Hintergrund der Maßnahmen und die Kritik der Umweltverbände
Die Rodungen erfolgen, nachdem eine Aufforderung der unteren Wasserbehörde im Landkreis Lüchow-Dannenberg an rund 300 Grundstückseigentümer, elbnahe Flächen von Auengehölz zu befreien, weitgehend unbeachtet blieb. Betroffen sind etwa 25 Kilometer Elbufer, entlang derer die Weichholzaue weitgehend beseitigt werden soll. Nach Informationen der Umweltschützer plant die Verwaltung des Biosphärenreservats zudem den Einsatz von Ziegen und Schafen zur "Bekämpfung" nachwachsender Weichhölzer.
Die Kritiker werfen Minister Sander vor, sich über den Schutzstatus des Biosphärenreservats hinwegzusetzen und vorgeschriebene Verträglichkeitsprüfungen gemäß der Fauna-Flora-Habitat (FFH)- und der Vogelschutzrichtlinie zu ignorieren. Da zudem naturschutzrechtliche Befreiungen oder Ausnahmegenehmigungen nicht beantragt wurden, prüft die DUH rechtliche Schritte gegen den Minister. Cornelia Ziehm, Leiterin Verbraucherschutz und Recht der DUH, betonte, Sanders Vorgehen stehe im Widerspruch zum geltenden Naturschutzrecht für die Kernzone des Biosphärenreservats.
„Die Vorschriften des Umwelt- und Naturschutzrechts sind auch dazu da, dass ein Umweltminister Sander sie beachtet. Die heutige Aktion zeugt von einem bedenklichen Rechts- und Amtsverständnis dieses Mannes.“Cornelia Ziehm, Leiterin Verbraucherschutz und Recht der DUH
Eckart Krüger vom BUND Lüchow-Dannenberg bezeichnete die Hochwasserpolitik in Niedersachsen als "Stück aus dem Tollhaus" und kritisierte die Überlassung der Natur an eine marktliberale FDP.
Wissenschaftliche Einordnung und alternative Ansätze zum Hochwasserschutz
DUH und BUND argumentieren, dass Sander aus den Hochwasserereignissen der vergangenen Jahre falsche Schlüsse zieht. Sie bemängeln, dass der Minister nicht die überfällige Wende zu einem nachhaltigen Hochwasserschutz einleite, sondern sich in "ahnungslosem Populismus" ergehe. Statt fehlende Überflutungsflächen, Engstellen zwischen Deichen oder die Abstimmung zwischen Anrainerländern zu adressieren, konzentriere sich der Minister auf die Beseitigung von Büschen und Bäumen am Elbufer.
Die Grundlage für das Vorgehen des Ministeriums bildet ein Gutachten des Ingenieurbüros Schwerin (ibs) aus dem Jahr 2004. Dieses Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass Weichholzbestände im Hochwasserfall einen Wasseranstieg von bis zu 50 Zentimetern verursachen können. Wissenschaftler des Instituts für Wasser- und Gewässerentwicklung der Universität Karlsruhe haben diese Ergebnisse jedoch auf Veranlassung der DUH überprüft und für "nicht haltbar" erklärt. Sie warfen ibs "massive Ungenauigkeiten" vor, da das zugrunde liegende eindimensionale Strömungsmodell keine solide Beurteilungsgrundlage biete. Ein zweidimensionales Modell hätte gezielte Eingriffe an potenziellen "hydraulischen Flaschenhälsen" ermöglicht.
Frank Neuschulz, Leiter Naturschutz bei der DUH, resümierte: "Sander wollte keine Fachdiskussion, er wollte holzen." Er kritisiert, dass Niedersachsen sich als Bremser im Naturschutz präsentiere und der bundesweit einzige FDP-Umweltminister den Stellenwert der Ökologie in seiner Partei demonstriere. Derzeit praktiziere kein anderes Bundesland an der Elbe eine vergleichbare Vorgehensweise.
Die geplanten Maßnahmen, einschließlich des Einsatzes von Ziegen und Schafen zur Beseitigung von Weichholzauen, stellen laut den Umweltschützern einen europaweit geschützten Lebensraum in Frage. Auwälder an der unteren Mittelelbe, die als "Hot Spots" des Artenreichtums gelten und Heimat für bestandsgefährdete Arten wie Elbe-Biber, Flussuferläufer, Beutelmeise und Pirol sind, sollen durch diese Eingriffe weiter dezimiert werden.