Die Grüne Stadt

Insektenschutz im GaLaBau: Impulse aus Hohenheim

Studierende der Universität Hohenheim zeigen, wie Gärten und Grünanlagen zu Lebensräumen für Insekten werden können. Die Initiative „Bunte Wiese Stuttgart“ betont die Bedeutung von Insekten als Basis der Ökosysteme und reagiert auf das Insektensterben.

Hohenheimer Studierende engagieren sich für Insektenvielfalt

Studierende der Universität Hohenheim zeigen auf, wie Gärten und Grünanlagen zu Lebensräumen für Insekten entwickelt werden können. Die studentische Initiative „Bunte Wiese Stuttgart“ betont die Bedeutung von Insekten als Basis der Ökosysteme und reagiert damit auf das Insektensterben der letzten Jahrzehnte.

Neben der Landwirtschaft können auch Kommunen, öffentliche Einrichtungen, Unternehmen und private Gartenbesitzer einen Beitrag zum Insektenschutz leisten. Die Initiative demonstriert dies unter anderem mit Beispielprojekten auf dem Hohenheimer Campus. Ziel ist es, ein Bewusstsein für die heimische Insektenwelt zu schaffen. Anlässlich des Themenmonats „Artenvielfalt“ im Wissenschaftsjahr 2020 „Bioökonomie“ berichtet die Initiative über ihre Aktivitäten.

Die Initiative „Bunte Wiese Stuttgart“

Die Initiative „Bunte Wiese Stuttgart“ entstand im Dezember 2018 nach einer Forschungstagung zum Insektensterben. Studierende der Biologie, darunter Marina Moser, Jenny Michel und Daniel Bölli, waren von den Ergebnissen der Tagung betroffen und wollten aktiv werden. Ursprünglich lag der Fokus auf der Schaffung von Insektenwiesen im öffentlichen Raum Stuttgarts. Aufgrund bürokratischer Hürden verlagerte sich der Schwerpunkt jedoch auf Öffentlichkeitsarbeit, Wissensvermittlung und Beratung.

Unser ursprüngliches Ziel war es, uns hier in Stuttgart für mehr Insektenwiesen im öffentlichen Raum einzusetzen. Schnell stellte sich aber heraus, dass es dabei sehr viele bürokratische Hürden gibt. Als Studierende stießen wir dabei irgendwann an unsere Grenzen. Immer mehr erkannten wir allerdings auch, dass es in unserer Gesellschaft oft noch am grundlegenden Problembewusstsein fehlt bzw. an Kenntnissen wie Insektenschutz überhaupt gelingen kann. Deshalb haben wir unsere Ausrichtung ein wenig verlagert: Wir wollen Öffentlichkeitsarbeit leisten, praktisches Wissen vermitteln und beraten.

Daniel Bölli ergänzt, dass die Initiative ihre Begeisterung für die heimische Tier- und Pflanzenwelt weitergeben möchte, da nur Bekanntes und Geschätztes geschützt werden kann. Vorbild ist die Initiative „Bunte Wiese Tübingen“. Mittlerweile gibt es Schwester-Initiativen in Landau, Berlin und Tirol, mit denen kooperiert wird.

Öffentliche Wahrnehmung und tatsächliche Wirkung

Dr. Sebastian Görn von der Wilhelma stellt fest, dass Medienberichte, wie die Krefeld-Studie von 2017, ein Bewusstsein für den Rückgang der Insektenbiomasse geschaffen haben. Viele Menschen erinnern sich an die frühere Insektenvielfalt. Ein grundlegendes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen ist vorhanden. Dennoch fehle es oft an der Erkenntnis, wie bedrohlich das Artensterben tatsächlich ist, und konkrete Konsequenzen blieben vielerorts aus. Zudem gingen viele Diskussionen und Initiativen am Kern des Problems vorbei.

Prof. Dr. Lars Krogmann, Fachgebiet Systematische Entomologie, erläutert, dass das Anpflanzen von bunten Blumen aus dem Baumarkt, die als „bienenfreundlich“ beworben werden, oft keinen wesentlichen Beitrag zum Insektenschutz leistet. Diese Pflanzen sind häufig Exoten und bieten heimischen Insekten, die an die heimische Pflanzenwelt angepasst sind, nur begrenzten Nutzen. Lediglich anspruchslose, nicht bedrohte Insektenarten profitieren davon. Problematisch sei auch, dass Bienen oft als Symbol für das gesamte Insektensterben herangezogen werden.

Dr. Sebastian Görn weist darauf hin, dass bei Bienen oft zuerst an Honigbienen gedacht wird, die als Nutztiere vom Menschen gezüchtet werden und nicht vom Artensterben betroffen sind. Ein Bienenstock auf dem Dach sei zwar ein Hobby, leiste aber keinen substanziellen Beitrag gegen das Artensterben und könne sogar mit Wildbienen konkurrieren. Käfer, Spinnen und Falter hingegen erhielten weniger Aufmerksamkeit, obwohl alle Wiesenbewohner – Tiere und Pflanzen – einen spezifischen und wertvollen Beitrag zu einem funktionierenden Ökosystem leisten.

Maßnahmen für den Artenschutz

Daniel Bölli nennt als wichtigste Maßnahme: weniger mähen. Bei jedem Mähvorgang sterben 50 bis 90 Prozent der Insekten, und Wildblumen können nicht zur Samenreife gelangen. Bleibt das Schnittgut liegen, wird der Boden gedüngt, was heimische Wildkräuter, die magere Böden bevorzugen, benachteiligt. Ideal sei es, nur zweimal im Jahr zu mähen, im Juni und September, und dabei etwa 10 Prozent der Fläche stehen zu lassen.

Dr. Sebastian Görn ergänzt, dass der Verlust von Strukturelementen wie Sandhügeln, Totholz, Offenstellen im Rasen, Laubhaufen und Pfützen problematisch ist, da diese für viele Arten überlebenswichtig sind. Er plädiert dafür, wieder mehr „Unordnung“ in der Umgebung zuzulassen.

Akzeptanz und Ästhetik

Jenny Michel schlägt vor, ein kleines Schild im Vorgarten anzubringen, um auf die bewusste Gestaltung einer Wildwiese hinzuweisen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Initiative plant, Informationstafeln in den Hohenheimer Gärten aufzustellen, um Spaziergänger über die wilden Wiesen zu informieren und zum Nachahmen anzuregen. Marina Moser empfiehlt für öffentliche Flächen sogenannte „Akzeptanzstreifen“: Ein Großteil der Fläche wird wachsen gelassen, während entlang von Wegen gemäht wird, um die bewusste Maßnahme zu verdeutlichen. Solche Flächen können auch als Kompromiss für verschiedene Nutzungsarten dienen.

Letztendlich sei es notwendig, ästhetische Ideale zu hinterfragen. Solange Wildkräuter als „Unkraut“ betrachtet werden, sei der Insektenschutz erschwert. Es gelte, den Reiz einer wilden Wiese zu entdecken.

Aktuelle Projekte der Initiative

Jenny Michel berichtet, dass der erste Schritt der Aufbau einer Homepage war. Diese bietet Informationen zu wissenschaftlichen Hintergründen des Insektensterbens sowie praktische Tipps zu Mähpraktiken und weiteren Schutzmaßnahmen. Die Reihe „Wiesenbewohner des Monats“ lädt dazu ein, heimische Arten kennenzulernen. Über Social-Media-Kanäle beteiligt sich die Initiative an Aktionen wie #MehrAlsUnkraut, bei der seltene heimische Pflanzen am Wegesrand mit Kreide beschriftet und online geteilt werden.

Marina Moser kündigt an, die Öffentlichkeitsarbeit zukünftig durch Infostände und Veranstaltungen zu verstärken. Modellprojekte auf dem Hohenheimer Campus sollen zeigen, wie gut eine wachsende Wiese aussehen kann und wie viele Arten sich dort ansiedeln. Ein Erfolg ist die Kooperation mit der Hedwig-Dohm-, Alexander-Fleming- und it.schule Stuttgart, bei der auf dem Schulgelände eine Insektenwiese als Unterrichtsprojekt angelegt wird.

Mitglieder und Unterstützung

Daniel Bölli betont, dass die Initiative offen für alle Mitwirkenden ist. Derzeit sind hauptsächlich Hohenheimer Biologie-Studierende aktiv, aber auch wissenschaftliche Mitarbeiter des Staatlichen Naturkundemuseums Stuttgart engagieren sich. Unterstützung kommt von Hohenheimer Professoren, den Hohenheimer Gärten und dem Naturkundemuseum. Auch das Landesamt für Vermögen und Bau, zuständig für die Flächen um die Universitätsgebäude, konnte als Kooperationspartner gewonnen werden.

Prof. Dr. Lars Krogmann bestätigt die Unterstützung durch das Kompetenzzentrum für Biodiversität und integrative Taxonomie, das von der Universität Hohenheim und dem Naturkundemuseum gemeinsam getragen wird. Das gemeinsame Ziel sei es, Praxiswissen zum Erhalt der Artenvielfalt in die Gesellschaft zu tragen.

29.06.2020

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