Naturschutz

Auenzustandsbericht 2021: Dringender Handlungsbedarf bei Flussauen in Deutschland

Der aktuelle Auenzustandsbericht 2021 zeigt weiterhin einen kritischen Zustand der Flussauen in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Auen ist stark verändert, und zwei Drittel der Flächen stehen bei Hochwasser nicht mehr als natürliche Überschwemmungsflächen zur Verfügung, was dringenden Handlungsbedarf signalisiert.

Kritischer Zustand der Flussauen in Deutschland

Der aktuelle Auenzustandsbericht 2021 offenbart weiterhin einen kritischen Zustand der Flussauen in Deutschland. Obwohl sich die Situation in den letzten zehn Jahren nicht gravierend verschlechtert hat, sind mehr als die Hälfte der Auen durch Flussbegradigungen, Deichbau und intensive Flächennutzung stark verändert. Zwei Drittel der Flussauen stehen bei Hochwasserereignissen nicht mehr als natürliche Überschwemmungsflächen zur Verfügung.

Die Ergebnisse des Berichts wurden von Bundesumweltministerin Svenja Schulze und Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, vorgestellt. Der zweite Auenzustandsbericht seit 2009 dokumentiert den Zustand der Auen an Deutschlands Flüssen, den Verlust von Überschwemmungsflächen und den Fortschritt der Auenrenaturierung.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: „Der Auenzustandsbericht zeigt, wie dringend es ist, Auen zu renaturieren und den Flüssen wieder mehr Raum zu geben. Den Paradigmenwechsel haben wir mit dem Bundesprogramm Blaues Band Deutschland bereits eingeleitet, mit dem entlang der Bundeswasserstraßen und ihrer Auen ein Biotopverbund entwickelt werden soll. Hier werden wir zukünftig mit dem Förderprogramm Auen mehr und vor allem großflächige Renaturierungsprojekte an Flüssen und in deren Auen fördern. Auen sind wahre Alleskönner für den Umweltschutz. Insofern ist naturnahe Auenentwicklung Hochwasserschutz, Naturschutz und Klimaschutz zugleich. Damit leisten wir langfristig einen wichtigen Beitrag zum vorsorgenden Hochwasserschutz und zur Anpassung an den Klimawandel.“

Erfolge und ungenutztes Potenzial der Auenrenaturierung

Seit dem ersten Auenzustandsbericht konnten rund 4.200 Hektar überflutbarer Auenflächen zurückgewonnen werden. Ein Beispiel hierfür ist die Deichrückverlegung an der Elbe im Lödderitzer Forst, die allein 600 Hektar umfasste. Diese lokalen und regionalen Erfolge zeigen, dass sich verstärkte Anstrengungen zur Renaturierung positiv auf Natur und Hochwasserschutz auswirken.

Trotz dieser Fortschritte ist das bundesweite Potenzial für die Wiederanbindung von Auenflächen nur zu einem kleinen Teil ausgeschöpft. Eine umfassende Trendwende erfordert großflächige Maßnahmen. Der Bericht von 2021 zeigt ein kaum verändertes Bild im Vergleich zu 2009: Ein Großteil der Auen in Deutschland kann seine ökologischen Funktionen aufgrund starker Veränderungen nur unzureichend erfüllen.

Prof. Dr. Beate Jessel: „Naturnahe Flussauen sind in ihrer Bedeutung für die biologische Vielfalt so etwas wie eine ‚moderne Arche Noah‘. Der Bericht zeigt, dass sich verstärkte Anstrengungen zur Renaturierung von Flüssen lohnen: Lokal und regional sind deutliche Erfolge für die Natur und den Hochwasserschutz zu verzeichnen. Aber das bundesweite Potenzial für die Wiederanbindung von Auenflächen ist erst zu einem kleinen Teil ausgeschöpft. Eine Trendwende kann nur mithilfe großflächiger, umfassender Maßnahmen erreicht werden.“

Intensive Nutzung und ökologische Defizite

Etwa ein Drittel der überflutbaren Auenflächen wird heute als Ackerland, Siedlungs-, Verkehrs- oder Gewerbefläche genutzt. Artenreiche Wiesen, Feuchtgebiete und Auenwälder sind selten geworden. Lediglich 9 Prozent der Auen sind ökologisch weitgehend intakt. Viele Flüsse sind begradigt und verbaut, wodurch die Verbindung zu ihren Auen weitgehend verloren gegangen ist. An Rhein, Elbe, Oder und Donau sind mehr als zwei Drittel der ehemaligen Auen durch Deiche vom Fluss abgetrennt. Dies erhöht durch den Klimawandel die Gefahr, dass vermehrte Hochwasser große wirtschaftliche Schäden verursachen.

Ein Großteil der bisherigen Auenrenaturierungen wurde durch das Bundesumweltministerium gefördert, beispielsweise über das Programm "chance.natur – Bundesförderung Naturschutz". Seit 2019 werden zudem Projekte an Bundeswasserstraßen im Rahmen des Förderprogramms Auen unterstützt.

Herausforderungen und langfristige Perspektiven

Das Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt, die natürliche Überflutungsfläche an Flüssen um 10 Prozent zu vergrößern, wird weiterhin deutlich verfehlt. Die Entwicklung naturnaher Auen ist aufgrund langer Planungs- und Umsetzungszeiten eine Generationenaufgabe und eine Investition in die Zukunft. Auenrenaturierungen bieten nicht nur Vorteile für die biologische Vielfalt, sondern auch für die Gesellschaft durch verbesserten Hochwasserschutz, sauberes Trinkwasser sowie den Freizeit- und Erholungswert naturnaher Flusslandschaften. Der Auenzustandsbericht dient als Informationsquelle und Entscheidungsgrundlage zur Förderung des Auenschutzes auf Bundes- und Länderebene.

Die Ergebnisse des Berichts basieren auf der Untersuchung der Auen von 79 großen Flüssen mit einer Gesamtlänge von 10.297 Flusskilometern. Das Untersuchungsgebiet umfasst eine Gesamtfläche von 16.185 Quadratkilometern, was 4,5 Prozent der Fläche Deutschlands entspricht. Die Bewertung des Auenzustands berücksichtigt das Ausmaß der Veränderungen, die Nutzungsintensität und die Biotopstruktur der noch überflutbaren Flussauen sowie den Auenverlust. Maßstab ist der potenziell natürliche Auenzustand, der sich in einer nutzungsfreien Flusslandschaft einstellen würde.

Im Zeitraum von 1983 bis 2020 konnte ein Zugewinn von 7.100 Hektar überflutbarer Auen verzeichnet werden, wovon rund 3.000 Hektar durch Förderungen des Bundesumweltministeriums realisiert wurden. Dies entspricht einer Vergrößerung der überflutbaren Flussauen um etwa 1,5 Prozent. Trotz dieser Erfolge ist das bundesweite Potenzial zur Wiederanbindung von Auenflächen, das mehrere Zehntausend Hektar umfasst, bislang nur zu einem geringen Teil ausgeschöpft.

Aufgrund der großen Verluste in der Vergangenheit können bei Hochwasserereignissen nach wie vor nur etwa ein Drittel der ehemaligen Überschwemmungsflächen (morphologische Aue) an Flüssen überflutet werden. Zwei Drittel der Altauen stehen bei Hochwasser nicht mehr als Überschwemmungsflächen zur Verfügung.

Die bundesweite Auenzustandsbewertung 2021 zeigt, dass knapp 1 Prozent der rezenten (überflutbaren) Flussauen sehr gering und 8 Prozent gering verändert sind, wodurch sie noch weitgehend ökologisch funktionsfähig sind. 33 Prozent der Flussauen werden der Auenzustandsklasse 3 (deutlich verändert) zugeordnet; sie besitzen noch "Auencharakter" und Überflutungspotenzial, das jedoch durch Gewässerausbau eingeschränkt ist. Das Vorherrschen der Auenzustandsklassen 4 (stark verändert) und 5 (sehr stark verändert) mit 32 Prozent bzw. 26 Prozent spiegelt die intensive Nutzung der Flusslandschaften wider. Erhebliche Veränderungen des Auenzustands sind weiterhin festzustellen, die aufgrund der historisch gewachsenen Situation der Auen als Zentren der Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung an Flüssen nur teilweise reversibel sind.

Die Forschungsarbeiten für den Auenzustandsbericht wurden vom Bundesamt für Naturschutz beauftragt und von der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft sowie dem Planungsbüro Koenzen, Hilden, durchgeführt.

25.03.2021

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