Die Grüne Stadt

Strategische Pflanzplanung für nachhaltige grüne Infrastruktur

Professor Jonas Reif von der FH Erfurt forscht zur strategischen Pflanzplanung. Er konzentriert sich auf die Leistungsfähigkeit von Pflanzen im urbanen Raum und die Nachhaltigkeit von Pflanzprojekten, um Städte klimaresilienter zu gestalten.

Professor Jonas Reif und seine Forschungsschwerpunkte

Seit Herbst 2019 ist Professor Jonas Reif an der Fachhochschule Erfurt im Fachbereich Landschaftsarchitektur für das Gebiet Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte zuständig. Zuvor war er von 2011 bis 2018 verantwortlicher Redakteur der Ulmer Fachzeitschriften „Gartenpraxis“ und „Gärten“ und hat mehrere Fachbücher zur Pflanzenverwendung publiziert.

Seine Forschung und Lehre an der FH Erfurt konzentriert sich neben allgemeinen Aspekten der Pflanzenverwendung, die den standortgerechten Einsatz von Pflanzen sowie ästhetische und funktionale Aspekte umfassen, auf zwei Kernfragen: die Leistungsfähigkeit von Pflanzen im urbanen Raum und die Nachhaltigkeit von Pflanzprojekten. Diese Themen lassen sich unter dem Begriff Strategische Pflanzplanung zusammenfassen.

Bedeutung der Strategischen Pflanzplanung

Die Pflanzplanung wird oft als bloße Teilaufgabe der Freiraumplanung betrachtet, wodurch ihr Potenzial ungenutzt bleibt. Angesichts zunehmender Verstädterung und des Klimawandels ist eine Stadtplanung erforderlich, die die Überhitzung urbaner Bereiche reduziert. Bäume sind dabei effektive Klimaanlagen in Städten, vorausgesetzt, sie werden ausreichend bewässert. Eine strategische Pflanzplanung sollte nicht nur Restflächen begrünen, sondern aktiv in die Architektur integriert werden. Idealerweise sollten in Innenstädten keine Gebäude ohne aktiv bewässerte Gründächer und Baumreihen auf der Südseite errichtet werden.

Nachhaltigkeit und Klimawandel

Die Annahme, dass mehr Pflanzen automatisch mehr Nachhaltigkeit bedeuten, ist nicht immer zutreffend, insbesondere bei kurzlebigen Sortimenten. Auch der Ansatz, Pflanzen ein langes Leben zu ermöglichen, etwa durch optimale Baumstandorte, ist nicht zwingend die nachhaltigste Lösung. Es kann sinnvoll sein, anspruchsarme Pionierbaumarten zu pflanzen, die nach etwa 30 Jahren ausgetauscht werden, da die Pflegekosten älterer Bäume erheblich steigen. Lebenszykluskosten und CO2-Bilanzen sollten in der Pflanzenverwendung berücksichtigt werden.

Die Folgen des Klimawandels zeigen sich verstärkt im bebauten Raum. Im Fokus stehen Gehölze, die Hitze- und Trockenstress tolerieren. Für die aktive Kühlfunktion in Innenstädten sind jedoch Pflanzen notwendig, die mit künstlicher Bewässerung maximal transpirieren. Der Klimawandel ermöglicht durch weniger Frosttage in Städten den Einsatz eines größeren Pflanzensortiments, einschließlich Palmen, Wüstenpflanzen und australischem Eukalyptus.

Zukünftig gilt es, falsche Pflanzen an falschen Standorten zu vermeiden. Dies kann auch bedeuten, vorhandene Pflanzen zu ersetzen, wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtert haben, auch wenn dies nicht immer den Baumschutzsatzungen entspricht.

Grüne Infrastruktur in Städten

Eine grüne Infrastruktur beginnt mit der Planung neuer Gebäude, die von Anfang an „grün“ konzipiert werden, inklusive Pflanzenverschattung, bewässerten Gründächern und Grauwassernutzung. In Innenstädten sollten selbst kleine Flächen begrünt werden. Baumpflanzungen in Straßen sollten Vorrang vor Medien und Parkplätzen erhalten.

Die Artenvielfalt spielt eine wesentliche Rolle. Es wäre vorteilhaft, wenn Behörden die in den USA anerkannte 30/20/10-Regel nach Santamour beachten würden, die eine höhere Diversität bei Baumpflanzungen fördert. Diese Regel besagt, dass maximal 30 Prozent aller in Straßen und Parkanlagen gepflanzten Bäume aus einer Pflanzenfamilie, 20 Prozent aus einer Gattung und 10 Prozent von einer Art stammen sollen. Einige amerikanische Grünflächenämter gehen sogar noch weiter (15/10/5).

Eine höhere Artenvielfalt dient als Prävention gegen neue Krankheiten und klimabedingte Veränderungen. Dies würde in vielen deutschen Städten eine Reduzierung der Anteile von Linden, Spitz-Ahorn und Ahornblättriger Platane bedeuten. Es ist nicht zwingend erforderlich, verschiedene Baumarten in einer Straße zu verwenden, da Aspekte wie Ordnung, Gliederung und Identitätsstiftung bei der Auswahl eine Rolle spielen und eine Bepflanzung mit derselben Art sinnvoll sein kann.

Bedeutung von Pflanzenkenntnis und -verwendungswissen

Die Pflanzenauswahl ist heute anspruchsvoller als noch vor zehn Jahren. Dank Forschung, der Entwicklung übertragbarer Pflanzkonzepte wie Staudenmischpflanzungen und der Digitalisierung steht ein großer Wissensfundus zur Verfügung. Pflanzenbestimmungs-Apps erleichtern das Identifizieren von Pflanzen. Diese Entwicklungen müssen in der Lehre berücksichtigt werden.

Es geht zunehmend um die richtige Anwendung von Pflanzenwissen, anstatt nur um die Vermittlung detaillierter Pflanzenkenntnisse. Dennoch bleibt ein solider Grundstock an Pflanzenkenntnissen unverzichtbar für eine standortgerechte Pflanzenverwendung.

17.09.2020

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