Emden: Ein Fallbeispiel für Flächenversiegelung und ihre Folgen
Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat den Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“ zum 29. Mal vergeben. Preisträger des Jahres 2021 ist das Baugebiet Conrebbersweg in Emden, Niedersachsen. Die NABU-Jury wählte dieses Projekt stellvertretend für die bundesweite Naturzerstörung durch Bodenversiegelung aus.
Emden verzeichnet seit Jahren eine stagnierende Bevölkerungsentwicklung, wobei die Einwohnerzahl zuletzt unter 50.000 sank. Trotzdem soll für das Baugebiet ein artenreiches Feucht- und Nassgrünland, das größtenteils unter Schutz steht, vernichtet werden. Auf dieser Fläche sind zahlreiche stark gefährdete Pflanzen- und Vogelarten wie Wiesenpieper, Feldschwirl und Kiebitz beheimatet.
Risiken der Bebauung und bundesweite Entwicklung
Mehr als zwei Drittel des 75 Hektar großen Gebiets sollen versiegelt werden. Die Lage des Gebiets, einen Meter unter dem Meeresspiegel, birgt angesichts zunehmender Starkwetterereignisse zusätzliche Risiken nach der Bebauung.
Wer an Emden und die Nordseeküste denkt, hat vermutlich Wind, Natur und plattes Land in saftigem grün vor Augen. Betonpolitik erwartet an dieser Stelle wohl kaum jemand. Jetzt soll ein landesweit bedeutsames Gebiet für den Biotopschutz zugunsten eines großes Baugebietes unwiederbringbar zerstört werden. Der 'Dinosaurier des Jahres 2021' geht deshalb nach Emden an den Conrebbersweg. Wir verleihen ihn stellvertretend für die grassierende Bodenversiegelung in ganz Deutschland. Denn Emden ist überall.
Jörg-Andreas Krüger, NABU-Präsident
Bundesweit werden täglich rund 50 Hektar Fläche versiegelt. Der NABU fordert daher von der Bundesregierung eine stärkere Priorisierung der Flächennutzung und eine Reduktion des Flächenverbrauchs auf netto Null bis 2030.
Politische Ziele und Herausforderungen
Die Bundesregierung hatte ursprünglich das Ziel, den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu reduzieren. Dieses Ziel wurde 2018 auf 2030 verschoben. Im Klimaschutzplan der Bundesregierung wird ein „netto Null“-Flächenverbrauch erst für 2050 angestrebt. Bis dahin könnten weitere 250.000 bis 260.000 Hektar Fläche versiegelt werden, was der Größe des Saarlands entspricht. Dies verdeutlicht den Wettbewerb um Land zwischen Natur, Landwirtschaft und Bebauung.
Die Bundesregierung plant den Neubau von 400.000 Wohnungen pro Jahr in Ballungsgebieten. Dem stehen rund zwei Millionen leerstehende Wohnungen in ländlichen Regionen und eine tendenziell sinkende Bevölkerungszahl durch den demografischen Wandel gegenüber. Die Flächenversiegelung ist daher komplex und muss soziale Aspekte, Arbeitsplatzverfügbarkeit sowie Infrastruktur- und Verkehrsfragen berücksichtigen. Flächen sollten nachhaltig und effektiv genutzt werden.
Ansätze zur Flächennutzung und Kritik
Bei der Innenverdichtung wird geprüft, welche Flächen innerhalb eines Ortes für Bebauung, Aufstockung, Umbau oder Verdichtung geeignet sind. Gleichzeitig ist es wichtig, ausreichend unversiegelte Flächen in den Orten zu erhalten, die der Wasserversickerung oder schattenspendender Bepflanzung dienen können. Die Baulandmobilisierung in Außenbereichen führt hingegen zu weiterer Flächenversiegelung. Obwohl oft Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen sind, wird ein qualitativer Ausgleich der zerstörten Flächen selten und nur langfristig erreicht.
Die Ampelkoalition hat das Problem erkannt und im Koalitionsvertrag angekündigt, das Baugesetzbuch zu überprüfen. Dabei soll unter anderem der umstrittene §13b, der die Außenbebauung vereinfacht, gestrichen werden. Der NABU schlägt zudem vor, Wachstumsfehlanreize für Ortschaften, die sich aus den Hauptansatzfaktoren des Finanzausgleichs auf Landesebene ergeben, zu reduzieren.
Der „Dinosaurier des Jahres“ ist eine 2,6 Kilogramm schwere Nachbildung einer Riesenechse. Seit 1993 zeichnet der NABU damit Persönlichkeiten oder Projekte aus, die sich durch rückschrittliches Engagement im Natur- und Umweltschutz hervorgetan haben. Seit 2020 werden konkrete Projekte als „Umweltsauerei des Jahres“ ausgezeichnet. Preisträger 2020 war das Autobahnprojekt A26 Ost.
