Bilanz und Ausblick nach der Krefelder Studie
Vor fünf Jahren machte der Entomologische Verein Krefeld mit einer Studie auf das Insektensterben aufmerksam. Die Untersuchung belegte einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in Schutzgebieten um rund 75 Prozent über einen Zeitraum von 30 Jahren. Seitdem haben weitere Studien diesen Trend bestätigt. Der NABU zieht nun eine Bilanz und stellt fest, dass trotz einiger Fortschritte weiterhin ambitionierte Regelungen, insbesondere beim Pestizideinsatz, fehlen, um Insekten wirksam zu schützen.
Mit seiner Studie hat der Entomologische Verein Krefeld erstmals das dramatische Insektensterben auf wissenschaftlicher Grundlage belegt. Das hat viele Menschen wachgerüttelt und zu einem Umdenken in Politik und Bevölkerung geführt. So wurden mehrere erfolgreiche Volksbegehren für den Insektenschutz gestartet. Fünf Jahre später ist es wieder ruhiger geworden um den Insektenschutz in Deutschland. Zwar gab es seit Veröffentlichung der Studie erste Schritte in die richtige Richtung. Aber weder bei den Lebensräumen noch bei den Pestiziden wurde genug getan.
Initiativen wie Blühflächen oder Insektenhotels zeigen, dass das Thema in Landwirtschaft und Kommunen angekommen ist. Auch das Insektenschutzpaket der Vorgängerregierung wurde verabschiedet. Allerdings wurden die darin enthaltenen Maßnahmen nach langen Diskussionen und Blockaden so weit abgeschwächt, dass sie die Insektenpopulationen nicht ausreichend schützen.
Irreversible Verluste von biologischer Vielfalt im Schutzgebietsnetz laufen in ähnlichem Ausmaß voran, wenn wir so weitermachen wie bisher. Es sind meist die letzten Lebensräume der bereits heute vom Aussterben bedrohten Arten. Insekten sind nur ein Teil davon. Mit der heutigen Technik können wir die Gesamtdiversität von Organismen kostengünstig aufdecken, um Biodiversität umfassender zu verstehen und gezielt zu schützen. Das ist der Kenntnisfortschritt der Forschung in den vergangenen fünf Jahren.
Nach der Veröffentlichung der „Krefelder Studie“ gab es zunächst eine Aufbruchsstimmung in der Politik. Weitere Biotope wurden unter Schutz gestellt, die Lichtverschmutzung reduziert und Gewässerrandstreifen besser geschützt. Der Einsatz von Pestiziden wurde jedoch nur in höher kategorisierten Schutzgebieten, wie Nationalparks, eingeschränkt. In Fauna-Flora-Habitat- und Vogelschutzgebieten gibt es zahlreiche Ausnahmeregelungen, und in der ungeschützten Landschaft bestehen keine Einschränkungen. Im aktuellen Koalitionsvertrag findet der Insektenschutz kaum noch Beachtung.
Große Hoffnungen ruhen auf europäischer Ebene. Das EU-Renaturierungsgesetz und die EU-Verordnung zum nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (Sustainable Use Regulation) könnten eine Trendwende beim Insektensterben bewirken.
Dafür braucht es ambitionierte Regelungen – wir fordern eine deutliche Pestizidreduktion auf allen Flächen um mindestens 50 Prozent bis 2030. Außerdem müssen Rückzugsflächen für die Natur bereitgestellt werden. Bei dieser Herausforderung gilt es Landwirtinnen und Landwirte zu unterstützen und zu honorieren, wenn diese nachhaltig wirtschaften. Hier muss die Bundesregierung schnell handeln und die EU-Regelungen mit einer nationalen Strategie umsetzen.
Hintergrund und weitere Initiativen
Die Ergebnisse der „Krefelder Studie“ wurden nach ihrer Veröffentlichung im Oktober 2017 durch zahlreiche weitere Untersuchungen bestätigt. Als Hauptursachen für den Insektenschwund gelten intensive Landwirtschaft, Klimawandel, Verstädterung, Flächenversiegelung und der hohe Einsatz von Pestiziden. Als Reaktion darauf nahmen SPD und CDU den Insektenschutz 2018 in ihren Koalitionsvertrag auf und veröffentlichten 2019 das „Aktionsprogramm Insektenschutz“. 2021 verabschiedete der Bundestag schließlich das Insektenschutzpaket.
Als Folge der „Krefelder Studie“ initiierte der NABU den „Insektensommer“, eine bundesweite Insektenzählung, um die Bevölkerung für die Insektenwelt zu sensibilisieren. Zudem startete das NABU-Forschungsprojekt DINA (Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen). Im Rahmen dieses Projekts dokumentieren Wissenschaftler in 21 repräsentativen Gebieten bundesweit die Insektenvielfalt und erforschen Umwelteinflüsse auf die Tiere mittels standardisierter Monitoring-Methoden.
