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Zukunft des Wohnens: Stadt und Land im Wandel

Eine aktuelle Studie beleuchtet die Wünsche und Erwartungen der Bevölkerung an das zukünftige Leben in urbanen und ländlichen Gebieten Deutschlands. Sie zeigt unterschiedliche Perspektiven auf Herausforderungen und die Rolle technologischer Innovationen, insbesondere aus der Bioökonomie, auf.

Studie „Stadt.Land.Chancen“: Herausforderungen und Perspektiven

Die Frage nach dem idealen Wohnort – ob Stadt, Kleinstadt oder Dorf – beschäftigt seit der COVID-19-Pandemie immer mehr Menschen in Deutschland. Eine gemeinsame Studie von acatech, dem Fraunhofer IAO und dem Bayerischen Rundfunk beleuchtet die Wünsche und Erwartungen der Bevölkerung an das zukünftige Leben in urbanen und ländlichen Gebieten. Die Untersuchung, die fast 9.000 Personen befragte, zeigt unterschiedliche Perspektiven auf Herausforderungen und die Rolle technologischer Innovationen, insbesondere aus der Bioökonomie.

Die Studie mit dem Titel „Stadt.Land.Chancen“ offenbart, dass Bewohner ländlicher Regionen zukünftige Veränderungen anders bewerten als Stadtbewohner. So befürchten 81,6 Prozent der Landbewohner eine Verschlechterung der gesundheitlichen Infrastruktur, während dieser Anteil in Städten bei 66,2 Prozent liegt. Ähnliche Diskrepanzen zeigen sich bei der Sorge, von neuen Mobilitätsangeboten (Land: 76,1 Prozent vs. Stadt: 60,6 Prozent) oder kulturellen Angeboten (Land: 72,9 Prozent vs. Stadt: 61,3 Prozent) nicht profitieren zu können. Insgesamt erwartet eine Mehrheit der Befragten, unabhängig vom Wohnort, Versorgungsprobleme in den Bereichen Gesundheit, Mobilität und Kultur.

Nachhaltigkeit und Mitgestaltung als zentrale Anliegen

Einigkeit herrscht hingegen bei den Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Eine überwältigende Mehrheit wünscht sich, die Umweltauswirkungen von Produkten auf einen Blick erkennen zu können (Stadt: 97,5 Prozent, Land: 96,3 Prozent). Ebenso wichtig ist den Befragten der regionale Anbau von Lebensmitteln (Stadt: 94,2 Prozent, Land: 95,7 Prozent). Auch bei der zukünftigen Mobilität steht der Umweltschutz im Vordergrund: Rund 90 Prozent der Befragten hoffen auf den Einsatz grüner Energien. Dies unterstreicht die potenzielle Schlüsselrolle bioökonomischer Anwendungen in den kommenden Jahren.

Ein weiteres zentrales Ergebnis ist der Wunsch nach aktiver Mitgestaltung. 82,7 Prozent der Stadt- und 86,9 Prozent der Landbewohner möchten die Entwicklung ihrer Wohnumgebung aktiv mitgestalten, beispielsweise durch Vereine oder Bürgerbeteiligungsverfahren. Dieses Interesse ist bei den über 60-Jährigen (88,7 Prozent) stärker ausgeprägt als bei jungen Erwachsenen bis 29 Jahre (78,6 Prozent). Ältere Generationen können sich auch eher das Leben in Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäusern vorstellen (87,6 Prozent vs. 76,3 Prozent).

Generationenunterschiede und finanzielle Sorgen

Gegenüber bioökonomischen Innovationen zeigen sich Seniorinnen und Senioren jedoch skeptischer. Während 80,6 Prozent der Unter-30-Jährigen nachhaltige Fleischalternativen aus dem Labor begrüßen würden, liegt dieser Anteil in der Ü60-Gruppe bei 72,0 Prozent. Der Wunsch nach nachhaltigem Konsum ist zwar stark ausgeprägt, wird aber durch finanzielle Sorgen getrübt: Rund drei Viertel der Befragten mit geringem Einkommen befürchten, sich nachhaltig produzierte Produkte nicht leisten zu können. Diese Sorge ist bei einkommensstarken Personen deutlich geringer (57,4 Prozent).

Insgesamt wollen laut Studie 88,5 Prozent der Befragten frühzeitig über Zukunftsthemen informiert werden. Das Ergebnis zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie die Zukunft aussehen könnte, frühzeitig, nachvollziehbar und verständlich in die Gesellschaft zu vermitteln. Diese Erkenntnis muss verbreitet und in weiteren Initiativen und Projekten aufgegriffen werden.

Dies betont Prof. Dr. Martina Schraudner, Studienleiterin und acatech Vorstandsmitglied. Simone Kaiser, Co-Studienleiterin und Leiterin des CeRRI des Fraunhofer IAO, ergänzt:

Die Befragten wünschen sich neue Lösungen für besseren Umweltschutz und dass alle Menschen Zugang zu diesen Angeboten haben – ganz unabhängig davon, wo sie wohnen oder wie groß ihr Geldbeutel ist. Die Befragungsergebnisse stehen damit für konkrete Gestaltungsanforderungen. Diese können und sollten bereits heute in den technologischen und politischen Transformationsprozessen vor Ort aufgegriffen und für eine gemeinwohlorientierte Gestaltung neuer Lösungen genutzt werden.

Regionale Besonderheiten in Bayern

Eine vertiefende Studie für Bayern, gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, untersuchte die regionalen Unterschiede und das kreative Potenzial der Zivilgesellschaft. In vier Workshops wurden 54 bayerische Bürger befragt, was den Startschuss für das Dialogprojekt „Bayern denkt Zukunft“ bildete. Die Ergebnisse zeigen, dass trotz aller Unterschiede Gemeinsamkeiten zwischen Stadt- und Landbewohnern überwiegen und eine „Stadt-Land-Gemeinschaft“ angestrebt wird.

Regionale Schwerpunkte zeigen sich beispielsweise im ökologischen Bewusstsein, das in München, Nürnberg und Mittelfranken besonders ausgeprägt ist. In Niederbayern ist die Sorge, mit technologischen Entwicklungen nicht Schritt halten zu können, überdurchschnittlich hoch. Schwaben sehen einen geringeren Nutzen in der Digitalisierung als der bayerische Durchschnitt, dicht gefolgt von Mittelfranken. Unterfranken hingegen bewertet die Digitalisierung am positivsten, beobachtet aber Veränderungen im Sozialleben mit Sorge. Im dünn besiedelten ländlichen Raum Bayerns steht die Gemeinschaft stärker im Mittelpunkt als im bayerischen Durchschnitt, während in München Individualität großgeschrieben wird, aber auch die Sorge vor Vereinsamung tendenziell größer ist. Die Ergebnisse der Online-Umfrage und der Workshops sollen in Dialogveranstaltungen einfließen, um Impulse für die regionale Zukunftsgestaltung zu liefern.

08.11.2021

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