Naturbelassenes Produkt als Gegenentwurf zur Gentechnik
Dr. Udo Kienle vom Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim sieht in der Herstellung von Steviolglykosiden aus genmanipulierten Hefen ein reines Kunstprodukt. Er betont, dass 40 Prozent der Verbraucher Wert auf naturnahe Lebensmittel legen. Sein Forschungsprojekt zielt darauf ab, ein naturbelassenes, kalorienarmes Süßungsmittel aus der Stevia-Pflanze (Stevia rebaudiana) zur Marktreife zu bringen. Die Stevia-Pflanze, ursprünglich aus Paraguay stammend, produziert süßschmeckende Steviolglykoside.
Stevia als wirtschaftliche Alternative für Tabakanbauer
Die Pläne von Dr. Kienle berücksichtigen auch agrarpolitische Aspekte. Mit dem Wegfall der EU-Subventionen für den Tabakanbau ab 2014 müssen Landwirte im Mittelmeerraum auf andere Produkte umsteigen, die einen vergleichbar hohen Marktwert bieten. Stevia könnte diese Anforderung erfüllen.
Die Tabakpflanzer rund um das Mittelmeer müssen also zwangsläufig auf andere Produkte umsteigen, die einen ähnlich hohen Marktwert wie Tabak bringen. Stevia könne dieses Kriterium erfüllen und sei deshalb eine mögliche Alternative.
Um Landwirten eine verlässliche Grundlage für den Umstieg zu bieten, führt Dr. Kienle seit Jahren Feldversuche mit Stevia in verschiedenen europäischen Mittelmeerstaaten durch. Dabei werden Ernteerträge erfasst und deren Konstanz über die Jahre hinweg überprüft. Diese Forschung erfolgt in Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Tabakanbaukooperativen in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Der großflächige Anbau und die Produktion der kalorienarmen Natursüße auf Basis von Stevia rebaudiana sollen dort ab 2016 beginnen.
Gesundheitliche Unbedenklichkeit und Marktreife bis 2016
Für die Markteinführung eines neuen Lebensmittels in der EU sind hohe Sicherheitsstandards und der Nachweis der gesundheitlichen Unbedenklichkeit erforderlich.
Ich bin mir zwar absolut sicher, dass Stevia harmlos ist, aber es fehlt eben noch der endgültige Nachweis dafür.
Dieser Nachweis soll durch Laborversuche erbracht werden, bei denen Ratten in Bologna und Posen das naturbelassene Stevia-Süßungsmittel erhalten. Die Tiere werden anschließend auf Tumore untersucht und es wird geprüft, ob Stevia die Aufnahme von Vitaminen, Spurenelementen und anderen Mikronährstoffen hemmt. Erst wenn beides ausgeschlossen werden kann, gilt die Unbedenklichkeit als bewiesen. Das naturbelassene Süßungsmittel aus der Stevia-Pflanze soll bis 2016 marktreif sein.
Hintergrund: Forschungsprojekt Go4Stevia
Das Forschungsprojekt "Stevia rebaudiana as a diversification alternative for European Tobacco Farmers to strengthen the European Competitiveness", kurz Go4Stevia, startete im Februar 2013 und ist auf drei Jahre angelegt. Die Europäische Union fördert das Vorhaben mit rund 2,3 Millionen Euro. Projektkoordinator ist Prof. Dr. Thomas Jungbluth von der Universität Hohenheim. Beteiligt sind zudem Dr. Morando Soffritti vom Ramazzini-Institut in Bologna und Dr. Magdalena Czlapka-Matyasik von der Life Science Universität Posen.