Entwicklung der Fallzahlen und geografische Ausbreitung der FSME
Im Jahr 2023 sank die Zahl der in Deutschland gemeldeten FSME-Fälle auf 527, nach 627 im Vorjahr. Baden-Württemberg verzeichnete 143 Fälle (2022: 209) und Bayern 265 Fälle (2022: 291). Trotz dieser Reduktion betonen Fachleute, dass dies eine Momentaufnahme sei und der längerfristige Trend nach oben zeige.
Diese Zahlen täuschen. Infektionszahlen unterliegen immer jährlichen Schwankungen. Doch der längerfristige Trend zeigt deutlich nach oben.
erklärt Dr. Rainer Oehme, Laborleiter des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg. Während 85 Prozent der FSME-Fälle weiterhin in Süddeutschland auftreten, ist auch nördlich der Mittelgebirge ein Anstieg zu beobachten. Regionen wie Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen verzeichnen zunehmend höhere Fallzahlen.
Veränderte Zeckenaktivität und Frequenz von Epidemie-Jahren
Die Zeckenaktivität beginnt laut Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim, immer früher im Jahr. Erste Infektionen werden bereits im Winter festgestellt, was darauf hindeutet, dass Zecken keine Winterpause mehr einlegen.
Auch in diesem Jahr gibt es bereits erste Fälle in Baden-Württemberg und Bayern. Bei einem Vorlauf von vier Wochen bis zur Diagnose muss die Infektion mitten im Winter stattgefunden haben. Zecken haben also keine Winterpause mehr, das FSME-Geschehen verlagert sich nach vorne.
Zudem hat sich die Frequenz von Jahren mit besonders hohen FSME-Zahlen verkürzt. Statt des früheren Dreijahresrhythmus in Baden-Württemberg wird seit etwa 2017 ein zweijähriger Rhythmus beobachtet. Dies lässt für den Südwesten im aktuellen Jahr hohe FSME-Zahlen erwarten.
Zunehmende Naturherde und hohe Dunkelziffer bei FSME-Infektionen
Die Forschenden identifizieren eine steigende Anzahl von sogenannten Naturherden – räumlich begrenzte Gebiete mit einer hohen Dichte an FSME-positiven Zecken. Im Kreis Ravensburg beispielsweise stieg die Zahl der Naturherde von acht im Jahr 2007 auf 25 im Jahr 2023. Diese infizierten Zecken werden unter anderem aus Tschechien, Polen und der Schweiz eingeschleppt.
Neue Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Gerhard Dobler, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors FSME, zeigen zudem eine hohe Dunkelziffer bei FSME-Infektionen. Durch die Untersuchung von Blutproben konnte er feststellen, dass das Risiko einer FSME-Infektion in bestimmten Gebieten siebenmal höher ist als bisher angenommen.
Wenn man die nicht erkannten Infektionen einbezieht, ist das Risiko einer FSME-Infektion in dem Kreis um ein siebenfaches höher als bisher angenommen. Das Infektionsgeschehen ist also sehr hoch, auch wenn eine Infektion nicht immer zur Erkrankung führt.
Bedeutung der Impfung gegen FSME
Angesichts dieser Entwicklungen wird die FSME-Impfung als immer wichtiger erachtet. Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts (RKI) weist darauf hin, dass schwere Infektionen Langzeitfolgen wie Konzentrationsschwierigkeiten oder Gleichgewichtsprobleme verursachen können.
Die Empfehlung lautet: Drei Impfungen zur Grundimmunisierung und eine Auffrischimpfung alle fünf Jahre, ab dem 60. Lebensjahr alle drei Jahre. Dies gilt auch für Personen außerhalb bekannter Risikogebiete, da FSME-Fälle dort ebenfalls auftreten können und Reisen in Risikogebiete das Expositionsrisiko erhöhen.
Besonders betont wird die Impfung von Kindern, da auch bei ihnen schwere Verläufe bis hin zur künstlichen Beatmung möglich sind.
Hintergrundinformationen zu FSME-Erregern und Krankheitsverlauf
FSME-Erreger werden hauptsächlich durch den Europäischen Holzbock und die Auwaldzecke übertragen. In Risikogebieten liegt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion nach einem Zeckenstich bei 1:50 bis 1:100. Etwa zehn Tage nach dem Stich treten grippeähnliche Symptome auf. Bei rund einem Drittel der Patienten folgt nach einer vorübergehenden Besserung eine zweite Krankheitsphase mit Fieberanstieg.
Leichte Verläufe äußern sich oft durch starke Kopfschmerzen. Bei schwereren Verläufen können Gehirn und Rückenmark betroffen sein, was zu Koordinationsstörungen, Lähmungen, Sprachstörungen und epileptischen Anfällen führen kann. Die Krankheit endet für etwa ein Prozent der Patienten tödlich. Eine kausale Therapie ist nach Ausbruch der Krankheit nicht möglich; es können lediglich die Symptome behandelt werden. Eine Impfung bietet Schutz vor der Erkrankung.
