Konjunkturelle Strömungen und Inflationsdruck in Deutschland
Der Erholungsprozess der deutschen Wirtschaft verzögert sich abermals. Das Konjunkturbild ist geprägt durch gegenläufige konjunkturelle Strömungen, die allesamt preistreibend wirken. Der Wegfall der Pandemiebeschränkungen sorgt für konjunkturellen Auftrieb. Dämpfend wirken die Nachwehen der Corona-Krise, weil Lieferketten immer noch unter Stress stehen. Die Schockwellen durch den Krieg in der Ukraine belasten die Konjunktur sowohl angebots- wie nachfrageseitig. Schon die staatlichen Hilfspakete während der Pandemie haben preistreibend gewirkt. Die Verteuerung wichtiger Energierohstoffe nach dem russischen Überfall fachen den Preisauftrieb weiter an.
Dies erläutert Stefan Kooths, Vizepräsident und Konjunkturchef des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel). Angesichts der Unsicherheiten bezüglich der Gaslieferungen aus Russland haben die Institute zwei Szenarien für die konjunkturelle Entwicklung erstellt.
Zwei Szenarien für die Wirtschaftsentwicklung
Das Basisszenario geht von fortgesetzten Gaslieferungen und keinen weiteren ökonomischen Eskalationen aus. Das Alternativszenario berücksichtigt einen sofortigen Stopp der russischen Gaslieferungen.
Im Basisszenario wird für 2022 ein BIP-Wachstum von 2,7 Prozent prognostiziert. Bei einem Lieferstopp würde das Wachstum auf 1,9 Prozent sinken. Im Herbstgutachten war noch ein Zuwachs von 4,8 Prozent angenommen worden. Die Revision ist auf den Ukrainekrieg und den ungünstigen Pandemieverlauf im Winterhalbjahr zurückzuführen. Für 2023 wird im Basisszenario ein Anstieg des BIP um 3,1 Prozent erwartet. Im Falle eines Lieferstopps würde das BIP um 2,2 Prozent sinken, während das Herbstgutachten noch ein Plus von 1,9 Prozent vorsah.
Ein Lieferstopp würde in den Jahren 2022 und 2023 zu einem kumulierten BIP-Verlust von rund 220 Milliarden Euro führen, was über 6,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.
Inflation und Arbeitsmarkt
Für das laufende Jahr prognostizieren die Institute eine Inflationsrate von 6,1 Prozent, den höchsten Wert seit 40 Jahren. Bei einem Lieferstopp für russische Energie könnte die Rate sogar 7,3 Prozent erreichen, was den höchsten Wert seit Bestehen der Bundesrepublik darstellen würde. Auch im kommenden Jahr wird die Rate mit 2,8 Prozent (Basisszenario) beziehungsweise 5,0 Prozent (Lieferstopp) deutlich über dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung liegen.
Die Arbeitslosenquote wird im Basisszenario für beide Prognosejahre bei 5,0 Prozent erwartet (nach 5,7 Prozent im Vorjahr). Im Falle eines Lieferstopps könnten die Raten 5,2 Prozent (2022) und 6,0 Prozent (2023) betragen. Belastungen für die Konjunktur würden in diesem Fall hauptsächlich durch reduzierte Arbeitszeiten aufgefangen.
Öffentliche Haushalte
Das Defizit der öffentlichen Haushalte verringert sich, da Pandemiehilfen auslaufen, die Staatseinnahmen durch den Aufschwung steigen und die Sondervermögen für Klimaschutz und Verteidigung voraussichtlich nur in geringem Umfang abfließen. Das Defizit wird auf 52,2 Milliarden Euro im laufenden Jahr und auf 27,9 Milliarden Euro im kommenden Jahr sinken.
Bei einem Lieferstopp wird für 2022 ein Defizit von über 76 Milliarden Euro (2,0 Prozent des BIP) und für 2023 von etwa 160 Milliarden Euro (4,1 Prozent des BIP) erwartet.
Wirtschaftspolitische Implikationen
Bei einem Stopp der Gaslieferungen droht der deutschen Wirtschaft eine scharfe Rezession. Wirtschaftspolitisch käme es dann darauf an, marktfähige Produktionsstrukturen zu stützen, ohne den Strukturwandel aufzuhalten. Dieser wird sich für die gasintensiven Industrien auch ohne Boykott beschleunigen, da die Abhängigkeit von den bislang günstig zu beziehenden russischen Lieferungen so oder so rasch überwunden werden soll. Auch die Hilfen für private Haushalte zum Abfedern hoher Energiepreise sollte die Politik nur sehr zielgerichtet dosieren. Werden solche Hilfen auf breiter Front ausgereicht, treibt das zusätzlich die Inflation und torpediert den wichtigen Lenkungseffekt höherer Energiepreise. Das verschärft wiederum die Probleme einkommensschwacher Haushalte und erhöht die gesamtwirtschaftlichen Kosten.
Diese Einschätzung teilt Kooths. Die Gemeinschaftsdiagnose wird vom DIW in Berlin, vom ifo Institut in München, vom IfW in Kiel, vom IWH in Halle und vom RWI in Essen erstellt.
