Ein lebendiges Bauwerk im Wandel
Ein Jahr nach seiner Fertigstellung hat sich ein Turm aus lebenden Bäumen, errichtet von der Forschungsgruppe Baubotanik des Instituts Grundlagen Moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) der Universität Stuttgart, signifikant entwickelt und weitere Initiativen angestoßen.
Das Bauwerk wird am 28. Juli um 14.00 Uhr als „Ausgewählter Ort 2010“ im Rahmen des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Die Ehrung erfolgt für die Verbindung von Architektur und nachhaltigem Bauen. Die Preisverleihung findet am Standort des Turmes auf dem Gelände des Projekts „Neue Kunst am Ried“ in Wald-Ruhestetten statt. Dort kann auch ein bereits 2005 realisierter baubotanischer Steg besichtigt werden.
Anfänglich war die Absicht, ein lebendes Bauwerk aus Bäumen zu schaffen, kaum sichtbar. Mittlerweile hat sich die anfänglich technisch wirkende Struktur durch den vitalen Austrieb der verwendeten Weiden in ein Pflanzengebilde verwandelt. Die sich im Wind bewegenden Zweige und Blätter bilden grüne Wände, die im Inneren ein kühles Mikroklima erzeugen. Das visuell dominierende Stahlgerüst und die Pflanzcontainer sind inzwischen erst auf den zweiten Blick erkennbar.
Das Wachstum der Pflanzen zeigt sich nicht nur in der Gesamterscheinung, sondern auch in den Details. Die über 300 Einzelpflanzen des Turms wurden mittels Edelstahlschrauben so verbunden, dass sie miteinander verwachsen. Dieses Verfahren hat sich in Tests als praxistauglich erwiesen. Am Turm ist erkennbar, wie die Pflanzen verwachsen sind und die Rinden- und Holzgewebe an den Verbindungsstellen fusionieren. Die aus einzelnen Pflanzen gebildete Struktur entwickelt sich zu einem einzigen Organismus.
Das Wachstum lässt sich nicht präzise planen oder im Detail vorhersagen. So ist beispielsweise nicht genau prognostizierbar, wie lange die Pflanzen benötigen, um die Bauwerkslasten ohne das temporäre Gerüst tragen zu können. Die Architekten sehen in dem von zufälligen Ereignissen wie dem Wetter geprägten Entstehungsprozess gestalterische Potenziale.
Jedes baubotanische Bauwerk passt sich wie ein natürlich wachsender Baum an die Bedingungen seines Standorts an. Dadurch gewinnt es eine unverwechselbare Gestalt, die sich im Wechsel der Jahreszeiten immer wieder verändert.
Dies erklärt Projektleiter Ferdinand Ludwig.
Neue Projekte und Entwicklungen
Die gestalterischen Möglichkeiten und innovativen Potenziale überzeugten die Landesgartenschau Nagold 2012 GmbH, die Planung eines baubotanischen Projekts in Auftrag zu geben. Im kommenden Jahr soll ein zehn Meter hoher „Platanenkubus“ mit einer Grundfläche von rund 100 Quadratmetern und drei begehbaren Galerien realisiert werden. Eine weitere Entwicklung, die auf den Turm zurückgeht, ist die Patententwicklung „Baumwand“. Diese wurde von der Forschungsgruppe Baubotanik im Auftrag der Firma Helix Pflanzensysteme im Jahr 2009 durchgeführt.
Bei dieser Entwicklung steht die technische Innovation der Pflanzenaddition im Vordergrund, um Bauwerke wie Lärmschutzwände als grüne Bauwerke mit einer im Laufe der Zeit wachsenden Baumkrone zu realisieren. Der baubotanische Turm entstand im Rahmen der Promotion von Ferdinand Ludwig bei Prof. Gerd de Bruyn (IGMA, Universität Stuttgart) und Prof. Dr. Thomas Speck (Plant Biomechanics Group Freiburg, Universität Freiburg) in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Cornelius Hackenbracht (Neue Kunst am Ried, Wald-Ruhestetten).
Das Projekt wurde von der Bundesstiftung Umwelt, Fachbetrieben, Ingenieurbüros und weiteren Sponsoren unterstützt.
