Allgemeines

Wissenschaftliche Impulse für zukunftsfähige Agrarsysteme

Wissenschaftler kommentieren das Abschlusskommuniqué der 13. Berliner Agrarministerkonferenz. Ihre Stellungnahmen beleuchten intersektorale Zusammenarbeit, urbane Ernährungssysteme und kreislaufbasierte Landwirtschaft und bieten Anregungen für die Weiterentwicklung von Agrarsystemen.

Hier soll eine Demonstrationsanlage entstehen: Klärwerk Emschermündung an der Stadtgrenze zwischen Dinslaken, Oberhausen und Duisburg. (© EGLV Rupert Oberhäuser)

Anregungen für nachhaltige Agrarsysteme

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen haben das Abschlusskommuniqué der 13. Berliner Agrarministerkonferenz (GFFA) kommentiert. Ihre Stellungnahmen beleuchten die intersektorale Zusammenarbeit, urbane Ernährungssysteme und die kreislaufbasierte Landwirtschaft und bieten Anregungen für die Weiterentwicklung von Agrarsystemen.

Die 13. Berliner Agrarministerkonferenz versammelte am 22. Januar 2021 Landwirtschaftsminister aus 76 Ländern. Gemeinsam mit Experten aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft wurde diskutiert, wie die Landwirtschaft angesichts von Pandemien und Klimawandel eine sichere, nachhaltige und ausgewogene Ernährung der Menschheit gewährleisten kann. Das resultierende Abschlusskommuniqué befasst sich unter anderem mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Lebensmittel- und Agrarsektor, dem Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel. Ein weiterer Fokus liegt auf Klimaschutzmaßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Wissenschaftler des Projekts SUSKULT begrüßen die im GFFA-Kommuniqué formulierten Ziele. Gleichzeitig weisen sie auf weitere Handlungsbedarfe und Optionen für die Gestaltung nachhaltiger Agrarsysteme hin.

Urbane Landwirtschaft als Schlüsselfaktor

Prognosen zufolge werden bis 2050 etwa 66 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Dies stellt eine erhebliche Herausforderung für die nachhaltige Lebensmittelversorgung dar. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die urbane Landwirtschaft eine zentrale Rolle für die stabile Nahrungsversorgung von Städten spielen wird.

Aus der Perspektive der Verbraucher*innen spielen zudem bereits heute neue Werte wie Vertrauen und Nähe, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Fairness eine immer größere Rolle.

erklärt Volkmar Keuter, Leiter der Abteilung Umwelt und Ressourcennutzung am Fraunhofer UMSICHT und Koordinator des Forschungsprojekts SUSKULT.

Die Autoren des Statements befürworten den Ansatz des GFFA zur effizienten Nährstoffnutzung in der Agrarwirtschaft. Sie betonen zudem das Potenzial der Wasserwiederverwendung und Nährstoffrückgewinnung aus Abwasser für eine kreislaufbasierte landwirtschaftliche Produktion.

Phosphor ist eine endliche Ressource, die Herstellung von Stickstoffdünger ist sehr energieintensiv. Vor diesem Hintergrund gilt es, Verfahren der Nährstoffrückgewinnung aus Abwasser zu stärken.

führt Volkmar Keuter aus.

Das GFFA-Abschlusskommuniqué unterstreicht die Notwendigkeit, Investitionen in ländliche Regionen und Infrastrukturen fortzuführen und zu verstärken. Die Wissenschaftler halten dies für zielführend, weisen jedoch darauf hin, dass die Potenziale der urbanen Landwirtschaft noch nicht ausreichend ausgeschöpft werden. Sie verweisen auf die Ergebnisse des 8. Berliner Agrarministergipfels von 2016, die eine intensive Förderung sowohl ländlicher als auch urbaner Lebensmittelproduktion fordern. Als positives Beispiel wird der City Region Food Systems (CRFS)-Ansatz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) genannt. CRFS ermöglicht die Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Kontextbedingungen und ebnet den Weg für nachhaltige, kreislaufbasierte urbane Ernährungssysteme.

Projekte in Pilotstädten wie Toronto, Utrecht oder Quito zeigen bereits heute, wie dichtbesiedelte Metropolregionen urbane Produktionssysteme erfolgreich einsetzen.

so Volkmar Keuter.

Intensivierung der intersektoralen Zusammenarbeit

Ein weiterer Standpunkt der Autoren betrifft die Intensivierung der intersektoralen Zusammenarbeit. Sie gehen davon aus, dass die Verknüpfung verschiedener Wirtschaftszweige zukünftig eine größere Bedeutung für die Lebensmittel- und Agrarbranche haben wird.

Des Weiteren müsse die interministerielle Zusammenarbeit insbesondere vor dem Hintergrund der komplexen und Sektoren verknüpfenden Herausforderungen noch weiter intensiviert werden.

ergänzt Dr. Sandra Schwindenhammer, Postdoktorandin am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und stellvertretende Koordinatorin von SUSKULT.

Das Projekt SUSKULT

SUSKULT ist ein innovatives Nahrungsmittelproduktionssystem, das auf Hydroponik basiert. Pflanzen werden dabei in einer Indoor-Kultivierung erdelos mit mineralischen Nährstofflösungen versorgt. Dieses System ermöglicht eine präzise Steuerung der Wasser- und Nährstoffzufuhr für gartenbauliche Kulturen. Die benötigten Ressourcen wie Kohlenstoffdioxid, Phosphor, Kalium, Stickstoff, Wärme und Wasser bezieht SUSKULT aus einer Kläranlage. Ein interdisziplinäres Konsortium entwickelt ein Bausteinsystem zur Anbindung der agrarwirtschaftlichen Produktion an Kläranlagen, um regional angebautes, qualitativ hochwertiges Gemüse zu erzeugen. Neben den technischen Herausforderungen berücksichtigt das Forschungsprojekt auch Gemeinwohlziele, indem es das öffentliche Interesse und die Beteiligungsmöglichkeiten von Bürgern einbezieht. Transparenz und Kontrollmechanismen politischer Prozesse sind ebenfalls von Bedeutung.

Die Autoren des Statements

  • Dipl.-Ing. Volkmar Keuter leitet die Abteilung Umwelt und Ressourcennutzung am Fraunhofer-Institut UMSICHT in Oberhausen und koordiniert das Forschungsprojekt SUSKULT.
  • Dr. rer. pol. Sandra Schwindenhammer ist Postdoktorandin am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, stellvertretende Koordinatorin von SUSKULT und leitet das Teilprojekt 4 „Umfeld- und Systemanalyse“. Sie ist zudem Sprecherin des Arbeitskreises Umweltpolitik und Global Change der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft.
  • Prof. Dr.-Ing. Heidrun Steinmetz leitet das Fachgebiet Ressourceneffiziente Abwasserbehandlung der TU Kaiserslautern und im Forschungsprojekt SUSKULT das Teilprojekt 1 „NEWtrient®-Center“.
  • Prof. Dr. Dipl.-Ing. agr. Andreas Ulbrich hat die Professur für Gemüsebau und -verarbeitung an der Hochschule Osnabrück inne und leitet im Forschungsprojekt SUSKULT das Teilprojekt 3 „Nahrungsmittelproduktion“.

25.03.2021

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