Ursachen der Lebensraumgefährdung in Deutschland
Knapp zwei Drittel der Lebensraumtypen in Deutschland sind laut der Roten Liste der Biotoptypen von 2017 gefährdet. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat die Ursachen dieser Gefährdung systematisch ausgewertet und die Ergebnisse in der November-Ausgabe der Fachzeitschrift „Natur und Landschaft“ veröffentlicht.
Die Analyse zeigt, dass viele negative Entwicklungen, die bereits in der Roten Liste von 2006 festgestellt wurden, weiterhin bestehen oder sich verstärkt haben. Die intensive Landnutzung bleibt der Hauptverursacher für die Gefährdung von Lebensräumen, insbesondere bei Offenlandbiotoptypen wie Wiesen und Weiden.
Zusätzlich erhöht die Freizeitnutzung, beispielsweise durch Geocaching oder illegales Motocrossing, den Druck auf naturnahe Lebensraumtypen. Dies betrifft besonders die Biotope in den Alpen und an den Küsten Deutschlands. Der Klimawandel wird bei allen Hauptgruppen der Lebensraumtypen als zunehmend bedeutsame Gefährdungsursache genannt, insbesondere für die Biotoptypen der Alpen.
Handlungsbedarf und spezifische Gefährdungsfaktoren
Die jetzt veröffentlichte Analyse legt detailliert offen, welches die hauptsächlichen Ursachen für die massive Gefährdung unserer Lebensräume sind. Damit verbindet sich zugleich eine dringende Handlungsaufforderung in Richtung Politik und Verwaltung, stärker auf eine naturverträglichere Landnutzung hinzusteuern und zugleich die Folgen des Klimawandels zu begrenzen.
Dies betont BfN-Präsidentin Prof. Dr. Beate Jessel. Die Auswertung macht deutlich, dass auch gesetzlich geschützte Biotoptypen und Schutzgebiete von externen Einflüssen betroffen sind. Hierzu zählen die weiterhin zu hohen Stickstoffeinträge, die besonders stickstoffempfindliche Landlebensräume wie Moore sowie nährstoffarme Seen und Kleingewässer betreffen.
Der Schutz und die Pflege einzelner Lebensräume ist somit bei weitem nicht hinreichend. Es gilt vielmehr, an den Ursachen anzusetzen, wie der konsequenten Verminderung von Nährstoffeinträgen insbesondere durch Stickstoff und einer Umsteuerung in allen Bereichen der Landbewirtschaftung hin zu nachhaltigen Nutzungen. Ebenso ist die Verschmutzung von Oberflächengewässern zu reduzieren sowie der Wasserhaushalt von Feuchtgebieten und Mooren zu verbessern. Auch die Besucherlenkung in aus Naturschutzsicht sensiblen Bereichen gilt es vielerorts zu optimieren.
Trotz der negativen Entwicklungen sind auch Verbesserungen erkennbar, etwa bei einigen Fließgewässer-Biotoptypen, was unter anderem auf die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie seit 2000 zurückzuführen ist.
Detaillierte Analyse der Gefährdungsfaktoren
Für ausgewählte Lebensraumgruppen ergeben sich aus der Analyse spezifische Gefährdungsfaktoren:
- Artenreiche Grünlandbiotope und Ackerbegleitbiotope (Säume, Steinriegel, Hecken) sind durch die zunehmende Intensivierung der Landbewirtschaftung hochgradig gefährdet. Dies wirkt sich direkt auf die Insekten- und Vogelvielfalt in der Agrarlandschaft aus.
- An den Küsten von Nord- und Ostsee führen neue Outdoor-Aktivitäten und Sportarten wie ungeregeltes Kite-Surfen zu Beeinträchtigungen empfindlicher Lebensräume. Nähr- und Schadstoffe aus Küstengewässern beeinträchtigen weiterhin fast die Hälfte aller Küstenlebensräume.
- Nährstoffarme stehende Gewässer (oligotrophe Seen und Kleingewässer) sowie vielerorts das Grundwasser weisen weiterhin zu hohe Nährstoffeinträge auf, insbesondere aus der umgebenden Agrarlandschaft. Dies beeinträchtigt ihre Funktion als Lebensraum.
- Viele Fließgewässer sind trotz Verbesserungen der Gewässerqualität und Renaturierungsmaßnahmen durch umfangreiche gewässerbauliche Maßnahmen der Vergangenheit weiterhin beeinträchtigt. Hier ist die konsequente Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie zur Wiederherstellung eines guten Gewässerzustands erforderlich.
