Herausforderungen und Perspektiven der Agrarbranche
Der „Tag des offenen Hofes“ dient nicht nur der Präsentation landwirtschaftlicher Praxis, sondern auch als Plattform für Diskussionen über die Herausforderungen der Branche. Beim Bundesauftakt auf dem Betrieb der Familie Purpus in Seesbach standen die Perspektiven der Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen politischen Erwartungen und wirtschaftlichem Wettbewerb im Mittelpunkt.
Benjamin Purpus, der gastgebende Betriebsleiter, thematisierte die Praxisferne politischer Programme. Er betonte, dass Artenvielfalt und Biodiversität für Landwirte wichtig seien und Investitionen in Blühstreifen getätigt würden. Gleichzeitig kritisierte er, dass Programme oft am Schreibtisch entworfen würden und nicht ausreichend auf die Gegebenheiten der Höfe abgestimmt seien. Der Familienbetrieb, der Milchviehhaltung und Ackerbau betreibt, sieht sich durch Baurecht und Emissionsschutzrichtlinien in seiner Entwicklung eingeschränkt. Trotz dieser Hürden gelinge die Weiterentwicklung im Bereich Tierwohl durch das Engagement der Landwirte.
Darüber reden wir und versuchen uns tagtäglich am Spagat zwischen politischen Vorgaben und wirtschaftlichem Überleben. Es braucht mehr Unterstützung und weniger Bürokratie, damit wir unsere Höfe erfolgreich in die Zukunft führen können.
Dies äußerte Purpus beim „Talk im Hunsrück“. Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, forderte angesichts zunehmender Risiken durch den Klimawandel eine gesamtdeutsche Lösung für Mehrgefahrenversicherungen. Er sprach sich für einen nachhaltigen Pflanzenschutz aus, lehnte jedoch die Sustainable Use Regulation (SUR) ab. Stattdessen forderte er pragmatische Lösungen, die in Zusammenarbeit mit Praxis und Wissenschaft entwickelt werden.
Oliver Conz, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), stellte klar, dass Bundesminister Özdemir aktuell keine Verbote im Bereich des Pflanzenschutzes plane. Er versprach, dass nicht mit dem „Ordnungsrechthammer“ vorgegangen werde, und bat um Verständnis für die Sorgen der Bevölkerung bezüglich der Artenvielfalt. Theresa Schmidt, Vorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend, erinnerte an die Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft, die vor drei Jahren ausgehandelt wurden und deren Umsetzung noch aussteht. Sie betonte, dass dies die Entwicklung bremse und gute Rahmenbedingungen für die Zukunft erforderlich seien.
Dazu gehöre eine solide und flächendeckende Förderung für Junglandwirte. Schmidt wies auch auf die Notwendigkeit einer besseren Mobilfunk- und Internetabdeckung hin, da die Digitalisierung die Arbeit erleichtern, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren und Arbeitskräfte einsparen könne. Sie kritisierte, dass der Empfang auf dem Feld oft unzureichend sei. Daniela Schmitt, Ministerin für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in Rheinland-Pfalz, unterstützte diese Forderungen. Sie erklärte, dass ihre Landesregierung attraktive Rahmenbedingungen für die junge Generation von Landwirten schaffen wolle, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Ziel sei es, Wertschätzung, Planungssicherheit und Zukunftsperspektiven zu bieten, um die Hofübernahme zu erleichtern. In Rheinland-Pfalz könnten Nachwuchskräfte durch die Kombination von Junglandwirteförderung, Niederlassungsprämie und Bonus im Agrarinvestitionsförderungsprogramm bis zu 14.500 Euro an Fördermitteln erhalten.
Ursula Braunewell, Vizepräsidentin des Deutschen LandFrauenverbands, thematisierte die geringe Anzahl von Frauen in Führungspositionen landwirtschaftlicher Betriebe, die aktuell nur elf Prozent ausmacht. Sie führte dies nicht auf mangelnde Ausbildung zurück, sondern auf strukturelle Zugangshindernisse. Dazu gehören überholte Geschlechterbilder und Lücken in der sozialen Absicherung von Frauen, beispielsweise bei Schwangerschaft oder im Alter. Die Beseitigung dieser Schwachstellen sei entscheidend, um Frauen den Weg in Führungspositionen in der Landwirtschaft zu ebnen.
Die Diskussion verdeutlichte die Komplexität der heutigen Landwirtschaft. Themen wie Wettbewerbsfähigkeit, Tierwohl, Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes, Mindestlohn, Probleme mit dem Wolf und die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) wurden behandelt. Angesichts der anstehenden Haushaltsverhandlungen in Brüssel und der großen Herausforderungen forderte Bauernpräsident Joachim Rukwied eine deutliche Ausweitung des Agrarbudgets. Der „Tag des offenen Hofes“ schafft Verständnis für diese Anliegen und bietet Denkanstöße für zukünftige Entwicklungen.
Der bundesweite „Tag des offenen Hofes“ ist eine gemeinsame Initiative des Deutschen Bauernverbandes, des Bundes der Deutschen Landjugend, des Deutschen LandFrauenverbandes und deren Landesverbänden. Die Landwirtschaftliche Rentenbank unterstützt diese Aktion.
