Neue Impulse für die Friedhofskultur
Die Friedhofskultur in Deutschland wandelt sich spürbar. Neben klassischen Familien- und Reihengräbern entstehen zunehmend Themen- und Gemeinschaftsgrabfelder, die Menschen mit ähnlichen Lebensgeschichten, Interessen oder Schicksalen zusammenführen. Für Betriebe im Garten- & Landschaftsbau eröffnen sich damit neue gestalterische und pflegerische Aufgabenfelder. Beispiele aus Frankfurt, Aachen, Hamburg und Berlin zeigen, wie vielfältig diese Entwicklungen sind.
„Ein Hauch von Leben“ in Frankfurt
Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof befindet sich das Gemeinschaftsgrabfeld für Föten mit dem Namen „Ein Hauch von Leben“. Ein Kaleidoskop aus Blumen, Spielzeug, Fotografien und gemalten Bildern prägt das Feld. Die Grundbepflanzung ist in Form von Wolken und einer Sternschnuppe gestaltet, kombiniert mit Buchs, Waldsteinia und verschiedenen Stauden.
"Das Motiv der Wolken gefiel uns deshalb so gut, weil wir mittels eines solchen himmlischen Motivs die Erlösung aus dem bitteren Schicksal der Föten symbolhaft darstellen wollten. Zudem drückt dieses Motiv eine Leichtigkeit und Schwerelosigkeit aus, die zum Motto des Themenfeldes sehr gut passt."
Lokale Selbsthilfegruppen hatten lange darauf aufmerksam gemacht, dass tote Föten häufig anonym entsorgt wurden. Die Frankfurter Friedhofsgärtner reagierten und richteten das Grabfeld auf eigene Kosten ein. Die Genossenschaft übernahm einen Dauergrabpflegevertrag und sorgt seither für die kontinuierliche professionelle Pflege.
Gestalterische Verantwortung in Aachen
Auch auf dem Aachener Westfriedhof besteht ein Grabfeld für Frühchen. Die Pflegekosten tragen ebenfalls die dortigen Friedhofsgärtner. Waldsteinia als Bodendecker sowie saisonal wechselnde Bepflanzungen mit Primeln, Hyazinthen und Narzissen im Spätfrühling schaffen einen würdevollen Rahmen um die Stelen mit den Namen der Kinder.
"Bei dem Themenfeld muss man eine Gestaltung und eine Bepflanzung wählen, die einerseits den Sinn des Grabes bestmöglich zum Ausdruck bringt, andererseits auch die diversen Wünsche der Eltern so gut es geht berücksichtigt. Hier eine Synthese zu finden ist mindestens eine solche Herausforderung wie die Gestaltung eines individuellen Grabes."
Damit wird deutlich, dass Themenfelder hohe gestalterische Sensibilität verlangen. Sie verbinden kollektives Gedenken mit individuellen Bedürfnissen – eine Aufgabe, die handwerkliches Können und Einfühlungsvermögen gleichermaßen fordert.
Clan-Friedhöfe und identitätsstiftende Orte
Der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg steht exemplarisch für die Vielfalt moderner Gruppengräber. Vom Schmetterlingsgarten über Grabfelder religiöser Gemeinschaften bis hin zum „Garten der Frauen“ reichen die Konzepte. Solche Anlagen werden als identitätsstiftende Gruppengräber oder „Clan-Friedhöfe“ bezeichnet.
Der „Garten der Frauen“ erinnert an Hamburgerinnen aus Politik, Kultur und Gesellschaft, deren ursprüngliche Grabstätten aufgegeben wurden. Ihre Grabsteine werden hierher versetzt, um das Andenken zu bewahren. Frauen können dort Grabstellen erwerben und werden zugleich Mäzeninnen des seit 2001 bestehenden Projekts, getragen von Verbände & Organisationen wie dem gleichnamigen Verein.
"Hiermit folgen wir dem Prinzip der jahrhundertealten Tradition der Genossenschaftsgrabanlagen. So kommt der Verein neben der Pflege auch für die Grabpflege auf."
Von der Aids-Bewegung zu Patenschaftsmodellen
Als Ausgangspunkt moderner Gruppengräber gilt die Aids-Bewegung der 1980er-Jahre. In Hamburg entstanden mit den Memento I bis III Gräbern erste entsprechende Anlagen. Auch in Berlin wurden Grabfelder für Aidstote eingerichtet, etwa auf dem Matthäusfriedhof.
Dort ermöglicht ein Patenschaftsmodell den Erhalt historischer Grabstätten. Der Verein "Denk mal positHIV"" erstand so das Grab des 1900 verstorbenen Unternehmers Adalbert Streichenberg. Seit der Übernahme entwickelte sich das ehemalige Industriellengrab zu einem zentralen Erinnerungsort der Schwulenbewegung.
Diese Beispiele zeigen, wie stark Idealismus und bürgerschaftliches Engagement die heutige Friedhofskultur prägen. Themen- und Gemeinschaftsgrabfelder schaffen Orte des Zusammenhalts in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft.
"Die Grabfelder derjenigen, die helfen, die Gesellschaft durch ihren Idealismus und ihre Taten direkt oder indirekt weiterzubringen, sind eine Bereicherung unserer Friedhofskultur. Diesem Idealismus möchten wir Friedhofsgärtner durch unsere gärtnerische Gestaltung den verdienten Respekt entgegenbringen."