Potenziale für mehr Artenvielfalt im urbanen Raum
Gebäudebegrünungen bieten vielfältige Vorteile: Sie verbessern die Optik, wirken thermisch dämmend und können Energiekosten senken. Zudem sorgen sie für Beschattung, reduzieren Schall, binden Feinstaub, verdunsten Wasser und tragen so zu einem angenehmen Umgebungsklima bei.
Ein weiterer Aspekt der Gebäudebegrünung rückt zunehmend in den Fokus: der Beitrag zur Steigerung der Biodiversität im urbanen Raum. Der Verlust biologischer Vielfalt ist eine große Herausforderung. In Deutschland ist ein Viertel der heimischen Insektenarten und fast jede zweite Vogelart gefährdet. Ursachen sind unter anderem die zunehmende Flächenversiegelung und der damit verbundene Verlust von Nahrungsangebot und Lebensraum, besonders in dicht besiedelten Innenstädten sowie in Neubau- und Gewerbegebieten, wo Grünflächen knapp sind.
Dächer und Fassaden bieten hier ein erhebliches Potenzial für mehr Vegetation und Artenvielfalt.
Verschiedene Möglichkeiten der Begrünung
Sowohl Dach- als auch Fassadenbegrünungen lassen sich in zwei Varianten unterteilen. Bei der Fassadenbegrünung wird zwischen bodengebundener und wandgebundener Begrünung unterschieden. Bei der bodengebundenen Variante wurzeln Schling- und Kletterpflanzen im Erdreich und beziehen von dort Wasser und Nährstoffe. Die wandgebundene Begrünung nutzt Pflanzen in Kästen oder modularen Kassettensystemen, die über eine automatische Bewässerung versorgt werden.
Für Flachdächer oder Dächer mit einer leichten Neigung sind derzeit vor allem sogenannte Extensivbegrünungen gefragt. Deren Bauhöhe und Substratschicht beträgt nur wenige Zentimeter und bietet Platz für niedrigwachsende Gräser und verschiedene Sedumarten, die besonders hitzetolerant sind, kaum Pflege benötigen und denen ein gelegentlicher Regenschauer als Wasserversorgung ausreicht. Uschi App vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. (BGL)
Ist die Statik des Hauses ausreichend, kann auf Dächern auch eine Intensivbegrünung realisiert werden. Diese ermöglicht die Anlage eines vielfältig nutzbaren Gartens mit Sitzplätzen, Rasenflächen, Stauden- oder Gemüsebeeten sowie kleinen Gehölzen. Die Aufbauhöhe bei einer Intensivbegrünung beträgt mindestens 25 Zentimeter.
Die Systeme zur Dach- und Fassadenbegrünung sind technisch ausgereift und vielfach erprobt. Die Wahl der geeigneten Variante hängt von den jeweiligen Gegebenheiten und Standortbedingungen ab. Auch Kombinationen verschiedener Systeme sind möglich.
Vielfältiges Nahrungsangebot und Nistplatzstrukturen schaffen
Grundsätzlich ist jede dieser Begrünungen ein Schritt in die richtige Richtung und macht den bebauten Raum lebendiger. Will man damit aber tatsächlich auch die Biodiversität gezielt fördern, empfiehlt es sich, bei der Pflanzenauswahl nicht nur auf Optik und Pflegeaspekte zu schauen oder ausschließlich auf Immergrüne zu setzen. Es sollte ebenfalls darauf geachtet werden, dass die Vegetation Insekten, Vögeln und Co. von Frühjahr bis Spätherbst ein möglichst großes Nahrungsangebot bietet. Uschi App
Unterschiedliche Wildstauden, Kräuter, Bodendecker und Wiesenblumen, die vertikal oder auf intensiv begrünten Dächern wachsen, dienen als Nektar- und Pollenquellen. Die Früchte von Kletterpflanzen wie Efeu und Wildem Wein sind eine Nahrungsquelle für Vögel wie Drosseln, Stare oder Amseln.
Letztendlich gilt bei Dach- und Fassadengrün das gleiche, wie in jedem Garten: Vielfalt schafft Vielfalt! Je mehr unterschiedliche – vorzugsweise heimische – Pflanzenarten es gibt, um so diverser ist auch die Fauna, die sich darin tummelt. Uschi App
Neben dem Nahrungsangebot bieten solche Gebäudebegrünungen der Tierwelt durch ihren Strukturreichtum auch wertvolle Lebensräume. Landschaftsgärtner empfehlen, zusätzlich Nistkästen für Höhlenbrüter sowie mineralische und organische Materialien zu integrieren. Sandlinsen auf dem Dach sind ideal für bodennistende Wildbienenarten, und Totholz bietet zahlreichen Insekten ein Zuhause. Die Sicherung dieser Elemente gegen Wind und Wetter ist dabei wichtig.
Im Pflegekonzept wird teilweise vorgeschlagen, in gewissem Maße auch Spontanvegetation wie Klee oder Disteln zuzulassen, da diese Pflanzen oft eine hohe ökologische Bedeutung haben. Zudem sollten vertrocknete oder abgestorbene Pflanzenteile nicht immer sofort vollständig entfernt werden, da sie wichtige Habitate für einige Tiere darstellen.
Vielleicht braucht es in Zeiten des Artensterbens einen neuen Blick auf Dach- und Fassadenbegrünung. Wir sollten akzeptieren, dass es nicht immer nur die perfekten, immergrünen Flächen sein müssen, sondern dass sie sich im Laufe des Jahres auch verändern dürfen. Im Herbst und Winter können durchaus auch einmal Brauntöne das Bild dominieren. Denn so ist es in der hiesigen Natur ja auch. Uschi App


