Die Zukunft der Friedhöfe und individuelle Grabgestaltung
Der Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur (VFFK) beleuchtet in einer Artikelreihe die Zukunft der Friedhöfe. Die erste Ausgabe widmet sich der individuellen Grabgestaltung, einem Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Der Wunsch nach Individualität prägt auch die Gestaltung von Grabstätten. Viele Menschen möchten Gräber so gestalten, dass sie den persönlichen Geschmack und das Leben des Verstorbenen widerspiegeln. Dies kann mitunter zu Gestaltungen führen, die von Dritten als „überzogen“ oder „geschmacklos“ empfunden werden. Gleichzeitig sind Friedhofsverwaltungen und Planer bestrebt, eine durchgängige ästhetische Konzeption zu wahren, um Friedhöfe als Orte der Ruhe und Erholung attraktiv zu gestalten. Hier treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander.
Die Sicht des Planers auf individuelle Grabgestaltung
Werner Nohl, Landschaftsarchitekt und Honorarprofessor an der TU München, äußert sich zur Bedeutung individueller Grabgestaltung aus planerischer Sicht. Er betont, dass der Friedhof als kulturelle Einrichtung nur dann Bestand haben kann, wenn seine Gestaltung die Ansprüche und Bedürfnisse der Nutzer, insbesondere der Angehörigen, berücksichtigt. Der Landschaftsarchitekt, dessen Arbeit auf die funktionalen und gestalterischen Zusammenhänge des Friedhofs ausgerichtet ist, müsse dies beachten. Für mögliche „Auswüchse“ in der individuellen Grabgestaltung sei die Friedhofsverwaltung zuständig.
Definition von „Auswüchsen“
Nohl definiert „Auswüchse“ in der individuellen Grabgestaltung. Aus kultureller Sicht diene die individuelle Gestaltung der wiederauffindbaren Verortung der Verstorbenen. Das Wiedererkennen erfordere Differenz und damit eine individuelle Ausgestaltung der Grabstelle. Er kritisiert, dass kulturelle Tatbestände oft durch den alltäglichen Gebrauch verwässert und sinnlos gemacht werden. Die Grabgestaltung werde dann nicht selten in Repräsentationsgehabe umgemünzt und verliere ihre eigentliche Aufgabe des psychisch notwendigen Wiedererkennens.
Entscheidung über den Grad des Individualismus
Bei stark unterschiedlichen Vorstellungen zur individuellen Grabgestaltung sollte laut Nohl nicht primär die Friedhofssatzung maßgeblich sein. Stattdessen sollten Gespräche zwischen den beteiligten Parteien eine Konsenslösung ermöglichen. Hierfür sei ein Beirat aus Laien und Entwurfsfachleuten innerhalb der Friedhofsverwaltung denkbar, der auch weitere Aufgaben auf dem Friedhof übernehmen könnte.
Position des VFFK
Der Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur (VFFK) spricht sich für mehr Freiheit und Individualität auf dem Friedhof aus. Gräber seien Orte der Erinnerung und für Hinterbliebene in ihrer Trauer von großer Bedeutung. Sie sollten die Freiheit haben, diese Orte so zu gestalten, dass es ihnen bei der Trauerbewältigung hilft. Obwohl der Friedhof auch ein gesellschaftlicher Ort mit allgemeinen Gestaltungsvorgaben sei, stehe er an erster Stelle für die Verstorbenen und die Hinterbliebenen. Ein Umdenken sei notwendig, zeitgemäß und für die Zukunft der Friedhöfe unerlässlich.
Über den VFFK
Der VFFK hat es sich zur Aufgabe gemacht, die traditionelle Bestattungs-, Friedhofs- und Erinnerungskultur zu pflegen und zu fördern. Der Verein vertritt den Standpunkt, dass jeder Mensch ein Anrecht auf Gedenken und Erinnerung hat und Angehörige ein Recht auf einen Ort der Trauer an einer würdigen Grabstätte. Daher legt der VFFK Wert auf den toleranten Umgang mit unterschiedlichen Auffassungen von Tod und Trauer, sowohl individueller als auch kultureller Prägung.