Globale Herausforderungen und die Diskussion um eine Pflanzenschutzmittelsteuer
Die Diskussion um eine Steuer oder Abgabe auf Pflanzenschutzmittel in Deutschland wird vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen neu bewertet. Peter R. Müller, Geschäftsführer der Bayer CropScience Deutschland GmbH, eröffnete eine Informationsveranstaltung zu diesem Thema am 14. März 2022. Er betonte die aktuelle Bedeutung der Ernährungssicherung, insbesondere angesichts des Krieges in der Ukraine, der die weltweite Nahrungsmittelversorgung gefährden könnte.
Mir ist es wichtig, dass wir als Landwirtschaftsbranche den richtigen Ton treffen und die Notlage nicht mit Botschaften der Besitzstandswahrung oder gar einer rückwärtsgewandten Landwirtschaft vermengen. Dennoch wird uns derzeit dramatisch die eigene Verantwortung für die Ernährungssicherung als wachsende Herausforderung von Landwirtschaft vor Augen geführt. Der Krieg ist auch aus agrarischer und ernährungspolitischer Perspektive eine Zeitenwende. Fällt die Ukraine als größter Getreideexporteur aus, ist die Nahrungssicherheit weltweit, vor allem aber in den ohnehin von Hunger betroffenen Regionen der Welt, gefährdet.
Müller hob hervor, dass das Ziel der globalen Ernährungssicherung globales Handeln erfordere und von geostrategischer Bedeutung sei. Die Forderung nach einer Pflanzenschutzmittelsteuer, die seit Jahren besteht, zielt darauf ab, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu steuern. Bayer hat die HFFA Research GmbH beauftragt, die tatsächliche Lenkungswirkung einer solchen Steuer zu analysieren und dabei auch Erfahrungen aus Dänemark einzubeziehen.
Müller stellte klar, dass es nicht darum gehe, Reduktionspotenziale im Pflanzenschutz auszublenden. Vielmehr sei er überzeugt, dass technischer Fortschritt und Innovationen entscheidend seien, um den ökologischen Fußabdruck der pflanzlichen Erzeugung weiter zu senken.
Studie zur Pflanzenschutzmittelsteuer: Ökonomische Folgen und ökologische Effekte
Dr. Steffen Noleppa, Geschäftsführer der HFFA Research GmbH, präsentierte erste Ergebnisse der breit angelegten Studie. Diese analysiert die Auswirkungen einer Steuer oder Abgabe auf landwirtschaftliche Betriebe, Märkte und die Wertschöpfungskette anhand verschiedener Szenarien und Modellkalkulationen. Dabei werden auch internationale Erfahrungen, beispielsweise aus Dänemark, berücksichtigt.
Die Studie untersucht die ökonomischen Auswirkungen in der Wertschöpfungskette und hinterfragt den hohen Preis für potenziell bescheidene ökologische Effekte. Eine Modellierung zeigte, dass selbst bei sehr hohen Steuersätzen von über 100 Prozent nur geringe Reduktionspotenziale festzustellen sind. Gleichzeitig verschlechtert eine Steuer die betriebswirtschaftlichen Parameter erheblich.
Die Erfahrungen in der Praxis zeigen, dass ein eindeutiger Lenkungseffekt einer Steuer in Bezug auf einen Nachfragerückgang bei Pflanzenschutzmitteln in nennenswerter Höhe nicht festgestellt werden kann. Landwirte sind in der Regel auf Pflanzenschutzmittel angewiesen. Sie können daher nur in begrenztem Umfang auf die Preissteigerungen infolge einer Steuer reagieren. Somit entfällt die gewünschte Reduktionswirkung – und die ökologische Wirkung einer Steuer kann allenfalls als begrenzt bezeichnet werden. Gleichzeitig ergeben sich jedoch massive negative ökonomische Folgen für jeden einzelnen Betrieb und für weitere Marktakteure. Einziger Gewinner ist der Staat.
Noleppa wies darauf hin, dass die Befürworter einer solchen Intervention diese Effekte oft ausblenden. Produktionsanreize und die Wertigkeit wichtiger Kulturen für die Ernährungssicherung sinken, wobei die Betroffenheit je nach Kultur variiert. Dies könnte zu unerwünschten Verschiebungen im Anbauspektrum und einer Schwächung der deutschen Position auf internationalen Agrarmärkten führen. Die Hauptlast der Steuer trüge der Landwirtschaftssektor, aber auch Unternehmen, die Pflanzenschutzmittel anbieten und handeln, wären betroffen. Der Endkonsument von Lebensmitteln würde hingegen kaum entlastet.
Dänische Erfahrungen mit der Pflanzenschutzmittelsteuer
Jens Erik Jensen, Senior Specialist bei SEGES Innovation in Dänemark, erläuterte die Erfahrungen mit der dortigen Pflanzenschutzmittelsteuer. SEGES Innovation ist eine landwirtschaftlich finanzierte Organisation, die Landwirten unabhängige Beratung bietet. In Dänemark wird bereits seit Jahren eine Pflanzenschutzmittelsteuer erhoben.
Die Entwicklung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes in Dänemark zeigt, dass ein Rückgang bereits vor der Einführung einer Steuer einsetzte. Die Steuer wurde schrittweise erhöht und 2013 auf ein differenziertes System umgestellt. Seitdem richtet sich die Höhe der Steuer nach den Umwelt- und Gesundheitswirkungen der einzelnen Mittel, basierend auf einem Pestizidbelastungsindex. Jedes zugelassene Pflanzenschutzmittel hat somit einen spezifischen Steuersatz; mikrobiologische Produkte sind seit 2013 steuerfrei.
Die Steuerhöhen variieren stark: Fungizide werden im gewichteten Durchschnitt mit 47 Prozent besteuert, Wachstumsregulatoren mit 75 Prozent, Herbizide mit 102 Prozent und Insektizide mit 136 Prozent. Im Durchschnitt beträgt die Steuerhöhe im Vergleich zum Nettopreis 87 Prozent. Die Steuer führte zu einem vorzeitigen Ausstieg aus einigen Wirkstoffen (Mancozeb, Loxynil/Bromoxynil) und einer starken Reduzierung des Einsatzes bestimmter Wirkstoffe (Cypermethrin, Alpha-Cypermethrin, Pendimethalin, MCPA).
Die dänische Landwirtschaft hat stets versucht, die Konsequenzen einer Steuer pflanzenbaulich zu managen. Dennoch gab und gibt es spürbar negative wirtschaftliche Folgen für die dänischen Landwirte, deren Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ihren ausländischen Nachbarn gelitten hat und noch immer leidet. Das Geld fehlt den Betrieben für andere Investitionen. Die begrenzte Anzahl von Wirkstoffen, die zur Verfügung steht, birgt zudem die Gefahr der zunehmenden Resistenzbildung.
Jensen betonte, dass es aus seiner Sicht wirksamere Instrumente zur Reduzierung der Umweltwirkungen von Pflanzenschutzmitteln gibt. Dazu gehören agronomische Maßnahmen wie Bodenbearbeitung, mechanische Unkrautkontrolle, Monitoring/Prognosemodelle, stressresistente Sorten, präzisere digitale Anwendungen und Entwicklungen wie rückstandsfreie Befüllsysteme oder Düsentechnik. Er schloss mit der Aussage, dass technischer Fortschritt der zentrale Schlüssel für eine nachhaltige Landwirtschaft in Dänemark sei.
Bayers Position zur Zukunft der Landwirtschaft
Bayer setzt sich für eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft ein, die durch ganzheitliche Ansätze erreicht werden soll. Dazu gehören innovative züchterische und digitale Techniken sowie die gesamte Palette agronomischer Werkzeuge, einschließlich moderner Pflanzenschutzmittel und leistungsfähiger Sorten.
Als Unternehmen setzen wir auf Technologieoffenheit, um Pflanzen schützen zu können und Ernten abzusichern. Dazu haben wir uns schon immer weiterentwickelt, teilweise auch neu erfunden. Und ich wiederhole gerne: Innovative Praktiken aus dem ökologischen Landbau gehören dazu. Wir müssen die Schwarz-Weiß-Denke endlich hinter uns lassen.
Peter R. Müller nannte die politischen Schwerpunkte und Ziele von Bayer:
- Wiederzulassung von Glyphosat, da der Wirkstoff einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leistet und Carbon Farming-Initiativen auf konservierender Bodenbearbeitung basieren.
- Engagement für fortschrittlichen und nachhaltigen Pflanzenschutz auf chemisch-synthetischer und/oder biologischer Grundlage. Bayer sieht sich als Innovationstreiber und arbeitet an alternativen Verfahren zur Reduzierung des Pflanzenschutzes.
- Akzeptanz neuer Züchtungsverfahren in der Gesellschaft, die für die Entwicklung ertragreicher, gesunder Sorten und zur Förderung eines klimaresilienten Pflanzenbaus dringend benötigt werden.
- Förderung der Digitalisierung in der Landwirtschaft, wobei Bayer eine führende Innovationsplattform in der Agrarbranche anbietet.
Müller bekräftigte abschließend, dass Bayer auf Innovation und wissenschaftliche Lösungen setze, um Landwirtschaft und Nachhaltigkeitsthemen wie Klima- und Umweltschutz sowie Ernährungssicherheit zusammenzuführen. Er betonte, dass die Gesellschaft es sich nicht länger leisten könne, Innovationen abzulehnen.
