigt, dass sich über 440 Quadratkilometer Ackerfläche in Naturschutzgebieten und fast 1.300 Quadratkilometer in Fauna-Flora-Habitat-Gebieten (FFH-Gebieten) befinden. Diese Zahlen sind Teil des Forschungsprojekts „DINA – Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.
Insektenrückgang und die Rolle von Ackerflächen
Studien belegen einen Rückgang der Insekten-Biomasse in deutschen Naturschutzgebieten um 75 Prozent in den letzten 30 Jahren. Dieser dramatische Schwund hat weitreichende Folgen für Ökosysteme, da Insekten eine grundlegende Nahrungsquelle für andere Tiere darstellen. Als eine der Hauptursachen für diesen Rückgang werden Pestizide vermutet.
Die Raumanalyse des IÖR verdeutlicht, dass konventionell bewirtschaftete Ackerflächen, auf denen Pestizide eingesetzt werden, oft direkt in Schutzgebieten liegen oder an diese angrenzen. Die Forschenden ermittelten, dass Ackerflächen auf einer Länge von über 11.000 Kilometern unmittelbar an Naturschutzgebiete grenzen. Bei FFH-Gebieten beträgt diese Kontaktlinie sogar rund 21.100 Kilometer, was die potenzielle Beeinflussung der Schutzgebiete durch angrenzende Landwirtschaft unterstreicht.
Pestizidabdrift und die Notwendigkeit von Pufferzonen
Nicht nur Ackerflächen innerhalb der Schutzgebiete stellen ein Problem dar. Auch von Flächen in der unmittelbaren Umgebung geht eine Gefahr für Insekten aus, insbesondere durch die Abdrift von Pestiziden. Eine frühere Analyse im Rahmen des DINA-Projekts zeigte zudem, dass Insekten mit großem Flugradius Pestizide auf Ackerflächen in einem Umkreis von bis zu zwei Kilometern aufnehmen können.
Die aktuelle Untersuchung erweiterte daher den Betrachtungsradius. Es zeigte sich, dass in einem Zwei-Kilometer-Radius um Naturschutzgebiete fast 38.500 Quadratkilometer Ackerflächen liegen. Davon grenzen rund 23.200 Quadratkilometer direkt an ein Naturschutzgebiet oder reichen in dieses hinein. Bei FFH-Gebieten sind es im Zwei-Kilometer-Radius rund 63.000 Quadratkilometer Ackerfläche, wovon über 41.600 Quadratkilometer direkt angrenzen oder in die Gebiete hineinreichen.
„Würde man den Pestizideinsatz auf Ackerflächen in Naturschutzgebieten verbieten, so würde dies rund 0,36 Prozent der gesamten Ackerfläche in Deutschland betreffen“, erläutert Lisa Eichler vom IÖR, die die Analyse durchgeführt hat. Mit Blick auf die FFH-Gebiete beträfe ein solches Verbot rund ein Prozent der Gesamtackerfläche. „Um Insekten aber effektiver vor Pestiziden zu schützen, legen unsere Untersuchungen nahe, dass Pufferzonen um Schutzgebiete etabliert werden müssten.“
Ein Verbot von Pestiziden unter Berücksichtigung einer Pufferzone von zwei Kilometern würde bei Naturschutzgebieten weitere rund 31 Prozent und bei FFH-Gebieten rund 51 Prozent der gesamten Ackerfläche Deutschlands betreffen. Die Zahlen für Naturschutz- und FFH-Gebiete können nicht addiert werden, da sich die Schutzgebietskategorien häufig überlappen.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass die aktuelle Raumanalyse noch keine Unterscheidung zwischen ökologisch und konventionell bewirtschafteten Flächen ermöglicht, da hierfür raumscharfe Daten fehlen. Im Jahr 2020 lag der Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen unter zehn Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche.
Hintergrund des Projekts DINA
Die Untersuchungen sind Teil des Verbundforschungsvorhabens DINA (Diversity of Insects in Nature protected Areas). Zwischen 2019 und 2023 erfassen und dokumentieren neun Partner die Insektenvielfalt in 21 repräsentativen Naturschutzgebieten in Deutschland. Ziel ist es, Datengrundlagen zu optimieren, die für einen besseren Schutz der Insektenvielfalt erforderlich sind. Das Projekt wird vom NABU (Naturschutzbund Deutschland e. V.) geleitet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der FONA-Strategie gefördert.
Zum Projektverbund gehören neben dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung unter anderem der Entomologische Verein Krefeld e. V., das Internationale Zentrum für Nachhaltige Entwicklung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die Justus-Liebig-Universität Gießen/AG Spezielle Botanik, die Universität Koblenz-Landau/Institut für Umweltwissenschaften, das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere, das Institut für sozial-ökologische Forschung sowie die TIEM Integrierte Umweltüberwachung GbR, Bremen.
