EU-Forschungsprojekt zur Diversifizierung des Anbaus
Die EU will bis 2013 rund 12.000 Betriebe dabei unterstützen, auf den Anbau von Pflanzen umzusteigen, die der menschlichen Gesundheit dienen. Dr. Kienle weist auf die Schwierigkeit hin, dass viele Betriebe nur wenig Anbaufläche besitzen und daher Produkte benötigen, die einen ähnlich hohen Marktwert wie Tabak erzielen. Eine mögliche Alternative ist der Anbau der Süßpflanze Stevia. Dr. Kienle beteiligt sich zusammen mit anderen europäischen Wissenschaftlern am EU-Forschungsprojekt „Diversification for tobacco growing farms by the alternative crop stevia rebaudiana bertoni“ (DIVAS).
Das Projekt zielt darauf ab, Anbaubedingungen und Marktpotenzial von Stevia zu testen und Tabakbauern auf eine mögliche Umstellung vorzubereiten. Für den Zeitraum von 2009 bis 2011 stellt die EU insgesamt 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, davon 360.000 Euro für die Universität Hohenheim. Die Forscher der Universität Hohenheim waren bereits an der vorhergehenden EU-Studie DIVTOB beteiligt, bei der 30.000 südeuropäische Tabakbetriebe zu ihren Perspektiven befragt wurden. Aufgrund der schwierigen Situation für die Tabakbetriebe befasste sich das EU-Parlament am 19. Mai 2008 erneut mit der Tabakreform.
Ursprünglich sollten die Zahlungen bereits ab 2010 schrittweise abgebaut werden.
Das hätte praktisch alle Betriebe direkt in den Ruin getrieben. Deshalb fordert der EU Agrarausschuss eine Verlängerung bis 2012. Die vergleichsweise lange Frist bis 2012 deckt sich mit unseren Empfehlungen.erklärt Dr. Kienle. Er betont, dass Tabakanbauer sich jetzt definitiv nach anderen Einnahmequellen umsehen müssen.
Stevia als kostengünstige Alternative für Landwirte
Dr. Kienle beschreibt Stevia als Pflanze mit großer Süßkraft, kalorienarm, gut geeignet für Diabetiker und eine natürliche Alternative zu künstlichen Süßstoffen. Bislang ist Stevia auf dem europäischen Markt noch nicht zugelassen, was sich jedoch ändern könnte.
In Japan und den USA gibt es bereits gute Erfahrungen mit Stevia. Nach langer Prüfung erklärte jetzt auch die EU-Lebensmittelbehörde den neuen Süßstoff als unbedenklich.Weitere Alternativen sieht Dr. Kienle im Bioanbau von Gemüse, was jedoch eine langjährige Umstellungszeit erfordert. Flächenunabhängige Produktionszweige wie Aquakultur und Gewächshäuser bieten ebenfalls Möglichkeiten, sind aber mit hohen Investitionskosten von bis zu 400.000 Euro pro Betrieb verbunden.
Die Umstellung auf den Stevia-Anbau stellt die kostengünstigste Maßnahme dar und erfordert vom Einzelbetrieb praktisch keine Zusatzinvestitionen. Forschungsprojekte in Griechenland, Italien und Spanien, teilweise vom EU-Tabakfonds finanziert, haben gute Erträge erzielt. Das DIVAS-Projekt baut auf einem früheren EU-Forschungsprojekt auf, das die Mechanisierung der Stevia-Pflanze für den europäischen Anbau entwickelt hat. Die EU-Kommission hat in den letzten zehn Jahren über verschiedene Fördertöpfe rund 2,8 Millionen Euro in die Entwicklung von Stevia rebaudiana als künftige europäische Nutzpflanze investiert.
Dr. Kienle erwartet größere Probleme in anderen EU-Ländern als in Deutschland.
Von dem Subventionsstopp sind insbesondere die südlichen Länder Europas betroffen. Sie sind abhängiger vom Tabakanbau als Landwirte in Deutschland und haben geringere finanzielle Mittel für eine Umstellung auf andere Produkte zur Verfügung. Für manche Regionen in Südeuropa ist die Abkehr vom Tabakanbau ohne wirtschaftliche Alternative ein sehr großes soziales Problem.
Hintergrundinformationen und Zahlen zum Tabakanbau in der EU
Die EU gab europaweit jährlich eine Milliarde Euro für den Tabakanbau aus. Im Jahr 2005 gab es in der EU-15 noch 69.510 Tabakbetriebe, heute sind es etwa 28.704. Durch die EU-Erweiterung kamen weitere 52.745 Betriebe hinzu, die keine entsprechende Tabakstützung erhalten. In Deutschland bauten 2009 noch 359 Betriebe Tabak an, mit 3.094 Hektar Anbaufläche und einem Umsatz von rund 37 Millionen Euro. Die Hälfte des Tabakanbaus konzentriert sich auf Baden-Württemberg. Im Jahr 2010 müssen über 100 Betriebe den Tabakanbau einstellen.
Die Tabakproduktion der EU-27 betrug 2007 etwa 250.000 Tonnen, was rund 4 % der Weltproduktion entspricht. Im Jahr 2004 verabschiedete der Europäische Rat die Tabakreform, die eine schrittweise Absenkung der Stützungszahlungen für Tabakanbauer vorsieht. In der ersten Phase von 2006 bis 2009 wurden die Zahlungen teilweise von der Tabakproduktion entkoppelt. Ab 2010 (zweite Phase bis 2013) sollen nur noch vollständig von der Tabakproduktion entkoppelte Beihilfen gezahlt werden. Von 2011 bis 2013 werden jährlich 484 Millionen Euro in den Programmen zur ländlichen Entwicklung bereitgestellt.
