Die Grüne Stadt

Grünflächen als Taktgeber der Stadtentwicklung

Städtische Grünflächen sollen nicht länger als Restflächen behandelt, sondern als Impulsgeber für die Stadtentwicklung verstanden werden. Eine Tagung forderte, Stadtgrün als gleichberechtigte grüne Infrastruktur zu etablieren, die neue Funktionen für die Stadt erfüllt und die Lebensqualität verbessert.

Grüne Infrastruktur: Gleichberechtigung im Infrastrukturkanon

Grünflächen in Städten wie Berlin und München stehen zunehmend unter Druck, da wachsende Einwohnerzahlen den Bedarf an Wohnraum erhöhen. Diese Flächen werden oft als potenzielle Baugebiete betrachtet. Eine Tagung in Berlin, an der rund 150 Landschaftsarchitekten und Stadtplaner teilnahmen, forderte ein Umdenken: Stadtgrün soll nicht als Restfläche der Stadtentwicklung dienen, sondern als deren Impulsgeber fungieren.

Die Teilnehmer betonten, dass Stadtgrün als grüne Infrastruktur betrachtet werden muss. Diese sollte in der Stadtplanung die gleiche Bedeutung erhalten wie die graue Infrastruktur (Verkehr, Energie) oder die soziale Infrastruktur (Schulen, Kitas).

Die Chancen für eine gleichberechtigte Behandlung von grüner Infrastruktur werden als gut eingeschätzt. Eike Richter vom Landesverband Berlin/Brandenburg des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) stellte fest, dass Grün und Natur in der Stadt trotz Nutzungsdruck kommunal- und bundespolitisch ernst genommen werden.

Die politische Zielsetzung auf Bundesebene ist klar. Wir brauchen das Grün in der Stadt, und wir wollen den Naturschutz mit der Stadtentwicklung stärker verknüpfen.

Dies erklärte Hagen Eyink, Leiter des Referats „Grün in der Stadt“ beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Grüne Infrastruktur: Mehr als ein Begriff – neue Funktionen für die Stadt

Für den bdla geht es bei der grünen Infrastruktur nicht nur um eine neue Bezeichnung, sondern um die Erfüllung neuer Funktionen für die Stadt durch Grün- und Freiräume. Landschaftsarchitektin Antje Backhaus nannte den Schutz vor Wetterextremen als Beispiel. Sie wies darauf hin, dass Städte aufgrund des Klimawandels zunehmend mit extremen Unwettern konfrontiert sein werden, auf die sie nicht vorbereitet sind.

In Kopenhagen übernehmen Grün- und Freiflächen bereits ein sogenanntes Starkregen-Management. Schulhöfe, Parks, private Hinterhöfe und öffentliches Straßenland wurden dort so geplant und umgestaltet, dass sie große Regenmengen auffangen und gezielt ableiten können. Backhaus erwähnte, dass in Kopenhagen von „Regenwäldern“ gesprochen wird. Bei dieser Art grüner Infrastruktur kommt auch vermehrt Technik zum Einsatz, wie neue unterirdische Abflusssysteme.

Gleichzeitig sind diese Flächen so gestaltet, dass sie ästhetische und soziale Funktionen erfüllen. Backhaus betonte, dass sie stets Aufenthaltsqualität bieten müssen und bei gutem Wetter als Erholungs- oder Spielflächen dienen.

Erweitertes Wohnzimmer und Daseinsvorsorge durch Stadtgrün

Grünflächen dienen vielen Stadtbewohnern als erweiterter Wohnraum. Winfried Becker, Leiter Straßenreinigung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR), beobachtet eine Verlagerung des privaten Lebens ins Freie während der Sommermonate. Parks und Grünanlagen werden nicht nur zum Spazierengehen, sondern auch als Orte für Feiern und Begegnungen genutzt.

Zusätzlich erfüllen sie traditionelle Funktionen:

  • Stadtgrün verbessert das Klima.
  • Es fördert die Biodiversität.
  • Es ist wichtig für die menschliche Gesundheit.

Eike Richter vom bdla sieht zudem eine Chance für Sinneserlebnisse, etwa durch wild wachsende Erlebnisräume, die Kindern Naturerfahrungen ermöglichen. Grüne Infrastruktur, idealerweise in Verbindung mit blauer Infrastruktur (Gewässern), wird als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden.

Interinstitutionelle Gemeinschaftsaufgabe für die Pflege von Grünflächen

Die Pflege von Grünflächen erfordert aktiven Einsatz. In Berlin werden in verschiedenen Projekten Modelle zur optimalen Aufgabenverteilung bei Pflege, Müllentsorgung und Reinigung getestet. Becker von der BSR berichtete, dass in zwölf Parks und einem Forstrevier die Aufgabenteilung erprobt wird: Die BSR übernimmt die Reinigung, während Landschaftsgärtner sich der gärtnerischen Pflege widmen. Dies ermöglicht jedem Akteur, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren.

Neben öffentlichen Händen und Unternehmen wie der BSR könnten auch private Bürger stärker in die Pflege einbezogen werden. Rüdiger Dittmar, Leiter des Amtes für Grünflächen und Gewässer der Stadt Leipzig, hob die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements hervor. Er merkte an, dass dadurch die städtischen Pflegekosten, wenn überhaupt, nur geringfügig gesenkt werden können. Das Hauptziel sei jedoch, die Identifikation der Bürgerschaft mit ihrem Stadtgrün zu fördern.

Grüne Infrastruktur muss über die Grenzen von Institutionen hinaus gedacht werden.

Dies forderte Eike Richter vom bdla. Einige Teilnehmer äußerten Bedenken, wenn Aufgaben aus der öffentlichen Hoheit ausgelagert werden, insbesondere aus ordnungspolitischer Sicht. Auch das bürgerschaftliche Engagement habe Grenzen, wenn professionell gemanagte Pflege für große oder komplexe Flächen erforderlich ist.

Ein Fazit der Tagung war die Notwendigkeit von Kompromissen bei der Aufgabenverteilung zwischen den verschiedenen Akteuren. Ziel ist es, die grüne Infrastruktur dauerhaft auf die politische Agenda zu setzen. Eyink vom BMUB resümierte:

Wir sind seit jeher bemüht, Grünstrukturen zu vernetzen. Jetzt sind wir gefordert, Institutionen zu vernetzen. Grüne Infrastruktur ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

08.07.2016

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